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MBS - Exoten bedrohen die Finanzwelt

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Moderator GM&P
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Anmeldungsdatum: 21.01.2006
Beiträge: 5866

BeitragVerfasst am: 25.Jul 2007 19:35    Titel: MBS - Exoten bedrohen die Finanzwelt Antworten mit Zitat

In den vergangenen Jahren haben US-Banken massenhaft schlechte Kredite angehäuft. Nun drohen Verluste von mehr als 100 Milliarden Dollar.

Eine kleine Gruppe von exotischen Wertpapieren hat in den vergangenen Wochen die Aufmerksamkeit der Wall Street, ja der Anleger weltweit auf sich gezogen. Mortgage-Backed Securities, kurz MBSs, haben zwei Hedgefonds des US-Brokers Bear Stearns in Schieflage gebracht und weltweit Ängste vor einer Finanzkrise wie 1998 genährt. Wenn das Risiko so hoch eingeschätzt wird, lohnt sich die Mühe, mehr über diese speziellen Papiere zu erfahren.

An die 1000 Milliarden US-Dollar haben Wall-Street-Banken in den vergangenen zwei Jahren ausgegeben, um die geplatzten Hypotheken von schlechten Schuldnern aufzufangen. Dabei betrieben sie eine derart halsbrecherische Arithmetik, dass manche Kritiker schon von "Finanz-Alchemie" sprechen. Um die Billionen Dollar für den Kauf der von Kreditgebern angebotenen neuen Subprime-Hypotheken aufzubringen, erfanden findige Makler sogenannte MBS: Residential Mortgage-Backed Securities. Das sind Wertpapiere, die durch Hypotheken auf Wohnhäuser gedeckt sind. Diese Papiere wurden an institutionelle Investoren verkauft: Banken, Maklerhäuser und andere Finanzunternehmen nicht nur in den USA, sondern weltweit.

MBS bestehen stets aus mehreren Schichten von Hypothekenanleihen: Sie enthalten einen – meist sehr kleinen – Teil von Hypotheken guter Bonität, AAA oder geringfügig niedriger. Diese werden zuerst bedient, denn die ursprünglichen Hypothekennehmer haben Zins und Tilgung oft schon zu weiten Teilen geleistet. So weit, so gut. Der weitaus größere Teil der MBS jedoch besteht aus der Masse der Hypotheken von schwachen Schuldnern. Verkaufen konnten die Makler diese zu MBS zusammengepressten Bündel den Fonds, Hedgefonds und Banken nur, weil sie höhere Zinsen anboten.

Getrieben von der Jagd nach Rendite und der scheinbar unaufhörlichen Liquidität, langten die Banken zu. Das Problem dabei: Sobald der in einem MBS zusammengefasste Hypotheken-Pool wegen Zahlungsunfähigkeit einzelner Schuldner und billiger Zwangsversteigerungen einen Verlust von sieben Prozent des Gesamtkapitals erleidet, können für die schlechteren Tranchen keine Rückzahlungen mehr geleistet werden. Das haben unabhängige Hypothekenexperten errechnet. Die schwachen Tranchen wären somit wertlos. Die Banken und Hedgefonds müssten sie abschreiben.

Schlimmer noch: Um den Verkauf der risikoreichen Tranchen zu erleichtern und vielleicht auch, um mehr Gebühren einzustreifen, fassten manche Banken ihre Anleihen der Kategorie BBB neu zusammen und gaben dafür Wertpapiere mit der Bezeichnung Mezzanine-CDOs aus, die wiederum an andere institutionelle Investoren verkauft wurden. Weil nochmals höhere Zinsen als Kaufanreiz endgültig nicht mehr zu finanzieren gewesen wären, wurde aus einer bedenklichen Finanzierungspraxis endgültig Alchemie: Ratingagenturen wie Moody’s oder Standard & Poor’s bewerteten bis zu 80 Prozent des Kapitalbetrages der zu 100 Prozent aus alten BBB-Tranchen bestehenden CDOs plötzlich mit AAA.

"Dank der großzügigen Bewertung durch die Ratingagenturen konnte man diese hochspekulativen Wertpapiere in pures Gold verwandeln", sagt ein Händler. In den vergangenen zwei Jahren konnten selbst Mezzanine-CDO2 explosives Wachstum verzeichnen. Darunter versteht man CDOs, die aus den weniger guten Teilen anderer CDOs zusammengesetzt wurden und damit praktisch schon die zweite Ableitung der den MBS unterliegenden Besicherungen darstellen. Der Insider: "Man nimmt den ärgsten Mist vom Mist und drückt ihm ein Designer-Label drauf."

Gewaltige Verluste sind bei schwachen Hypotheken eine reale Gefahr. Seit Januar büßte der ABX-Index, das Maß für die Wertentwicklung von MBS-Tranchen mit der Bewertung BBB, fast die Hälfte seines Werts ein. Nun merken die Ratingagenturen, was sie angerichtet haben, und stufen die Papiere hektisch herunter. Moody’s meldete vor Kurzem, drei Prozent der im dritten Quartal des Vorjahres verbrieften Subprime-Hypotheken hätten bereits das Stadium der Zwangsvollstreckung erreicht.

Wie groß ist der Pool an Mezzanine-CDOs? Nach Recherchen bei Brokern, Hedgefonds und Händlern schätzen wir ihn grob auf 150 bis 200 Milliarden Dollar. Sollten sich die aktuellen Marktprognosen als korrekt erweisen, könnte ein großer Teil dieser Papiere komplett wertlos werden. Warnsignale gibt es genug. Im vergangenen Monat musste Bear Stearns einem seiner Hedgefonds, der in riskante CDOs investiert hatte, mit 1,6 Milliarden Dollar aushelfen. Der britische Investmentfonds Caliber Global kündigte wegen hoher Verluste, die er mit zweitklassigen Papieren erlitten hatte, die Schließung des Fonds an.

Es ist erstaunlich, wo die hochriskanten Mezzanine-Papiere überall auftauchen. Die kanadische Bank CIBC hat Bestände von 330 Millionen Dollar bestätigt. Auch japanische und koreanische Finanzinstitute sowie deutsche Banken haben zugegriffen. Viele Hedgefonds schwimmen geradezu in Papieren dieser Art. Sobald es zu Rückstufungen und Abwertungen kommt, könnten die Ratingagenturen in eine sehr ungemütliche Lage geraten. "Ich könnte mir vorstellen, dass viele Inhaber solcher CDOs die Kreditbewerter wegen der Vergabe von AAA-Noten verklagen", droht der Leiter des Anleihenhandels eines New Yorker Hedgefonds.

Hypotheken werden seit Jahrzehnten verbrieft. Das wäre an sich nicht das Problem. Doch etwa Mitte der Neunziger begannen Immobilienbanken, auf der Suche nach Umsatzwachstum auch solche Kreditnehmer zu ködern, die für herkömmliche Hypotheken nicht infrage kamen. Auch die Wall Street mischte kräftig mit: Sie stellte den Hypothekarkreditgebern Rahmenkredite zur Verfügung oder sie kaufte sie gleich auf. Damit war ein steter Strom an neuen Subprime-Darlehen sichergestellt, die man verbriefen und weiterverkaufen konnte.

2005 kam es zu bedenklichen Entwicklungen. Der Bestand an nicht verkauften Neubauten und bestehenden Häusern erhöhte sich immer mehr. Die Hauspreise begannen zu sinken. Um die Maschinerie in Gang zu halten, musste die Branche 2006 noch tiefere Marktsegmente ansprechen, um den letzten Rest an potenziellen Kreditnehmern zusammenzukratzen. Die Kreditbedingungen wurden abermals aufgeweicht. Die Höhe des Jahreseinkommens und Daten über die Vermögenslage wurden nicht mehr beachtet oder schöngefärbt.

Spekulanten waren von Darlehen über 100 Prozent des Immobilienwerts sehr angetan. Sie hatten nichts zu verlieren. Zogen die Preise an, würden sie hohe Gewinne erzielen. Bei einer Marktschwäche konnten sie einfach die Rückzahlungen einstellen und sechs Monate lang, wenn nicht noch länger, mietfrei wohnen, während sich die Zwangsvollstreckung hinzog. Das bei den Rückzahlungen gesparte Geld konnte man beim Anmieten eines anderen Hauses als Kaution verwenden.

Noch größere Schwierigkeiten sind für den Subprime-Markt in den kommenden zwei Jahren zu erwarten, wenn die Hausbesitzer nach Auslaufen der niedrigen Lockzinsen und dem Umstieg auf höhere variable Zinsen um bis zu 50 Prozent höhere Rückzahlungen leisten müssen. Dann werden laut Deutsche Bank an die 800 Milliarden Dollar an Subprime-Darlehen zu refinanzieren sein.

Viele Kreditnehmer werden nicht mehr zahlen können, die Zahl der Zwangsvollstreckungen wird in die Höhe schnellen. Die bevorstehende Krise der Subprime-CDOs erinnert an den Zusammenbruch der Sparkassen in den USA (S&Ls) Anfang der Neunzigerjahre. Hier wie dort kam es zu unklugen Kreditvergaben, und heute wie damals ist die Sache extrem kostspielig. Das erste Fiasko verursachte Gesamtkosten von mehr als 150 Milliarden Dollar. Diesmal werden allerdings nicht die US-Steuerzahler, sondern die globalen Investoren zur Kasse gebeten werden.
Quelle: WiWo
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