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Globalisierung für Fortgeschrittene

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hdschulz
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Anmeldungsdatum: 27.08.2004
Beiträge: 1142

BeitragVerfasst am: 15.Sep 2006 10:43    Titel: Globalisierung für Fortgeschrittene Antworten mit Zitat

Thomas Fricke: Globalisierung für Fortgeschrittene

Die weltweite Integration gilt als Schockveranstaltung, bei der wir von willig-billigen Chinesen und Indern unaufhaltsam niederkonkurriert werden. Als hätten die nichts anderes im Kopf. Ein Update, Teil eins.


Die Prophezeiung klingt plausibel und das schon seit mindestens einem Jahrzehnt. Weltweit lauern Chinesen, Inder und andere darauf, uns immer mehr Jobs zu nehmen, weil sie billiger sind, genügsam, ein bisschen verwegen und überhaupt weder Urlaub, Kündigungsschutz, noch sonst was zum Leben brauchen. So ist der Asiate eben.

Die Frage ist nur, warum wir dann überhaupt noch da sind, wo die Chinesen seit Mao schon eine Weile Zeit hatten, uns billig einzupacken. Warum fahren trotz Billigkonkurrenz auf unseren Straßen immer noch keine chinesischen Autos, haben gut 90 Prozent der Menschen hier noch einen Job - mehr als in China -, exportieren wir Jahr für Jahr mehr statt weniger und investieren Unternehmen im Aufschwung gerade zweistellige Milliardenbeträge in Deutschland?

Und wieso klagen Koreaner plötzlich, dass ihr Land Verlierer der Globalisierung sei? Sie erinnern sich: Korea. Das waren die, die uns schon vor Jahren verschluckt haben sollten.


Bonsai-Investitionen in China
All das drängt spätestens jetzt ein Update auf, im Aufschwungjahr 2006. Die fortgeschrittene Globalisierung scheint so einfach nicht zu funktionieren, wie es Geistergurus in Anfängerkursen seit Jahren erklären: wo die anderen gewinnen und wir absteigen. Es könnte sich am Ende ganz anders entwickeln.

Wenn die Globalisierung so stark von der Billigkonkurrenz bestimmt ist, müsste die Sache längst größere Ausmaße angenommen haben, als es anno 2006 nüchtern betrachtet der Fall und in Dollar, Euro, Yen und Yuan messbar ist.

Natürlich investieren deutsche, amerikanische und britische Firmen heute mehr in Asien und Osteuropa als noch vor 20 Jahren. Doch machen die grenzüberschreitenden Direktinvestitionen nach jüngsten Schätzungen der Economist Intelligence Unit (EIU) jährlich nur gut zwei Prozent der globalen Wirtschaftsleistung aus. Und davon gehen zwei Drittel in die teuer hoch entwickelte Welt. Für Investitionen in China werden nicht ganz 0,18 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung ausgegeben. Tendenz laut EIU: eher nachlassend. So viel zur Größenordnung. Alles in allem waren die globalen Direktinvestitionen im Jahr 2000 schon einmal fast zehn Prozent höher.

Laut Bundesbank haben die Deutschen 2005 mehr in der Schweiz investiert als in allen EU-Beitrittsländern im Osten zusammen. Die Firmeninvestitionen in China erreichen gerade 0,13 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts. Eher niedlich, so beeindruckend die einzelnen Verlagerungsfälle auch wirken.

Natürlich kommen (schlechte) Plastikspielzeuge heute in vielen Fällen aus China, und natürlich steigen die Importe von dort. Nur stand dem im Frühjahr ein Wachstum von 25 Prozent zum Vorjahr der deutscher Exporte nach China gegenüber. Es scheinen die Dimensionen außer Acht zu geraten. Die Deutschen importieren immer noch 20 Prozent mehr aus Österreich und der Schweiz als aus dem geringfügig größeren China - ohne dass sich Angst vor alpiner Ausbeutung ausbreitet. Aus Deutschland werden übrigens noch fast eine Million Fernsehgeräte exportiert. Nach Indien haben wir im Frühjahr ein Viertel mehr verkauft als dort eingekauft.

Wenn die Billigkonkurrenz so schicksalhaft unseren akuten Niedergang bedeutet, müsste der Export wenigstens ein bisschen kriseln. Tatsächlich gewinnen deutsche Firmen weltweit Marktanteile, was alles andere als an der Binnenwirtschaft vorbeigeht. Rund 70 Prozent der deutschen Exporte bestehen laut Statistikamt immer noch aus Wertschöpfung im Inland und nicht aus den völlig überschätzten Billigimporten aus Osteuropa. In der deutschen Industrie ist die Binnenwertschöpfung seit Ende 2004 um acht Prozent hochgeschnellt - so viel wie jetzt haben Industriefirmen im Inland noch nie hergestellt. Im ersten Halbjahr sind in Deutschland im Schnitt täglich 1000 sozialversicherungspflichtige Jobs dazugekommen. Trotz Globalisierung. Das kann's nicht gewesen sein.

Was für Deutschland gilt, gilt ähnlich für die USA, wo die Angst vor indischen Programmierern grassiert. "Die Hysterie ist völlig unverhältnismäßig", schreibt der US-Ökonom und ehemalige Bush-Berater Gregory Mankiw nach Auswertung von zig empirischen Studien*. In der Krise ab 2001 seien die Auslandsinvestitionen der US-Firmen langsamer, nicht schneller gewachsen. Das Gleiche gelte für die (relativ wenigen) Jobs, die durch (Billig-)Import verloren gingen. Mehr als 90 Prozent aller größeren Entlassungen haben nichts mit Firmenverlagerungen innerhalb Deutschlands oder ins Ausland zu tun. Von wegen China.


Firmen im trügerischen Happy-Hour-Rausch

Die spannende Frage ist denn auch eher, warum im Jahr X der Globalisierung nicht viel mehr importiert und verlagert wird; warum das Phänomen für Deutsche und Amerikaner nicht verheerender wirkt - wenn doch der Schock, den Milliarden anspruchslose Arbeitskräfte produzieren, so gewaltig ist und Firmen ihre Fabriken angeblich prompt in die jeweils aktuelle Happy-Hour-Region verlagern können.

Die Antwort könnte sein, dass das noch kommt. Die Antwort könnte aber auch sein, dass der viel bemühte Arbeitskräfteschock nur die eine Seite der Globalisierung ist. Und dass dem jetzt ein ähnlich eindrucksvoller Nachfrageschock folgt. Und ein globales Kosten- und Standortgefüge, das sich gerade deshalb viel schneller bewegt und verändert, als es die Absturzpropheten bisher vorgerechnet haben. Dazu mehr in einer Woche. Vielleicht klärt sich dann, warum Koreaner über die asiatische Bedrohung nur bedingt noch lachen können.

* "The Politics and Economics of Offshore Outsourcing", Gregory Mankiw, Phillip Swagel, July 2006

Thomas Fricke ist Chefökonom der FTD.
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