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Höflichkeit und Freundlichkeit-in den Spiegel schauen bitte

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Moderator GM&P
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Anmeldungsdatum: 21.01.2006
Beiträge: 5911

BeitragVerfasst am: 7.Sep 2006 12:40    Titel: Höflichkeit und Freundlichkeit-in den Spiegel schauen bitte Antworten mit Zitat

Höflichkeit und Freundlichkeit wurden in den vergangenen Jahrzehnten weitgehend abgeschafft. Doch dessen, verehrte Leser, werden nun viele überdrüssig.

Zitat:
Wartet eine Frau darauf, dass ihr ein Mann die Türe aufhält, hat sie am Ende des Tages mit Sicherheit ein gebrochenes Nasenbein. Ihren ersten Blumenstrauss bekam eine Bekannte von mir im Alter von 28 Jahren geschenkt. Hat sie sich bedankt? Schade, habe sie glatt vergessen. Vielleicht aus Wut: Sie musste das Essen für beide bezahlen, weil er so lange nach der Geldbörse kramte, bis es ihr zu dumm wurde.

Dass Männer den Frauen nicht in den Mantel helfen, ist halbwegs verständlich, denn fürsorgliche Galanterie gilt als patriarchalisches Gehabe. Im Zeitalter der postfeministischen Rüd- heit zwischen den Geschlechtern bleiben sie aber auch sitzen, wenn eine Hochschwangere das vollbesetzte Tram betritt. Selbst beim Verfrachten von tonnenschweren Kinderwagen helfen sie nur ungern mit.

Auch in der Überzeugung, dass Höflichkeit und Freundlichkeit dazu dienen, hinterhältige Motive zu kaschieren und Klassenunterschiede zu zementieren, wurden sie in den letzten Jahrzehnten weitgehend abgeschafft. Glaubt man der britischen Autorin und Gesellschaftskritikerin Lynne Truss, sind die glücklichen Tage der Unerzogenen nun gezählt. Die 50-Jährige hat der Verwilderung der Sitten den Kampf angesagt: In ihrem soeben erschienenen Buch «Die totale Unerzogenheit im Alltag – Sechs Gründe, um daheimzubleiben und die Türe zu verriegeln» äussert sich Truss über ihr Missfallen, wenn sie von Buben in Hip-Hop-Hosen geduzt und von Frauen im Businesskostüm aus der Warteschlange gedrängt wird.

In den letzten Jahren traute sich kaum jemand, öffentlich über solche Ärgernisse zu lamentieren. Wer outet sich schon freiwillig als Kleingeist, der Verhaltenskodizes aus dem vergangenen Jahrhundert nachhängt? Lynne Truss tut es und behauptet, sie spreche für Tausende von Betroffenen. Ihr Pamphlet ist ein anhaltendes Stöhnen über die Unerzogenheit von Leuten, die in ihre Handys schreien, in öffentlichen Verkehrsmitteln ekelhaft riechende Dinge verspeisen, den Fahrgästen ihre Rucksäcke in den Körper rammen, der Umwelt nackte Fettpolster zumuten und nicht einmal wissen, dass man eine Papierserviette nach dem Gebrauch locker gefaltet auf den Tisch legt statt zerknüllt in den Teller wirft.

«Schnauze, bitch!»

Benimmregeln: Was die einen als sinnlose Konventionen bezeichnen, nennt Lynne Truss «die Voraussetzung für ein soziales Verhalten». «Ohne Manieren sind seriöse menschliche Beziehungen unmöglich», sagt auch der amerikanische Anstandsguru Mark Caldwell. «Andererseits», gibt er zu bedenken, «beschwerte sich bereits Sokrates über die Jugend, die sich bei Tisch schlampig aufführt und den Alten den Respekt verweigert.» Es gehe heute weniger darum zu wissen, wie man mit einem Fischmesser hantiere oder eine Fürstin begrüsse, meint Truss, sondern wie man spreche, wie man gehe, wie man sich im modernen Alltag benehme, ohne seine Mitmenschen zur Weissglut zu treiben. Lynne Truss verweist auf den Schneeballeffekt der Unerzogenheit: «Als mich kürzlich ein Skater beinahe umfuhr, ertappte ich mich dabei, wie ich ihm unanständige Wörter hinterherrief.» Wie reagierte der Skater? Er schrie: «Halt die Schnauze, bitch.»

Nach 198 Seiten kommt Truss zum Schluss: «Unhöflichkeit ist schlecht und muss bekämpft werden.» Dann der schüchterne Vorschlag: «Warum versuchen wir es nicht einfach mit ein wenig Freundlichkeit und Rücksichtnahme?» Sie weiss, dass sie freundlich bitten muss, denn Anstand kann nicht verordnet werden. Zudem: «Unhöflich sind sowieso immer die anderen», sagt Mark Caldwell. Das zeigt eine repräsentative Umfrage aus den USA: Neunzig Prozent der Befragten – sie stammten aus allen sozialen Schichten – fanden, dass die Rüdheit im Alltag langsam, aber sicher ausarte. Die Ansichten darüber, was mangelnder Anstand ist, gehen aber weit auseinander. Auf einen Werbespot der Fastfood-Kette Kentucky Fried Chicken, in dem die Angestellten mit vollem Mund nahezu unverständliche Werbebotschaften sangen, gingen Hunderte von Beschwerden ein: Der Spot mokiere sich über Menschen mit Sprachproblemen. Er zeige die Hispano-Angestellten in einem schlechten Licht. Er verleite zu Nachahmungen, was bei Kleinkindern zum Erstickungstod führen könne. Darüber, dass ein höflicher Mensch mit vollem Mund weder spricht noch singt, verlor keiner ein Wort.

Die Defizite sind enorm. Anstandskurse und neue Benimmführer, gut besuchte Vorträge des adligen Philosophen André Comte-Sponville (er behauptet, die Höflichkeit sei eine Tugend) helfen Einsichtigen, die sich wieder auf verbindliche Regeln verlassen möchten. Barbara Ellen, Kolumnistin beim britischen Observer, rät: «Jedermann kann unkontrolliert schreien, öffentlich pinkeln, fluchen und Telefonhörer um sich werfen.» Aber es brauche Klasse, um im richtigen Moment rüde zu sein. Der erste – in den eigenen vier Wänden ausgetragene – Beziehungsstreit biete dafür die perfekten Voraussetzungen. «Das ist selbstverständlich eine persönliche Meinung, die auf eigenen Erfahrungen beruht und nicht für alle Menschen gelten muss», schränkt Ellen – äusserst höflich – ein.

Autor: Franziska K.Müller
Pressebüro Dufour



Sollte gerade Ihr Spicktiv verlegt sein -> Hören Sie diesen Artikel auf www.weltwoche.ch/audio


Zuletzt bearbeitet von Moderator GM&P am 7.Feb 2007 6:35, insgesamt 1-mal bearbeitet
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Lutz Spilker
* Consulter *


Anmeldungsdatum: 04.05.2004
Beiträge: 1432
Wohnort: Nürnberg

BeitragVerfasst am: 7.Sep 2006 14:46    Titel: Antworten mit Zitat

@ all,

nun – man kommt oftmals nicht umhin daran zu zweifeln, dass
es sich bei div. Dialogpartnern um sogenannte erwachsene Men-
schen handelt, welche ihrerseits selbst schon Kinder erziehen.

Auch frage ich mich zeitweilend, wie manche Zeitgenossen ihren
Frauen oder Bekannten, Geschäftspartnern und Kegelfreunden
klarmachen, dass sie unter dem Nickname „XYZ“ und mit dem
Avatar einer Faschingsfigur ein Posting abzugeben Willens sind.

Die stehende Vorhaltemarke, man befände sich doch „bloß“ im
Internet, degradiert den beteiligten User zur Zielfläche persön-
licher Defizite im punkto Kinderstube.

So betrachtet ist es nichts anderes als die Anonymität des Medi-
ums, hinter der sich nicht zuletzt auch ein Potential an Kriminali-
tät verbirgt.

Sind es hier die kleinen und größeren Gauner und Abzocker, sind
es woanders die Pädophilen, die Soziophaten und Aggressivbol-
zen der Marke „Provokateur aus unmotivierter Leidenschaft“.

Es sind die Drängler auf der Straße, welche mit ihrer vermeint-
lich eingesparten Zeit dennoch nichts Rechtes anzufangen wis-
sen und ihrer Umwelt nichts anderes als auf die Nerven fallen.

Wen wundert es dann noch, dass auch in den Foren des WWW
eben diese Kinderstube vermisst wird. Man kennt den Rämpler,
den Pöbler, den Maulhelden schließlich nicht, der sich benimmt
wie eine Gartenharke und dieser sitzt zuhause vor seinem Mo-
nitor und feixt sich eins vor Freude, den anderen mal wieder die
Laune versägt zu haben.

Kein „Danke“ und schon gar kein „Bitte“, das ist ja eher als weich,
ergo weiblich zu verstehen und als Macho kann man sich einen
Fauxpas dieser Colœur nicht leisten. Bleifuß aufs Gas, als Ventil
des gefrusteten Daseins, denn Schuld haben natürlich immer die
anderen, wer sonst. Ellbogen sind nicht nur dazu da, sich bequem
auf den Tisch zu fläzen und den Bregen drauf abzustützen, son-
dern dienen ebenso als Werkzeug, sich Platz zu verschaffen, sei
es auch bloß im Internet.

Höflichkeit, Distanz und Anstand sind Dinge für die Schwulen,
die Weicheier und Weißbrotlutscher, nichts jedoch für den ech-
ten Kerl mit der Unterarmnässe, den Schweissmauken und den
dicken (Auftrags-)Mappen aus der Debitorenabteilung...
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werner callies
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Anmeldungsdatum: 26.09.2003
Beiträge: 3253
Wohnort: NRW & Spanien

BeitragVerfasst am: 7.Sep 2006 15:20    Titel: Antworten mit Zitat

So oder ähnlich.

Wenn der User "Gieskanne" den User "Fahrradschlauch" anschreibt und
mal eben um ein Kleindarlehen iHv. 25 Mio für eine absolute und neuartige
Geschäftsidee (Biokraftwerk + Eigenheim + Ferrari + Ferienhaus...)
anpumpt, frei nach dem Motto: "wenn dann lang' ich richtig zu", wird
doch lediglich eine Antwort in der Art

"Wohin darf ich überweisen"

erwartet.

Aber wehe, da fragt jemand nach Sicherheiten, BP oder sonstigen
Unterlagen, dann ist man sofort "per DU" und kann mit übelsten
Beschimpfungen statt Antworten rechnen:

"Mach Dir mal keine Gedanken, Du Pannemann, ich weiß schon, was
ich mit dem Geld anfangen werde, und mit Sicherheiten kannst Du mich
mal gehörig am Götz von Berlichingen. Und wenn Du keine Kohle raus
tun willst, dann halt die Fresse und schreib hier nicht so einen Scheixx."

Nach Abschluß der höflichen Konversation wundern sich die Kapitalsucher
dann allerdings, dass von keiner Seite mehr eine Nachfrage kommt...
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Lutz Spilker
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Anmeldungsdatum: 04.05.2004
Beiträge: 1432
Wohnort: Nürnberg

BeitragVerfasst am: 7.Sep 2006 15:56    Titel: Antworten mit Zitat

@ Thread, @ all,

zugegeben, es liest sich allemal recht amüsant und nimmt der
Thematik stellenweise die Rasanz.

Ungeachtet dessen, dass hier niemand missioniert werden soll-
te, kann ich mir folgenden Dialog bestens vorstellen...

„Ey Keule, hasse gelesen da, in Forum bei Gomopa, die labern
echt nur Müll, die Knallfrösche, ham null Plan abba machen den
Rand auf wie Sau ey... abba getz ma in Ernst Keule, kannse mir
ma’ ’n Zwanni bis nächste Tage tun?“

Oder so ähnlich jedenfalls...
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