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Der 300-millionste Ami

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hdschulz
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Anmeldungsdatum: 27.08.2004
Beiträge: 1036

BeitragVerfasst am: 18.Okt 2006 16:13    Titel: Der 300-millionste Ami Antworten mit Zitat

Der 300-millionste Ami

Die Kinderbetreuungsmöglichkeiten sind mies. Kindergeld? Pustekuchen. Viele Frauen gehen studieren und dann sogar arbeiten. Ohne Kündigungsschutz! Trotzdem setzen sie Kinder in die Welt. Schon komisch, diese Amerikaner.

Gestern um 13.46 Uhr mitteleuropäischer Zeit wurde in den USA - statistisch gesehen - der 300-millionste Einwohner geboren. Vielleicht habe der Jubiläumsamerikaner aber auch gerade die mexikanische Grenze überschritten, kommentierte "Fox News" launig. Die US-Bevölkerung wächst alle elf Sekunden. Einerseits durch Zuwanderung, andererseits durch Geburten. Ersteres ist für uns Deutsche bekanntlich bedrohlich. Letzteres kommt auch eher nicht in Frage: Kinder sind laut, kosten verdammt viel Geld und wollen immer dann mit Papa spielen, wenn Fußball im Fernsehen kommt. Außerdem werden sie oft krank - und wer macht sich schon gern Sorgen?

Deshalb zieht eine Familiendebatte nach der anderen über die leergefegten Straßen des schrumpfenden Deutschlands. Die USA dagegen wachsen. Seit 1967 kamen 100 Millionen Bürger dazu, illegale Einwanderer nicht mitgerechnet. Vielleicht haben die Amerikaner ja verstanden, dass die Grundvoraussetzung für Bevölkerungswachstum in einem modernen Industriestaat keine Geld- oder Rollenfrage, sondern eine Liebesfrage ist. Sie lautet: Lieben wir Kinder? Wenn man dem Online-Lexikon Wikipedia glauben kann, dann befindet sich in Übersee das Paradies für Eltern: "Fremde Menschen werden Sie ansprechen und Ihnen sagen, wie niedlich und wohlgeraten Ihr Nachwuchs ist. Da Dienstleistung in den USA groß geschrieben wird und der Kunde sich als König fühlen soll, kann man Kinder problemlos fast überall hin mitnehmen, zum Beispiel in Restaurants."

Kinder in Restaurants? "Dann lieber aussterben", pflegt der miesepetrige Deutsche zu sagen. Auszusterben wiederum würden die Amerikaner niemals hinnehmen - selbstverliebt wie sie sind. Letzteres belächeln wir an den Amis besonders gerne. Aber so richtig nach vorne bringt uns das natürlich auch nicht.

von Tobias Kaufmann
(Kölner Stadt-Anzeiger, Seite 1, 18.10.06)
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