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Spaniens boomender Wohnungsmarkt

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Moderator GM&P
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Anmeldungsdatum: 21.01.2006
Beiträge: 5866

BeitragVerfasst am: 28.Aug 2006 16:32    Titel: Spaniens boomender Wohnungsmarkt Antworten mit Zitat

Selbst in trostlosen Gegenden entstehen Wohnsiedlungen: In Spanien wurden 2005 mehr Wohnungen gebaut als in Deutschland, Frankreich, Italien und Großbritannien zusammen, etwa 810.000.


Reisen in die spanische Region Kastilien-La Mancha riefen schon in früheren Zeiten manchmal Wahnvorstellungen hervor, daraus entstand einst die Figur des Don Quijote. Der Ritter von der traurigen Gestalt ritt in Miguel de Cervantes" Welterfolg von 1605 gegen Windmühlen an, weil er sie für gefährliche Riesen hielt - seinen Ansturm versteht die Menschheit seither als vergeblichen Kampf gegen die Macht.

Vier Jahrhunderte später sind in der kargen Gegend nur noch vereinzelt Windmühlen zu finden, leichter trifft der Reisende auf sehr viel höhere Ungetüme mit längeren Armen. Ganz Madrid ist von Baukränen umzingelt. Die erstaunlichste Ansammlung taucht 39 Kilometer südlich der Hauptstadt zwischen den Autobahnen A-4 und R-4 aus der hügeligen Steppe. In diesem Wald aus Stahl wachsen mächtige Betonsilos, in der flirrenden Luft wirkt das alles wie eine Fata Morgana. Was hat eine derart gewaltige Baustelle hier verloren?

Eines Tages sollen an diesem staubigen Ort 40.000 Menschen leben, fast sechs Mal so viele, wie die nahegelegene Ortschaft Sesena derzeit Einwohner hat. Vorgesehen sind 280 zehnstöckige Häuser mit insgesamt 13.508 Wohnungen, ein Teil mit rotbraunen Blocks ist hinter Stacheldraht bereits fertig. Davor wurden sogar ein paar grüne Wiesen auf die sonnenverbrannte Erde gezwungen und ein künstlicher See, obwohl es noch nicht einmal Wasseranschlüsse gibt.

Volkstümlich trägt diese surreale Geisterstadt den Ehrentitel "Manhattan von La Mancha", offiziell wird sie "Residencial Francisco Hernando" genannt. So steht es auf bunten Werbeschildern, die auf die streng bewachten Büros der mysteriösen Betreiber verweisen - "die Wohnung, die du dir leisten kannst", ist da zu lesen. 3000 Exemplare sind angeblich bereits verkauft, trotz der trostlosen Umgebung.

Francisco Hernando lautete der bürgerliche Name des Bauherren, berühmt wurde er als "Paco, el pocero", das bedeutet so viel wie Franz, der Brunnenbauer. An anderer Stelle wurde der Patron wegen ähnlicher Pläne verjagt, in Sesena kam er durch. Preiswert erstand Hernando 2002 diese zuvor brachliegende Fläche von 182 Fußballfeldern, die vom Rathaus dann nicht ganz zufällig zum Baugrund umgeschrieben wurde und über Nacht sagenhaft an Wert gewann.

Im Eilverfahren bekam der Initiator von den damals regierenden Sozialisten in seltener Eintracht mit der rechten Volkspartei die Baugenehmigungen. Einige Gemeinderäte sind bei ihm angestellt, ansonsten halfen gute Kontakte zu Politgrößen wie dem ehemaligen Regionalpräsidenten Jose Bono (Sozialist) sowie dem konservativen Parlamentssprecher Eduardo Zaplana.

Der aktuelle Bürgermeister gehört zwar zu den kommunistennahen Vereinten Linken und protestiert heftig. Es sei "nicht logisch", zwischen zwei Schnellstraßen und abseits vom Ortskern ohne Infrastruktur solche Kästen hochzuziehen, schimpft Manuel Fuentes. Aber vorläufig hat er keine Chance.

So gerät der Fall Sesena zu einem besonders bizarren Symbol für einen spanischen Exzess. Im Königreich wurden im vergangenen Jahr mehr Wohnungen gebaut als in Deutschland, Frankreich, Italien und Großbritannien zusammen, etwa 810.000.

In diesem Jahr soll der Rekord erneut gebrochen werden. Dank niedriger Zinsen und zunehmenden Wohlstands boomt die Branche. Im Schnitt hat inzwischen fast jeder zweite der 43 Millionen Spanier ein Eigenheim; es gilt als sichere Investition, auch Hunderttausende Ausländer erwerben Besitz im Süden. Küsten und Städte sind entsprechend zementiert, doch in den dünn besiedelten Weiten findet sich noch viel Platz, siehe La Mancha.

Die Bauindustrie ist gemeinsam mit dem Tourismus zum Fundament der stetig wachsenden Wirtschaft geworden; spanische Immobilien sind heute mindestens doppelt so teuer wie vor fünf Jahren, ehemalige Äcker bringen auf einmal phantastische Erträge. Das Geschäft blüht, obwohl Ökonomen und Umweltschützer warnen.

Dieser überhitzte Markt sei das größte Problem Spaniens, findet der Soziologe Enrique Gil Calvo, mehr noch als Terrorismus oder Territorialstreit. Die Blase werde irgendwann platzen, heißt es seit Jahren. Vor allem junge Leute können sich die Preise immer weniger leisten.

Spaniens Wohnungseigner sind laut Zentralbank mit 731 Milliarden Euro verschuldet, das sind drei Viertel des Bruttoinlandsproduktes dieser neuntwichtigsten Industrienation der Erde. Die Hypotheken knebeln angesichts hoher Preise und niedriger Löhne viele Familien ein Leben lang. Anbieter dagegen machen gewaltige Gewinne, das Ferienland ist mit Hilfe der EU zum Paradies für Baulöwen und Spekulanten geworden.

Iberische Bauunternehmen und Immobilienfirmen expandierten zu weltweit operierenden Konzernen, ihre Bosse leiten Fußballklubs wie bis zuletzt der ACS-Chef Florentino Perez Real Madrid. Die Hausse zieht auch Mafiosi, Geldwäscher und weitere Betrüger an. In Galicien werden Bäume angezündet, um Bauland zu erzwingen, und nirgendwo in Europa gibt es so viele 500-Euro-Scheine wie an andalusischen oder valencianischen Stränden.

In der Jetset-Zentrale Marbella ließ die Staatsanwaltschaft im Frühjahr die Bürgermeisterin und den halben Stadtrat verhaften. Allein der so genannte Urbanisierungsberater Juan Antonio Roca soll sich mit Provisionen 2,4 Milliarden Euro ergaunert haben. In seinen Anwesen wurden unter anderem Rennpferde, Kampfstiere, ein Tiger sowie Gemälde von Mirã beschlagnahmt. Marbellas Zwangsverwalter entdeckte außerdem Rechnungen, wonach im Rathaus allein für Edelweine und Champagner 855.000 Euro spendiert wurden - die Verträge mussten schließlich begossen werden.

Mit freundlichem Beistand der Politik ist ein ganzes Heer von Großverdienern entstanden, für die Zeitung El País sind sie "die neuen Reichen des Ziegelsteins". Die Großgrundbesitzer der Gegenwart erinnern an traditionelle Patriarchen wie das Adelsgeschlecht der Albas, die auf dem Weg von Sevilla nach Madrid ihre Gärten nicht verlassen mussten.

Das Prinzip der schnellen Geldvermehrung hat sich bewährt und findet viele Nachahmer. Man pflegt politische Freundschaften, kauft billig vermeintlich wertlose Felder, lässt sie zum Baugrund erklären und setzt die Maschinen in Bewegung. Am besten gehört zum Angebot auch ein Golfplatz, dann wird es noch teurer, die Kreditgeber stehen Spalier.

Francisco Hernando alias Paco el Pocero bekam für seine Phantasien offenbar fast 800 Millionen Euro geliehen, bis 2017 soll seine Denkmalsiedlung komplett sein. Um Kleinigkeiten wie Straßen, Schulen, Feuerwehr oder Kliniken soll sich die öffentliche Hand kümmern, eine zweite Autobahn ist praktischerweise rechtzeitig fertig geworden. Gestritten wird auch noch über das Trinkwasser, denn der Regen macht sich in der trockenen Mancha Sommer für Sommer rarer. Bürgermeister Manuel Fuentes fürchtet obendrein soziale Spannungen in dieser Trabantenstadt am Rande seiner flachen, eher rustikalen Heimat Sesena.

Es ist wie Don Quijotes Kampf gegen die Windmühlen, er könnte verzweifeln an dieser Kultur des leichten Reichtums. "Sie versuchen uns in die Knie zu zwingen, wie früher die Adligen", sagt Fuentes am Telefon, das Thema verfolgt ihn bis in den Strandurlaub.

Mit seinen linken Parteigenossen klagt er gegen Hernandos Projekt und bezichtigt seine Gegner der Korruption, auch die ehemaligen Grundstücksbesitzer haben Anzeige gegen den Käufer erstattet. Die Machtverhältnisse im Rathaus kannte Fuentes schon vor der Abstimmung: "Ich habe acht Gemeinderäte", berichtete ihm Bauherr Hernando drohend - "und du nur fünf."

(SZ)
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