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Der schnelle Weg in die Finanzkriminät - kleine Anekdote

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Sargon
Newbie


Anmeldungsdatum: 23.02.2005
Beiträge: 28

BeitragVerfasst am: 25.Feb 2005 16:25    Titel: Der schnelle Weg in die Finanzkriminät - kleine Anekdote Antworten mit Zitat

Der schnelle Weg in die Finanz-Kriminalität

Kaum ein Markt ermöglicht einen so schnellen und leichten Einstieg wie der Finanzmarkt. Kaum ein Bereich ist ordnungspolitisch so wenig kontrolliert und kontrollierbar. In kaum einem Markt kann man sich aber (deshalb) auch so schnell vom Pfad der Wahrhaftigkeit entfernen und ehe man sich’s recht versieht - stolpern.

Der Weg in die Wirtschaftskriminalität ist dann beinahe zwangsläufig vorgezeichnet.

Sein Einstieg in den Finanzmarkt war mehr nebensächlich - irgendwann im Jahre 1975 besuchte Hubert K. einen Einführungskurs einer “Vermögensberatungsgesellschaft”. Mit seinen gerade 21 Jahren faszinierte ihn das Auftreten des Redners, dem es offensichtlich wirtschaftlich sehr gut ging. Anzug und Rhetorik waren vom feinsten, die Rolex schimmerte am Handgelenk, vor der Tür des großen Hotels stand sein Ferrari.

Mit Hubert K. saßen weitere rund 200 Personen im Saal. Knapp zwei Stunden benötigte der “Chef”, um den faszinierten Zuhörern (vornehmlich junge Leute im Alter zwischen 20 bis 25 Jahren) zu erläutern, wie leicht es sei, auch ohne viel Fachwissen, aber mit einem “ausgezeichneten Produkt” das große Geld zu verdienen.

Hubert K. kam aus eher dürftigen Verhältnissen. Die Mittlere Reife hatte er mit Ach und Krach beendet, großartige Zukunftschancen boten sich in seinem Handwerksberuf ohnehin nicht. Was für eine Chance für sein Leben- Gute Kleidung, nie mehr schmutzige Hände, Selbständigkeit, sich endlich das zu leisten, wovon er immer nur sagen hörte, den Duft der großen weiten Welt genießen, exklusive Reisen in exotische Länder machen - was würde seine Freundin dazu sagen, wenn er plötzlich völlig neue Zukunftsperspektiven aufzeigen könnte?

Bereits nach dem Informationsabend war Hubert K. wild entschlossen. Er blätterte brav die verlangten DM 80 für den Einführungskurs hin und erhielt - erster Schritt zum Millionär dafür eine wundervolle Mappe (ganz in Gelb und recht voluminös).

Er hatte zwar noch nie mit Geld, vor allem Versicherungen, zu tun gehabt. Er witterte jedoch die ihm gebotene Chance. Im zweiten Abendkurs brachte man ihm bei, mit welchen Redewendungen er seine Freunde und Bekannten dazu überreden konnte, das Produktpaket zu kaufen.

Die versprochenen Renditen, immerwährende Geldrückflüsse und letztendlich die Reichtum versprechenden Gesamtsummen waren ja mehr als überzeugend.

Am Anfang lief es ja auch ganz gut: zwei bis drei Stunden pro Tag genügten völlig, um bereits nach kurzer Zeit in die “Hitliste” der Verkäufer dieser Vermögensberatung zu gelangen. Zum ersten Mal erhielt Hubert K- einen Scheck in fünfstelliger Summe. Daß von den ca. 200 Zuhörern aus dem Einführungskurs nur noch ein halbes Dutzend übriggeblieben war, wurde ihm damit erläutert, daß die meisten Menschen eben im Dunkel ihrer Eintönigkeit dahinvegetieren und nur wenige “auserwählt” seien.

Es machte ihn beinahe stolz, eben zu diesem Kreis der berühmten fünf Prozent potentieller Aufsteiger zu gehören.

Bereits nach den ersten drei Abschlüssen war man an ihn herangetreten und hatte ihm vorgeschlagen, doch zu sehen, wen er als Mitarbeiter gewinnen könnte, um in der Hierarchie des Unternehmens möglichst rasch zum Bezirksleiter aufzurücken. Er hatte zwar keine Ahnung von Ausbildung, Menschenführung, Pädagogik. Auch sein “Fachwissen” beschränkte sich ausschließlich darauf, zu wissen, wo der Kunde jeweils seine Unterschrift zu leisten habe. All dies - so erläuterte man ihm - sei jedoch nicht schlimm. Er solle nur möglichst viele Vermittler finden, die ihrerseits auf derart einfache Weise Geld verdienen wollen.

Hubert K. hatte sich inzwischen ein paar Anzüge zugelegt, sein Äußeres hatte sich gewandelt. Leider hatte er sich zwar von seiner Freundin trennen müssen, weil diese immer noch in zu einfachen Kategorien dachte, aber es war nicht mehr sehr problematisch, eine neue Freundin - mit entsprechend höherem “Niveau” - zu finden. Da er nun über die von ihm geworbenen Vermittler verdiente - man nannte dies “Superprovisionen” -, mußte er auch keine eigenen Kunden mehr finden. Das war nun Sache seiner “Mitarbeiter”. Es schmerzte ihn schon etwas, daß im Laufe eines Jahres fast 90 Prozent der von ihm geworbenen Vermittler wieder absprangen, aber er war eloquent genug, die Verluste wieder auszugleichen und neue Mitarbeiter zu finden.

Unangenehm war auch, daß er von seinen eigenen Kunden bereits nach einem Jahr fast 50 Prozent wieder absprangen, den Verlust fing er jedoch über seine “Superprovisionen” wieder auf. Bereits nach knapp zwei Jahren wurde er - was für ein Erlebnis - zum Generalagenturleiter befördert. Einige seiner Mitarbeiter waren wirklich tolle Burschen: Sie hatten ihrerseits bereits wieder neue Vermittler gefunden. Hubert K. war in der Hierarchie der Vermögensberatungsgesellschaft schon auf der dritten Stufe. Der Himmel stand ihm offen. Inzwischen hatte er auch von seinem Geschäftsstellenleiter gelernt, flammende Reden zu halten. Auf Motivationsseminaren wurden sie mit der “Psychologie des Verkaufens” vertraut gemacht. Den umfangreichen Katalog der “Suggestiv-Fragen und Einwand-Beantwortungen” beherrschte er im Schlaf.

Irgendwann kam ein “Knick”. Eine Reihe seiner Partner kündigte, um sich “selbständig” zu machen. Für Hubert K. war besonders verwunderlich, daß gerade diejenigen kündigten, auf die er besonders gesetzt, die er für besonders intelligent gehalten hatte. Einer dieser Partner erklärte ihm im “Abschiedsgespräch”, daß man sich nicht mehr mit “kleinen Brötchen” abspeisen lassen wollte. Zum ersten Mal erfuhr Hubert K., wie hoch - im Verhältnis zu den Provisionen, die er selbst erhielt - die Provisionen sind, die seine Gesellschaft pro Vertrag einstrich. Er begann zu stutzen. Der nächste “Schlag”: Seine “Stornoquote”, resultierend aus einer hohen Anzahl von Kündigungen von Verträgen, wurde immer schlechter. 20 Prozent, so wurde ihm erklärt, seien noch zu tolerieren, seine Gruppe habe jedoch bereits 30 Prozent, und das sei ausgesprochen schlecht. Aus diesem Grunde wurde Hubert K. auch nicht zum Geschäftsstellenleiter gefördert.

Um das Maß voll zu machen: Eine Reihe von Partnern, über die er bislang sehr gut an Superprovisionen verdient hatte, rückten in der Hierarchie auf, einige sogar neben ihn, so daß er über diese auch keine Superprovisionen mehr verdiente. Bei seinem letzten Besuch bei der Bank hatte ihn der Zweigstellenleiter ins Büro gebeten, um den Stand seiner Konten zu erörtern. Als ob Hubert K. nicht schon gewußt hätte, daß sein Kontokorrent-Rahmen reichlich ausgeschöpft war!

Sein heißgeliebter Porsche mußte weg - mit Verlust. Es gab Ärger mit der Leasing-Gesellschaft, die Hubert K. nicht aus seinem Vertrag entlassen wollte. Den Mietvertrag für die teure Wohnung kündigte er, einen Nachmieter fand er jedoch erst nach etlichen Monaten. Resultat: Auch hier ein Verlust in fünfstelliger Höhe.

In seiner Not suchte er ein Gespräch mit seinem “Vorturner”. Dieser erklärte sich allerdings ebenfalls außerstande, ihm finanziell unter die Arme zu greifen. Seine Situation war ziemlich ähnlich. Dafür hörte Hubert K. den aufmunternden Worten seines Geschäftsstellenleiters aufmerksam zu. Allerdings hielt diese Motivation nur wenige Wochen an. Überall schoß die Konkurrenz aus dem Boden, gleiche, zumindest sehr ähnliche Produktpakete wurden plötzlich von Dutzenden von Gesellschaften angeboten. Den fachlichen Argumenten konnte er nichts entgegensetzen - woher sollte Fachwissen auch resultieren.

Und dann kam die Rettung: Ein Bauträger bot ihm Bauherrenmodelle an, Erdöl-Explorationen und “atypisch stille Beteiligungen an Erdgasvorhaben”. Hubert K. hatte zwar keine Ahnung, was eine “atypisch stille KG-Beteiligung” sein könnte, aber immerhin wurden für die Vermittlung gestaffelte 10 bis 15 Prozent Provision angeboten. Das war doch etwas.

Inzwischen hatte er zwar ein bißchen das “Verkaufen” verlernt und er merkte auch, daß seine “Opfer” seine eigene Unsicherheit und Unzufriedenheit spürten. Aber Hubert K. war ein mutiger Mann und ging wild entschlossen (man könnte es auch verzweifelt nennen) ans Werk.

Die Produktanbieter erkannten schnell seine “wahre Größe” und nutzten seine Fähigkeiten weidlich. Fast zwei Jahre lang ging es nun deutlich aufwärts. Über die Vermittlung von Versicherungen lachte Hubert K. nur noch - das wirkliche Geld wurde “ganz woanders” verdient. Als die “Money-KG” in Schwierigkeiten geriet, war Hubert K. zwar verwundert, aber es wurde im erklärt, daß dies nun mal der “Lauf der Welt” sei. Erst als ihm ein Brief der Staatsanwaltschaft ins Haus flatterte, begriff Hubert K., was das Wort “Produkthaftung” und “Haftung des Beraters” bedeutete. Den Prozeß, den ein geschädigter Anleger anstrengte, erlebt Hubert K. wie einen bösen Traum. Er sah sich ja völlig schuldlos.

Mit Hilfe der Rechtsanwälte der GmbH, die die Produkte angeboten hatte, kam er mit einem blauen Auge davon. Aufgrund der Rückzahlung an Provisionen und des Verlustes von weiteren Provisionen, die ihm durch den Konkurs der GmbH nicht mehr zuflossen, war er erneut in wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Retter in der Not war ein neuer Produktanbieter, der sich ihm als “Fachmann für Kapitalanlagen” offenbarte.

Toll, welch ungeheure Beziehungen dieser ihm sehr freundschaftlich gesonnene, seriös wirkende Chef der Produktanbieter-GmbH hatte. Jetzt mußte es klappen, jetzt war die Tür zur großen Welt endlich offen. Es war ihm eine Ehre, zum Geschäftsführer berufen zu werden, nun in die “Kiste der Interna” des wirklichen Managements schnuppern zu dürfen. Er war nicht mehr der kleine billige Verkäufer, sondern er war im Management. Entscheidungen und wichtige Papiere trugen seine Unterschrift. Er war nun beinahe zehn Jahre im “Business”. Wer sollte ihm da noch viel “vormachen”?!

Am 3.5.1987 wurde Hubert K. wegen Wirtschaftskriminalität in rund 100 Fällen zu fünf Jahren Gefängnis und einer Gesamtstrafe von DM 150.000 verurteilt.

Als Hubert K. nach einjähriger Untersuchungshaft und dem dann ablaufenden Prozeß einen Brief seiner Freundin erhielt, die ihm mitteilte, daß sie sich “anderweitig entschieden” habe, war es für keinen seiner “alten Freunde” eine Überraschung, daß sich Hubert K. zwei Tage später im Gefängnis erhängte. Wäre er weniger skrupulös und sensibel gewesen, hätte er - wie viele andere - noch in Dutzenden von neuen “Gesellschaften” weiter “gearbeitet”.

Von den Hunderten von geschädigten Kunden, die den Weg einer 12-jährigen “Karriere im Finanzmarkt” säumten und von den Hunderten (meist jungen) Menschen, die er im Laufe seiner Karriere in den Finanzmarkt gelockt hatte, sprechen nur noch seine Annalen.
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unbelievable
Specialist


Anmeldungsdatum: 29.04.2004
Beiträge: 205

BeitragVerfasst am: 25.Feb 2005 18:20    Titel: Anekdote? Antworten mit Zitat

Zitat:
Die Anekdote ist eine literarische Gattung , die eine merkwürdige oder charakteristische Begebenheit, meist im Leben einer realen Person, zur Grundlage hat.

Tolle und sehr zutreffende Beschreibung der "Drücker"-Branche, hervorragende Formulierung - alle Achtung.
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monxx77
User gebannt


Anmeldungsdatum: 06.05.2004
Beiträge: 1604

BeitragVerfasst am: 25.Feb 2005 18:39    Titel: Antworten mit Zitat

Toller Beitrag! Danke!

MfG monxx77
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powerman45
Specialist


Anmeldungsdatum: 09.09.2004
Beiträge: 108
Wohnort: manchmal in Wien

BeitragVerfasst am: 25.Feb 2005 19:13    Titel: Re: Der schnelle Weg in die Finanzkriminät - kleine Anekdote Antworten mit Zitat

Sargon hat folgendes geschrieben::
Der schnelle Weg in die Finanz-Kriminalität
...
Als Hubert K. nach einjähriger Untersuchungshaft und dem dann ablaufenden Prozeß einen Brief seiner Freundin erhielt, die ihm mitteilte, daß sie sich “anderweitig entschieden” habe, war es für keinen seiner “alten Freunde” eine Überraschung, daß sich Hubert K. zwei Tage später im Gefängnis erhängte. Wäre er weniger skrupulös und sensibel gewesen, hätte er - wie viele andere - noch in Dutzenden von neuen “Gesellschaften” weiter “gearbeitet”.
... .


@Sargon, auch wenn Ihr Beitrag nicht authentisch wäre, so ist er doch sehr gelungen. - Der oben zitierte Schlußakt macht schon nachdenklich.

Gruß, P.
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werner callies
.


Anmeldungsdatum: 26.09.2003
Beiträge: 3253
Wohnort: NRW & Spanien

BeitragVerfasst am: 14.März 2005 19:51    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
Der oben zitierte Schlußakt macht schon nachdenklich.


...nur nicht seine ehemaligen Vorturner.
That's life!
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