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Das lukrative Geschäft der Ausspionierer

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Moderator GM&P
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Anmeldungsdatum: 21.01.2006
Beiträge: 6453

BeitragVerfasst am: 6.Okt 2006 16:33    Titel: Das lukrative Geschäft der Ausspionierer Antworten mit Zitat

Zitat:
Das US-Justizsystem hat ein neues Genre hervorgebracht: Prozessberater helfen den Parteien, die Jury zu manipulieren. Weil die Urteile üblicherweise von zwölf juristischen Laien gesprochen werden, kommt es nicht allein darauf an, welche Beweise und Indizien die Anwälte vorbringen können.


Don Compton glänzt durch ungewöhnliche Auftritte: Bei Gericht fuhr er neulich mit einem Golfcart vor, „weil das einfacher zu parken ist in dieser Gegend“. Seine abgewetzten Tennisschuhe trägt er bei Präsentationen vor der Chefetage von Shell oder Texaco genauso selbstverständlich wie zum Mittagessen mit Kollegen. Aber er kann sich die Extravaganzen auch leisten: Als Prozessberater für die Crème de la Crème der US-Unternehmen kommt es schließlich allein darauf an, welche entscheidenden Informationen Compton und seine Firma TrialCorp vor einem anstehenden Gerichtsverfahren ans Tageslicht bringen kann. „Am Anfang guckten meine Klienten komisch“, grinst der vollschlanke Texaner, „aber nachdem ich ihnen das ein oder andere Milliönchen eingespart habe, fragt keiner mehr danach, wie ich rumlaufe.“

Das amerikanische Gerichtssystem mit seinem Geschworenengremium hat in den vergangenen 20 Jahren eine Kuriosität hervorgebracht, die in Europa weitgehend unbekannt ist: den lukrativen Job des Prozessberaters oder „Trial Consultants“. Da das Urteil in einem US-Gerichtsverfahren üblicherweise von zwölf juristischen Laien gesprochen wird, kommt es nicht allein darauf an, welche Beweise und Indizien die Anwälte vorbringen können. Sondern auch, ob ihre Schautafeln verständlich sind, ob sie der Jury sympathisch sind, wie sie ihre Zeugen präsentieren oder welche persönlichen Lebenserfahrungen die Juroren selbst mitbringen.

„Im Jurastudium fallen solche Aspekte normalerweise hintenüber, und der durchschnittliche Anwalt hat zunächst keine große Erfahrung damit, wie man mit Geschworenen umgeht“, erklärt Douglas Green, Präsident der Gesellschaft Amerikanischer Prozessberater (ASTC). „Deshalb helfen wir ihnen dabei: durch Probeläufe, Rollenspiele und fiktive Prozesse, in denen sie ihren Fall einer simulierten Jury vortragen und sehen können, wo es noch hakt.“

Vor allem bei größeren Gerichtsverfahren ist es inzwischen so gut wie Standard, dass die Verteidiger und oft auch die Klägerseite mit Prozessberatern zusammenarbeiten. „Noch vor fünfzehn Jahren war unser Job ein Novum, aber heute kommt kaum ein großer Fall mehr ohne Berater aus“, sagt Karen Hurwitz, Chefin von Hurwitz & Associates Consulting. Selbst der Staat greift bei hochrangigen Prozessen zum Rat der Experten – wie zum Beispiel gegen die Lifestyle-Königin Martha Stewart oder Popstar Michael Jackson.

Eine anerkannte Ausbildung zum Prozessberater gibt es nicht. Und weil die Nachfrage riesig ist und ein Tageshonorar von 20 000 Dollar keine Seltenheit, steigen Wissenschaftler und selbst ernannte Experten aus allen möglichen Berufsfeldern in die Branche ein. „Einige Berater haben Ausbildungen im Strafvollzug, in klinischer Psychologie, Sozialwissenschaften, Marketing oder Erziehungswissenschaften. Andere kommen von der Astrologie oder Kaffeesatzleserei“, zählt Joy Stapp auf, die vor einigen Jahren zusammen mit einer Kollegin ihre eigene Beraterfirma Stapp Singleton gründete. „Kurz gesagt: Prozess- oder Juryberater kann quasi jeder werden.“

Die Arbeit der „Trial Consultants“ beginnt oft, lange bevor der Richter einen Prozess eröffnet. Eine beliebte Strategie: Mit der Liste aller 100 potenziellen Juroren in der Hand fahren die Berater kreuz und quer durch den Landkreis und versuchen, so viele Informationen wie möglich zu sammeln. Wohnt der Kandidat in einer guten Gegend? Ist der Rasen vor seinem Haus gemäht? Zu welcher Kirche geht eine Familie, welche Schulen besuchen die Kinder?

Danach werden die Daten ausgewertet und Wunschkandidaten für die Jury benannt. Noch wichtiger: Wer aller Wahrscheinlichkeit nach der eigenen Seite eher schaden als nutzen kann, kommt auf eine Negativliste. Wenn dann der Tag der Juryauswahl gekommen ist und sämtliche Kandidaten sich im Gerichtssaal dem Frage-Antwort-Spiel des Richters und der beiden Anwaltsteams stellen müssen, hat die Seite mit der besseren Hintergrundrecherche auch die besseren Karten: Aus den rund 100 Anwesenden werden die zwölf Geschworenen sowie vier Stellvertreter ausgesucht.

Beide Seiten haben eine vorgegebene Anzahl an Vetomöglichkeiten. Wer schon im Voraus weiß, welche Kandidaten voraussichtlich am gefährlichsten für seinen Mandanten sind, kann die Juryauswahl für seine Zwecke optimieren – weshalb Insider oft vom „Abwählen“ unerwünschter Kandidaten statt vom „Wählen“ einer Jury sprechen. Besonders gefürchtet: die Meinungsmacher, die bei der abschließenden Urteilsfindung einige der schwächeren und unentschlossenen Geschworenen mit auf ihre Seite ziehen und damit praktisch mehrere Stimmen gleichzeitig abgeben.

Selbst Hollywood hat in jüngster Zeit Gefallen an dem damit verbundenen Dramapotenzial gefunden. Im Film „Das Urteil – Jeder ist käuflich“ mit Dustin Hoffman und John Cusack klagt eine Witwe gegen einen Schusswaffenhersteller, für den ein Schuldspruch zu Milliardenverlusten führen würde. Um dies zu verhindern, engagiert das Unternehmen einen brillanten, aber skrupellosen Juryberater, der bei seiner Recherche auch vor Einbrüchen und Erpressungen nicht zurückschreckt.

Douglas Green legt deshalb Wert darauf, dass seriöse „Trial Consultants“ ihre Infos ausschließlich mit legalen Methoden sammeln. Trotz-dem kommen auch im wahren Leben immer wieder pikante Details ans Tageslicht. In der Branche macht zum Beispiel die Geschichte von einer Geschworenen im Mordprozess gegen den Footballstar O.J. Simpson die Runde: Lange bevor sie in die Jury berufen wurde, habe die Frau in einem Medizinlabor einen Schwangerschaftstest durchführen lassen, der irrtümlich positiv zurückkam. Der damit verbundene Schock habe ihr Vertrauen in Laborergebnisse insgesamt zerstört – keine gute Voraussetzung für die Staatsanwälte im Simpson-Prozess, die ihre Anklage zu weiten Teilen auf DNA-Testergebnisse stützten und den Fall schließlich verloren. „Falls das zutrifft, wollen die Anwälte solche Dinge natürlich idealerweise wissen, bevor sie die Jurymitglieder auswählen“, sagt Green.

Nicht selten lassen sich kostspielige Zivilprozesse dank der Arbeit der Prozessberater sogar verhindern, erzählt Don Compton: Als eine große Brauereifirma vor der Entscheidung stand, gegen einen ihrer texanischen Auslieferer vor Gericht zu ziehen, beauftragte die Chefetage Comptons Firma mit einer Studie. Es ging um einige Millionen Dollar und die Frage, ob der Vorbesitzer unter Preis verkauft und damit dem Budget der Muttergesellschaft geschadet hatte.

Comptons Mitarbeiter riefen bei Hunderten potenzieller Jurykandidaten an und lasen ihnen einen Fragenkatalog vor. Tenor: Wie sieht der durchschnittliche Texaner die Chefetagen großer Unternehmen? Hat unser Klient überhaupt eine Chance, einen fairen Prozess zu bekommen?

Das Urteil fiel vernichtend aus. „Das war kurz nach dem Enron-Zusammenbruch, und die Stimmung gegen Großunternehmen war in ganz Texas so mies, dass 85 Prozent aller Befragten gegen meine Klienten gestimmt hätten – egal wie und wo wir die Jury ausgesucht oder welche Beweise wir auf den Tisch gebracht hätten“, sagt Compton. „Deshalb haben sie einen Prozess dankend abgelehnt – und lieber gleich die fünf Millionen gezahlt.“


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