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Zwangsinkasso

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Anmeldungsdatum: 25.01.2002
Beiträge: 2466

BeitragVerfasst am: 18.Mai 2006 9:13    Titel: Zwangsinkasso Antworten mit Zitat

Die miesen Methoden der Geldeintreiber

"Zwangsinkasso" nennt die Polizei den Einsatz gewaltbereiter Geldeintreiber, die Fälle werden in den Kriminaldezernaten unter Nötigung, Erpressung oder Körperverletzung bearbeitet. Die schwarzen Schafe der Inkasso-Branche schrecken vor einer harten Gangart nicht zurück.

Thomas Born, genannt "Karate"-Thommy, arbeitet seit Jahren in der Hamburger Inkasso-Szene. Born trainiert in einem Boxclub. Er besucht, wie er sagt, säumige Schuldner und stellt sich als Vermittler vor. Er kommt aber nicht allein. Born sagt: "Ich bin heute als Vermittler hier. Aber wissen Sie, wer mir auf den Fersen ist: die Leute, die keine Vermittler sind. Die warten nur darauf, dass ich mich aus dem Fall herausziehe. Ich mach mal das Fenster auf, da steht eine Limousine, da sitzen vier Schränke drin. Die gucken nach oben mit Sonnenbrille. Sehen Sie mal, eine ganz unangenehme Fraktion. Aber ich hab mit denen einen Deal: So lange ich hier sitze, dürfen sie nicht kommen. Natürlich wird man automatisch denken, wir gehören zusammen. Aber es kann keiner beweisen."

Böse Folgen für die Opfer

Born bewegt sich irgendwo zwischen Einschüchterung und Nötigung. Wenn Inkasso-Eintreiber tätig werden, hat das böse Folgen für die Opfer.

Darüber berichtet Born: "Herzanfälle, Schlaganfälle, alle möglichen Krankheitssituationen können eintreten: Vergiftungserscheinungen, Unfälle im Straßenverkehr. Das Leben ist ja vielseitig. Es gibt ja viele Sachen, die passieren können. Man steckt ja nicht drin. Jeder Tag ist ein neues Abenteuer, ist ja so."

Geldeintreiber am Klingelknopf

Wenn der Geldeintreiber klingelt, verheißt das manchmal nichts Gutes. Schlechte Erfahrungen mit Geldeintreibern der härteren Gangart hat eine Gastwirtin in Baden-Württemberg gemacht. Sie will unerkannt bleiben. Die Wirtin erzählt uns von dem Abend, als sie allein in ihrer Gaststube die letzten Gläser spült. Drei Männer mit südländischem Aussehen verwickeln sie in ein Gespräch.

Eingesperrt im fensterlosen Keller

Die Gastwirtin erinnert sich: "Sie haben mich gefragt, wo mein Mann ist: Wir kriegen 23.000 von ihm. Er ist nicht da, damit habe ich nichts zu tun, habe ich nur gesagt. Plötzlich haben sie auf mich eingeschlagen, mich mit Handschellen gefesselt und mir eine Pistole an die Schläfe gehalten. Dann haben sie mich über den Boden geschleift, durch die Küche. Da war meine Köchin, sie haben sie auch gefesselt."

Die drei Schläger sperren beide Frauen in einen fensterlosen Keller. Die Frauen schreien, haben Todesangst. Irgendwann können sie sich befreien. Die Ermittlungen der Polizei ergeben, dass ein Berliner Inkasso-Büro die Schläger geschickt hat. Ein paar Tage später erscheinen die Auftraggeber im Heimatort der Gastwirtin. Sie werden verhaftet, wenig später auch die Schläger.

Immer miesere Zahlungsmoral

Born kennt solche Vorfälle, lehne aber selbst Gewalt ab. Born beklagt die immer miesere Zahlungsmoral. Deswegen scheuten auch immer mehr Gläubiger den langwierigen Weg über seriöse Inkassofirmen oder über die Justiz. Seine Kunden kommen mittlerweile aus allen Berufssparten: Mittelständler, Ärzte - und häufig auch Anwälte.

Born über diese Klientel: "Sie haben studiert, sie haben sich ihre Kanzlei aufgebaut. Und müssen jetzt ihre Mieten zahlen, und es geht nicht voran. Die Aufträge klappen auch nicht. Und sie sagen: Wir möchten einmal jemanden haben, der ein bisschen, nicht viel, nachschiebt, der einfach einmal näher dransteht und sagt: Hör mal, Alter, wir machen kein Spaß-Witz, wir haben auch keine endlose Zeit. Einfach einmal die Mütze in die Stirn ziehen, etwas anders gucken, dass reicht ja manchmal schon."

"Letzter Griff nach einem Strohhalm"

Und so greifen verzweifelte Gläubiger zu fragwürdigen Mitteln, um an ihr Geld zu kommen. Bauunternehmer Horst H. trieben offene Rechnungen in den Ruin und in die Arme von zweifelhaften Geldkassierern.

Horst H. berichtet: "Ich habe über zwei Jahre auf rechtlichem Wege gekämpft und alles wurde teurer und teurer. Ich habe immer mehr Geld verloren und irgendwann war es einfach dunkel: Da hatte man gar nichts mehr, und das war der letzte Schritt, den ich dann gegangen bin. Als ich den Tipp bekam, mich an solche Inkassofirmen zu wenden. Und das war für mich tatsächlich auch der letzte Griff nach einem Strohalm, sonst wären meine Familie und ich untergegangen. Ich hatte dadurch zum Glück auch einen gewissen Teilerfolg. Heute ist es auch gang und gebe, dass 80 Prozent aus der Baubranche solche Menschen nutzen."

Die Geldeintreiber von Horst H. erbeuteten knapp die Hälfte der offenen Summe, immerhin 100.000 Euro, gegen eine satte Provision. Ihre Methoden interessierten Horst H. nicht: "Mir war das eigentlich völlig egal, Hauptsache das Ergebnis kam. Ich wollte schon Ergebnisse sehen. Aber wie oder wo, das hat mich nicht interessiert."

Verzweifelte Mittelständler gehen ein hohes Risiko ein. Wenn sie dubiose Eintreiber beauftragen, kann das juristisch als Anstiftung zu einer Straftat gelten.

Stephan Jender, der Präsident des Bundesverband Deutscher Inkasso-Unternehmen, grenzt sich gegen zweifelhafte Firmen ab: "Sobald hier über körperliche Gewalt oder auch die Androhung körperlicher Gewalt gesprochen wird, ist ganz klar: Das ist kein Inkasso, sondern der Versuch, Geld auf eine sehr zwielichtige Art und Weise bei Menschen einzuziehen. Das ist nicht zulässig."

"Schwarze Schafe" der Branche

Die offiziell zugelassenen Inkassounternehmen distanzieren sich von den "schwarzen Schafe" der Branche. Auch ohne Gewaltandrohung könne man Geld legal eintreiben. Das aber dauert vielen Gläubigern zu lange. Die Muskel- und Dunkelmänner kommen ins Spiel. Sie preisen ihre Dienste in Anzeigen an und können sich auf Mundpropaganda verlassen.

Wir begleiten einen Geldeintreiber, drehen mit versteckter Kamera. Er ist gerade auf dem Weg zu einem Arbeitslosen, der 5000 Euro Schulden hat. Seine Erscheinung allein reicht häufig schon, um Schuldnern Angst und Schrecken einzujagen - so auch diesmal. Das Opfer lässt sich sehr schnell auf eine Ratenzahlung ein.

Gesetzwidriges "Zwangsinkasso"

Der Geldeintreiber sagt: "Dann sparen wir uns weitere Besuche. Sie wissen ja, dass Sie Frau und Kind haben." Und er ergänzt: "Wenn solche Schuldner nicht einsichtig sind, verteilen wir Flugblätter und Steckbriefe beim Arbeitgeber und in der Nachbarschaft. Die Leute sollen wissen, dass hier ein Schuldner wohnt. Wenn sie immer noch nicht zahlen, dann fahren wir auch schon mal mit ihnen in den Wald, binden sie an Bäume und gaukeln ihnen vor, wir würden sie anzünden. Meistens zahlen sie dann."

Solche Fälle bezeichnet die Polizei als gesetzwidriges "Zwangsinkasso". In der Kriminalstatistik läuft das unter Nötigung, Erpressung und Körperverletzung, offizielle Zahlen gibt es nicht.

"Polizei einschalten"

Stefan Böhme von der Polizeidirektion Gera über die Schwierigkeiten der Verfolgung: "Das Erkennen von zweifelhaften Geldeintreibern wird dann erst ermöglicht, wenn der Schuldner eine Anzeige erstattet hat. Sicherlich wird es wie in jeder Kriminalitätsform eine gewisse Latenz geben: Vielleicht trauen sich manche nicht eine Anzeige zu erstatten, vielleicht sind manche der Meinung, dass ihnen die Polizei nicht helfen kann. Wir empfehlen in jedem Fall, wenn es zu Straftatsbeständen gekommen ist, wenn sich der Geschädigte bedroht fühlt, wenn er sich genötigt fühlt, soll er die Polizei zur Hilfeleistung einschalten."

Das tat auch der Berliner Architekt Gero Leuttner nach einem abendlichen Zwischenfall. Er erwartet drei mögliche Kunden, die sich aber als Schuldeneintreiber entpuppen. Sie nötigen ihn, ihre Auftraggeber anzurufen.

Preiswertes Erschießen

Leuttner erzählt: "Er hat mir eindeutig erklärt, ich könne noch froh sein, dass es noch eine vergleichsweise harmlose Situation ist, die sich auch verändern könnte. Aber es wäre ihm ein Leichtes, und es wäre auch sehr preiswert, jemanden zu schicken, der mich erschießen würde." Zu seinem Glück wurde Leuttner Opfer einer Verwechslung. Die Geldeinzieher hatten sich an den falschen Schuldner gewandt und wurden nie wieder gesehen.

Dreimal täglich in Berlin

Berlin gilt als Hauptstadt des "Zwangsinkassos". Experten schätzen, dass zweifelhafte Geldeintreiber dreimal täglich zuschlagen. Die Nachfrage steigt ..
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