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Moderator GM&P .

Anmeldungsdatum: 21.01.2006 Beiträge: 5916
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Verfasst am: 30.Dez 2007 5:20 Titel: Leipzig: Auf den Spuren Jürgen Schneiders |
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Baulöwe, Milliardenpleitier, Größenwahnsinniger - das sind so die Begriffe, die einem einfallen, wenn man an Jürgen Schneider denkt.
Der Mann, der vor fast genau zehn Jahren zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt wurde, ging mit seinen betrügerischen Immobiliengeschäften in die Wirtschaftsgeschichte ein.
Trotzdem gibt es Gegenden in Deutschland, in denen er noch immer einen richtig guten Ruf hat. Leipzig zum Beispiel.
Diese etwas surreal anmutende Popularität kommt nicht von ungefähr: Zu seinen besten Zeiten hatte Schneider weite Teile der maroden Leipziger Innenstadt aufgekauft, heute noch gilt er dort vielen als Bewahrer des Guten und Schönen.
Es ist also kein Zufall, dass das Erbe des Immobilienhais ausgerechnet in Leipzig touristisch erschlossen wird: Angeboten wird ein Stadtrundgang auf den Spuren des berühmten Pleitiers, bei dem die Teilnehmer 16 kulturhistorisch wertvolle Gebäude im Zentrum der Stadt besichtigen - alles Häuser aus dem ehemaligen Schneider-Portfolio.
Das sind längst nicht alle. Bis zu seiner Flucht im Jahr 1994 hatte es der Baulöwe in der Stadt auf 60 Immobilien gebracht, für die er den Banken rund 1 Mrd. DM abnahm.
Sein erstes Hauptquartier in Leipzig schlug Schneider im Interhotel International auf. Hier erinnert heute nichts mehr an den Resopal-Charme vergangener Tage; stattdessen residiert in dem Gebäude am Tröndlinring das Fünf-Sterne-Hotel Fürstenhof - mit seiner klassizistischen Fassade und dem weltweit einmaligen Serpentinsaal eine der besten Adressen im Land.
"Schneider hat hinter grauen, stinkenden Fassaden architektonische Sahnestücke erkannt", sagt Thorsten Plate, der die Besuchergruppe durch Leipzig führt. Dick und fett prangt das Wort "Peanuts" auf seinem Info-Ordner - eine Anspielung auf den berüchtigten Ausspruch des damaligen Deutsche-Bank-Chefs Hilmar Kopper, der damals fast noch mehr Empörung auslöste als Schneiders Milliardenpleite selbst.
Immer wieder erinnert Plate auch an den Flurschaden, den die krummen Geschäfte verursacht haben. Vor der Jugendstilfassade des Zentral-Messepalasts zum Beispiel liest er aus Schneiders Autobiografie "Bekenntnisse eines Baulöwen": "Natürlich hielt ich es für meine Pflicht, den Bankern die Rentabilität des Projektes in glühendsten Farben zu schildern." Den Banken legte Schneider zum Teil krass geschönte Zahlen vor, um den Beleihungswert der Objekte zu steigern. So flossen stets neue Kredite.
Eigenes Kapital investierte er dagegen in die Mädler-Passage: Die überdachte Edel-Einkaufsmeile mit Glockenspiel aus Meißner Porzellan liegt direkt über Auerbachs Keller und wurde zu DDR-Zeiten als Messehaus benutzt; entsprechend gut war sie zur Zeit der Wende erhalten.
Schneider kaufte 60 Prozent der Passage und ließ sich dafür bei Schnittchen und Champagner feiern - so bilden sich Legenden. "Viele Leipziger denken, Schneider hat die Mädler-Passage gerettet", sagt Plate. "Dabei hat er sie höchstens angestrichen." In Auerbachs Keller wird der Großinvestor seit einigen Jahren ins rechte Licht gerückt: Ein Wandgemälde zeigt, wie er als Narr die höfische Gesellschaft an der Nase herumführt.
Hohes Ansehen genießt Schneider dagegen bei den Denkmalschützern. Die nächste Station auf dem Stadtrundgang war zum Beispiel baupolizeilich gesperrt, bevor der Investor kam - heute ist Barthels Hof in der Hainstraße als einer der typischen Leipziger Durchgangshöfe erhalten; in den 250 Jahre alten Häusern haben sich Geschäfte angesiedelt.
"Von Holzbock bis Hausschwamm war hier alles drin, wahrscheinlich würden die Gebäude ohne Schneider nicht mehr stehen", sagt Plate. Und als archäologische Funde zutage traten, ließ er die Bauarbeiten für Grabungen sofort stoppen.
Aber es blieb die einzige Baustelle, die Jürgen Schneider eröffnen konnte: Im April 1994 stürzte sein Lügengebäude zusammen; er musste abtauchen und wurde mit Haftbefehl gesucht. Nach seiner Festnahme in Florida wurde Schneider am 23. Dezember 1997 zu sechs Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. "Es heißt zwar, dass keine Firma Konkurs anmelden musste", sagt Plate. "Aber es gab Entlassungen, Materialschwund und einen Vertrauensverlust bei den Banken." Vor allem für die Handwerker kam es knüppeldick: Allein in Leipzig blieben über 200 Firmen auf unbezahlten Rechnungen in Höhe von 23 Mio. DM sitzen.
Dass sich trotzdem immer noch so viele Leute für Schneiders Spuren erwärmen, findet Plate erstaunlich - vor allem bei Leuten aus der Banken- und Immobilienbranche sei der Stadtrundgang beliebt. "Es ist wahrscheinlich die spannende Mischung aus Immobilienkrimi und Stadtgeschichte, die man hier auf einem halben Quadratkilometer erleben kann", sagt er.
Ein Traum wäre es gewesen, Schneider selbst eine Führung durch Leipzig machen zu lassen. Der heute 73-Jährige, der schon seit 1999 wieder auf freiem Fuß ist, war bereit. Die Einnahmen wären in den Hilfsfond zur Unterstützung der geschädigten Handwerker geflossen. Doch der Plan zerschlug sich bald - im Leipziger Rathaus wurde man skeptisch, ob das eine ganz so gute Idee sei.
Quelle: R.Lorenzen/R.Leurs |
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