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Moderator GM&P .

Anmeldungsdatum: 21.01.2006 Beiträge: 5916
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Verfasst am: 28.März 2007 16:11 Titel: Investments in moralisch umstrittene Aktien |
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Alkohol, Glücksspiel, Rüstung.
Investments in moralisch umstrittene Aktien aus Branchen wie Tabak oder Waffen können hohe Erträge bringen.
Was ist vertretbar und was nicht?
„Aktien aus den Branchen Tabak, Alkohol, Glücksspiel und Rüstung haben in guten wie in schlechten Börsenzeiten stetige Erträge gebracht“, sagt Charles Norton, Fondsmanager des nur in den USA verkauften Vice Fund (Lasterfonds), der sich auf diese vier Branchen konzentriert. „Diese Industrien sind von Natur aus defensiv und schneiden vor allem dann besser ab, wenn die Konjunktur schwächelt und die Börse herumkrebst.“ Wenn Bernankes Vorgänger Alan Greenspan mit seiner düsteren Warnung vor einer Rezession in den USA recht behält, dürften die sündigen Branchen in neuem Glanz erstrahlen, hofft Norton.
Klar. Geraucht wird immer, gesoffen wird gerade in schlechten Zeiten, und die Glücksspiel- und Wettbranche ist von jeher konjunkturunabhängig. Im Prinzip gilt dies auch für die Sexindustrie, doch hier gibt es für den Geschmack der Sündenmanager einfach zu wenig solide Aktien.
Eine Studie der Eastern New Mexico University über 55 Aktien aus den Branchen Tabak, Alkohol und Glücksspiel ergab, dass diese zwischen 1992 und Ende 2002 deutlich besser abschnitten als die Börse insgesamt. Der US-Index S&P 500 schaffte in diesem Zeitraum durchschnittlich 12,4 Prozent Zuwachs – Tabak- und Alkoholaktien stiegen doppelt so stark, und die Papiere der großen Casinobetreiber legten gar mehr als 40 Prozent zu. Auch der erst gegen Ende der Baisse 2002 aufgelegte Vice Fund schlug den S&P 500 deutlich.
Können Anleger es verantworten, in moralisch umstrittene Branchen zu investieren?
„Ob man diese Aktien kauft, hängt vom Wertesystem des Einzelnen ab“, sagt der Theologe und ehemalige Benediktinerpater Anselm Bilgri, der heute Manager berät. Nicht akzeptabel seien Investments in Unternehmen, wenn sie „die Unantastbarkeit des Menschenlebens nicht akzeptieren“.
Das gelte aber ausdrücklich nicht in Bausch und Bogen für alle Rüstungsaktien.
Vorbehalte gegen bestimmte Branchen hegen trotzdem nicht nur unverbesserliche Puritaner oder durchgeknallte Ökopaxe. Schäden, die manche Branchen direkt oder indirekt anrichten, sind ganz real. Den Herstellern von Markenzigaretten wurde im August 2006 von einem US-Bundesgericht „betrügerisches Verhalten“ bescheinigt, das vom Profitstreben getrieben werde. „Die großen Hersteller von Markenzigaretten haben sich seit über 50 Jahren in einer kriminellen Organisation zusammengefunden“, sagt der Hamburger Wirtschaftsrechts-Professor Michael Adams: „Ziel dieser weltumspannenden Organisation war es, eine objektive Forschung zu den Risiken des Rauchens zu verhindern und die Öffentlichkeit über die Wahrheit der Ursachen von Krankheit und Tod durch Zigarettenrauchen zu täuschen.“ Der Verkauf von „Light-Zigaretten“, seit vergangener Woche verboten, erfüllt nach Adams Ansicht den deutschen Straftatbestand des „gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs“.
„Man kann mit Überlegungen zu Ethik und Aktien sehr weit gehen“, sagt Klaus Kaldemorgen, Geschäftsführer von Europas größter Fondsgesellschaft DWS (Deutsche Bank). Kaldemorgen: „In den USA gehen 20 Prozent der Gesundheitskosten für die Behandlung von Übergewichtigen drauf. Darf ich deshalb keine Aktien der Süßwarenhersteller kaufen?“
Dürfe er doch, meint der wohl einflussreichste deutsche Großinvestor: „Als Investoren sollen wir das Kapital dahin lenken, wo es hohe Renditen verspricht.“ Unternehmen, in welche die DWS investiere, dürften nichts Ungesetzliches tun, aber: „Für die moralischer Wertung haben wir von unseren Kunden kein Mandat.“
Andere haben dies schon. Der belgisch-französische Finanzkonzern Dexia, mit 15 Milliarden Euro europäischer Marktführer für Ethik-Fonds, hat eine Liste von „kontroversen Themen“ erstellt, auf der unter anderem Tabak, Alkohol und Glücksspiel stehen. Wenn ein Unternehmen zum Beispiel einen zu hohen Anteil seines Umsatzes in diesen Bereichen macht, kommt es nicht in die Fonds. Deutschland hat auf dem Feld zwar noch einiges nachzuholen. „Im Ausland aber fallen für ethisch problematische Unternehmen immer mehr potenzielle Investoren weg“, sagt Dexia-Deutschland-Chef Achim Gilbert.
Hinzu kommt, dass sich ethisch verantwortungsloses Handeln auf Dauer nicht rechnen könne. Zumindest in der Theorie. „Renditen sollten nachhaltig sein. Wenn ein Unternehmen externe Kosten verursacht, wird das irgendwann sanktioniert“, sagt Kaldemorgen. Anders formuliert: Wer auf Kosten der Allgemeinheit produziert, dem fährt früher oder später die Politik mit Gesetzen in die Parade. „Hoher Kohlendioxidausstoß oder das Abholzen von Urwäldern sind nicht zu tolerieren. Hier haben wir die Pflicht, Unternehmen bezüglich ihrer Nachhaltigkeit zu analysieren“, meint Kaldemorgen.
Wirtschaftsrechtler Adams denkt ähnlich: „In einer offenen Gesellschaft werden Marktkräfte und politische Instanzen es auf Dauer nicht dulden, dass eine Industrie hohe private Gewinne auf Kosten anderer erzielt.“ Auf Sicht von wenigen Jahren hätten Tabakunternehmen deshalb ein sehr hohes Risiko. „Schon deshalb würde ich diese Aktien nicht anfassen.“
Überlegungen wie für die Zigarettenindustrie lassen sich auch für andere Sündenbranchen aufmachen: Spielsucht, an der in Deutschland je nach Schätzung zwischen 80.000 und 150.000 Menschen leiden, gefährdet Existenzen und Familien. 1,6 Millionen Bundesbürger sind alkoholabhängig. Das Berliner Robert schätzt den volkswirtschaftlichen Schaden durch Alkohol allein in Deutschland auf 20 Milliarden Euro jährlich.
Und Waffen und Minen börsennotierter Rüstungsunternehmen gelangen eben nicht nur an Verteidigungsarmeen der Nato-Staaten, sie töten auch Frauen und Kinder. Die Vice-Fund-Manager reagieren auf solche Vorhaltungen trotzig. „In einer perfekten Welt bräuchte man diese Rüstungsindustrie nicht“, sagen sie. „Solange diese perfekte Welt aber nicht existiert, wollen wir die lukrativen Aktien haben.“
Quelle: hauke reimer/wiwo |
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