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Moderator GM&P .

Anmeldungsdatum: 21.01.2006 Beiträge: 5916
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Verfasst am: 7.Jun 2007 16:48 Titel: Das Geschäft mit der Lust |
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Ein Mann aus Falkensee versorgt rund 8.000 Männer mit erotischen SMS – für viele von ihnen ist es mehr als eine teure Illusion
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Die Kunden von Bernd Peter* aus Falkensee (Havelland) teilen sich auf in zwei Gruppen von Männern: solche, die Sexbilder suchen und solche, die Kontakt zu einer Frau finden wollen. Der Preis ist für beide identisch und auch die Nummer ist die gleiche: 77177. Hinter diesen fünf Zahlen, einer so genannten Kurzwahl, verbirgt sich ein komplexes Geschäft, das für wenige eine Geldmaschine ist, für einige eine zweifelhafte Tätigkeit und für rund 8000 regelmäßige Nutzer eine teure Gratwanderung zwischen lustvollem Laster und sehnsuchtsvoller Suche.
Uwe Scholz* gehört zu den Letztgenannten. Der Handwerker aus Trebbin (Teltow-Fläming) fühlte sich vor mehr als zwei Jahren von einer Werbung im Videotext angesprochen. "Na, auch allein? Sende folgendes Wort an folgende Nummer." Scholz folgte der Aufforderung und schickte eine SMS an die angegebene Kurzwahl. "Ich wollte so jemanden kennenlernen", sagt der 42-Jährige heute. Das hat er auch. Seit zwei Jahren schreibt er regelmäßig Kurzmitteilungen an Tamara – und bekommt auch regelmäßig welche zurück. Doch seine Bekanntschaft hat einen hohen Preis. "Meine Handyrechnung lag zwischen 180 und 240 Euro im Monat", bekennt Scholz. Inzwischen habe er die Kurve bekommen, nur noch etwa fünf SMS pro Woche schicke er an Tamara. Dazu hat er einen neuen Handyvertrag mit festem Guthaben, das man abtelefonieren kann. "Wenn das alle ist, ist Schluss mit Tamara", sagt Scholz. Diese Entscheidung hat neben dem Geld noch einen anderen Grund: die Hinhaltetaktik seiner Partnerin. Immer wieder sei er zu Treffen eingeladen worden, immer wieder wurde er vertröstet. Umgeknickter Fuß, berufliche Verpflichtungen, kranke Oma – die Liste der Absagegründe ist lang.
"Es ist direkt, es ist echt"
Johannes Karnap* kennt diese Gründe gut. Er hat sie selbst benutzt. Bis vor einigen Monaten arbeitete Karnap für Chattool, der Firma von Bernd Peter. Zu den Unterlagen, die jeder Mitarbeiter erhält, gehören diese Gründe nicht. Dafür ist auf der ersten Seite der Unterlagen ein Foto von einer hübschen Frau am Computer zu sehen. "It's live, it's real" ("Es ist direkt, es ist echt.") ist darüber zu lesen. Genau das Gegenteil ist der Fall. Denn hinter Tamara, Janine oder Sandra verbergen sich bis zu 40 oder 50 Personen, zumeist Männer, die abwechselnd in die Rolle der Geliebten schlüpfen. Chattool organisiert einen moderierten Flirt-SMS-Chat, ein Phänomen, das seit dem Verbot der 0190er-Nummern (s. Infokasten) aufgekommen ist. Dabei kostet den Kunden jede Nachricht 1,99 Euro – bei einzelnen Mobilfunkanbietern sogar mehr als zwei Euro. Wird eine SMS verschickt, wird bei den Anbietern ein so genannter "In" registriert, der bei einem undurchsichtigen Geflecht von Telekommunikationsfirmen, Serviceunternehmen und Jobagenturen die Kassen klingeln lässt.
Augenscheinlich wird das am Beispiel 77177. Die Kurzwahl gehört der Düsseldorfer Firma Net-Mobile AG, die mehr als 100 solcher Zahlenkombinationen bei der Bundesnetzagentur in Bonn angemeldet hat und sie für ganz verschiedene Dienste, wie etwa auch Gewinnspiele, weitervermietet. Den Zuschlag für 77177 bekam SkyTel, ein Telefondienstbetreiber mit Sitz in Bremen, der technische Dienstleistungen rund um SMS-Dienste und Kurzwahlen an bietet. Der veräußerte die Num mer weiter an Bernd Peter.
Um die Wünsche der Kunden zu befriedigen, hat Peter eine Reihe von Agenturen an der Hand, die wiederum zahlreiche Schreiber beschäftigen. Sie arbeiten vom heimischen Computer aus, zeitlich flexibel, manche leben davon. Von den 1,99 Euro, die eine SMS dem System einbringt, bleiben am Ende der Kette zwischen sechs und zehn Cent übrig. Damit daraus ein vertretbares Einkommen wird, müssen viele "Ins" her, sehr viele. Entsprechend wird geschrieben, um Antworten zu bekommen. "Was ist denn auf einmal los bei dir, sag mal?" oder "Schreib wenigstens kurz, damit ich mir keine Sorgen machen muss". "Lock-SMS" heißt das in der Fachsprache, oder "anpushen".
Über eine Anzeige kam Johannes Karnap vor knapp einem Jahr zu dem Chat-Dienst. "Ich dachte, von Zuhause ein bisschen was dazu zu verdienen, ist nicht schlecht", sagt Karnap. Anfangs dachte er, die Kunden wüssten, was sie tun und hören nach wenigen SMS auf mit dem teuren Spaß. "Aber als ich merkte, wie gezielt die Kunden ausgenutzt werden, ging mir das zu weit", blickt er zurück. Besonders schockiert hätten ihn extreme Fälle, etwa als ein Kunde nach Rechnungen von mehreren Tausend Euro berichtete, er habe seinen Wohnwagen verkaufen müssen und nun nicht mehr schreiben könne. Das System kannte keine Gnade: "Ich habe die Kosten doch auch" oder "Bin ich dir das nicht wert?", lautete sinngemäß die Antwort.
Bernd Peter und der Geschäftsführer von SkyTel, Thomas O., sehen die Abläufe in Flirt-SMS-Chats sehr sachlich. "Nach meinem Eindruck sind die Zeiten, in denen der Kunde nicht genau wusste, was er tut, schon lange vorbei," sagt der Falkenseer. Sein Unternehmen betreibe ein seriöses Geschäft. Das bedeute kein Versenden von Spam-Mails an wahllose Handynummern, klare Hinweise zum Preis und zu der Art des Angebots in der ersten SMS und jederzeit die Möglichkeit auszusteigen. Thomas O. ergänzt: "90 Prozent der Chats auf dem deutschen Markt sind moderiert." Den direkten Kontakt Mensch zu Mensch gebe es kaum noch. Genau das sei es aber, was der Kunde suggeriert haben möchte. Deshalb mache man das.
Doch so einfach ist das nicht. In einem Urteil vom Oktober 2005 entschied das Landgericht München: "Der Einsatz von Call-Agenten, die bei Flirt-SMS-Chats vortäuschen, eine interessierte private Person zu sein, ist wettbewerbswidrig." Diese Meinung vertritt auch Sabine Fischer von der Verbraucherzentrale Brandenburg. Allerdings sagt sie, sei es heutzutage oft klar, was sich hinter einer erotischen Werbung mit einer Kurzwahl verbirgt.
Johannes Karnap hat bei 77177 viele Fälle gesehen, bei denen die Kunden ordnungsgemäß in einer so genannten Willkommens-SMS aufgeklärt wurden. Er berichtet aber auch von vielen gegenteiligen Fällen. "Die Zahl der Neuanmeldungen war stets höher als die der verschickten Willkommens-SMS", sagt der ehemalige Mitarbeiter. SkyTel hingegen besteht darauf, die SMS sei in jedem Fall verschickt worden. Auch im Umgang mit Minderjährigen erhebt Karnap schwere Vorwürfe. Er habe von unter 18-Jährigen gehört, die erst nach Hunderten von "Ins", also Hunderten von Euro, nach ihrem Alter gefragt wurden. SkyTel ist auch hier anderer Meinung. Gerade beim Schutz von Minderjährigen stellt ihr Geschäftsführer dem Geschäftspartner in Falkensee ein erstklassiges Zeugnis aus: "Er streicht pro Tag etwa 20 Kunden, weil sie zugeben, dass sie unter 18 Jahre alt sind oder weil er aufgrund ihrer Naivität Zweifel daran hat."
Juristischer Graubereich
Das Geschäft mit der Lust ist juristisch wie moralisch ein Graubereich. Unter der Bedingung, anonym zu bleiben, redet ein Rechtsexperte für Neue Medien Klartext. "Die Anbieter müssen gewisse Angaben machen. Das machen sie aber nicht immer und wenn, dann verstecken sie die Angaben in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen. Das ist alles Verarschung. In der Branche ist die Grenze zum Betrug fließend."
Das gilt besonders für die aktive Einladung zu Treffen nach dem Muster: "Hey, kommst du morgen Abend vorbei?", wie sie Uwe Scholz nach seinen Angaben häufig bekommen hat. Nach Aussagen von Bernd Peter gibt es so etwas in seiner Firma nicht. Auch Thomas O. von SkyTel schließt das aus. Treffen gebe es nur in der Phantasiewelt der Kunden und würden von ihnen gewünscht.
Robert Stein* aus Belzig (Potsdam-Mittelmark) ist ebenfalls Kunde bei 77177. Auch ihm wurden bereits mehrere Treffen angeboten, obwohl der 48-jährige Arbeitslose nach eigenen Angaben erst seit wenigen Wochen bei dieser Kurzwahl chattet. Er geht davon aus, dass er sich mit einer richtigen Person schreibt. Wie viel Geld ihn das bisher gekostet hat, will er nicht wissen. Ganz im Gegensatz zu der Firma von Bernd Peter. Dort wurde wohl jede Nachricht sorgfältig registriert. *Namen geändert |
Quelle: maerkischeallgemeine |
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