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A. Henneberg ** Consulter **
Anmeldungsdatum: 28.08.2002 Beiträge: 4948 Wohnort: Osten
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Verfasst am: 19.Jul 2004 8:37 Titel: Russen misstrauen ihren Banken |
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Nach der Beinah-Pleite des Alfa-Instituts werden die Konten weiter leer geräumt. Die Wirtschaft leidet unter Kapitalmangel
Bitte wenden Sie sich an ein anderes Kreditinstitut", steht mit schneller Hand am Geldautomaten der Moskauer Sodbisnesbank geschrieben. "Uns wurde die Lizenz entzogen."
Um die Ecke hat die Guta-Bank, die Nr. 22 in Russland, ihre Zweigstelle. "Wir sind übern Berg", ruft eine Angestellte drei Dutzend Kleinsparern zu, die ihre Sparkonten räumen wollen. "Wir haben einen Staatskredit bekommen." Sie hätte auch sagen können: "Wir wurden von der staatlichen Vneshtorgbank zum Schleuderpreis aufgekauft."
Wer eine Kreditkarte der Alfa-Bank, einer der größten Privatbanken Russlands, hat, wird in Moskauer Geschäften dieser Tage nicht wie ein First-Class-Kunde behandelt. Händler wollen lieber Bargeld sehen. Nachdem in der vergangenen Woche Konkurrenten das Gerücht streuten, Alfa sei zahlungsunfähig, räumten Kleinsparer 200 Millionen Dollar und damit ein Sechstel der Einlagen von ihren Konten. Die bedrängten Oligarchen Michail Friedman und Pjotr Aven pumpten 700 Millionen Dollar in ihre Alfa-Bank, um sie vor dem Untergang zu retten.
"Es gibt keine Bankenkrise", sagt Zentralbankchef Sergej Ignatjew und rückt sich die schwere Hornbrille zurecht. "Es gibt sie doch", sagt Andrej Illarionow, Wirtschaftsberater von Präsident Wladimir Putin.
Russische Sparer sind so krisenerprobt wie kaum ein anderes Volk. 1991 brach die staatliche Vneshekonombank zusammen, 1992 fraß die Inflation die Ersparnisse, die bei der staatlichen Sberbank lagen. 1998 dann der Super-GAU: Durch den Rubel-Crash verloren Millionen Russen ihre Vermögen. Hunderte Banken wurden vom Markt gefegt. Das Vertrauen war dahin.
Russland hat ein Bankensystem, das unterkapitalisiert ist und wenig leistungsfähig. 1329 Kreditinstitute sind registriert, sie erwirtschafteten im vergangenen Jahr einen summarischen Gewinn von 129 Milliarden Rubel (3,58 Milliarden Euro). Knapp zwei Drittel lagen in der Verlustzone. 400 Kreditinstitute haben nicht einmal das vom Staat vorgeschriebene Eigenkapital von einer Million Euro. Experten halten weniger für mehr: 100 Banken, besser als bisher mit Kapital ausgestattet, würden effizienter sein.
Die Banken heute sind nicht der Wachstumsmotor, den Russland bräuchte, um, wie von Putin gefordert, bis 2010 das Bruttoinlandsprodukt zu verdoppeln. Sie pumpen nicht das nötige Geld in die Wirtschaft. Der Anteil der Kredite am Bruttoinlandsprodukt liegt bei 20 Prozent, in osteuropäischen Staaten wie Polen und Ungarn zwischen 30 und 40, in westlichen Staaten bei 80 Prozent.
Viele führen ein bizarres Eigenleben am Rande der Ökonomie. Nur 13 Prozent ihres Gewinns machten sie 2003 nach Angaben der Zentralbank mit Darlehen. Das Gros stammte von Gewinnen aus Aktien, die in ihren Depots lagen. Profitabel waren noch die, wie es die Zentralbank nennt, "spezifischen Operationen", die in der Grauzone des Finanzmarktes stattfinden.
Das geht so: Ein Kunde will Geld, dessen Herkunft unklar ist, ins Ausland transferieren. Die Bank hilft, indem sie eine ausländische Consultingfirma Rechnungen für Dienstleistungen ausstellen lässt, die nie erbracht wurden. Der Kunde gibt der Bank das Geld, die bezahlt die fiktiven Rechnungen und transferiert gegen Provision die Summe über die Landesgrenze. Im vergangenen Jahr wurden so rund 20 Milliarden Dollar außer Landes geschafft.
Von der Bankenkrise profitieren die staatlichen Geldinstitute, die der Sparer als sicherer einstuft. Das kann Putin, der auch in anderen Wirtschaftssektoren die Rolle des Staates stärken will, recht sein. Hatte die Sberbank im vergangenen Jahr Marktanteile abgeben müssen und "nur" noch 62 Prozent aller Spareinlagen verwaltet, hat sich mit der Bankenkrise der Trend gedreht. Töchter ausländischer Institute wie die Société Générale Vostok oder die Raiffeisenbank vermelden ebenso einen Kundenzustrom.
Weltweit einzigartig ist die Dominanz des Staates: Die Zentralbank, der oberste Schiedsrichter, hält 60,57 Prozent an der größten Geschäftsbank. Kein Wunder, dass dem Marktführer Sberbank das Leben so leicht wie möglich gemacht wird. Von den 45 Milliarden Dollar an privaten Spareinlagen liegen bei ihr rund 30 Milliarden Dollar.
"Matratzengeld" heißen in Russland die Guthaben, die zu Hause versteckt werden. Rund 60 Milliarden Dollar lagern in Einmachgläsern, sind mit Silikon unter die Badewanne oder hinter die Tapete geklebt. Anhänger der US-Währung haben im Schnitt 2700 Dollar daheim, Rubelfans 19 000 Rubel, Freunde der Eurozone 1500 Euro.
Das Meinungsforschungsinstitut Brand Lab ermittelte, dass nur jeder Zehnte bereit ist, in den kommenden drei Jahren sein "Matratzengeld" auf die Bank zu tragen. Die Mehrzahl der Befragten würde "niemals" einer Bank vertrauen. Immerhin: Das Vertrauen steigt, wenn im Banknamen "International" vorkommt.
Die Zentralbank hat mit einem Notpaket reagiert. Die Staatsduma verabschiedete ein Gesetz, das die Zentralbank dazu verpflichtet, Privatguthaben bei allen Banken bis zu 100 000 Rubel (2800 Euro) pro Konto zu garantieren. Ein heikles Unterfangen, schließlich kommt nun der Steuerzahler für alle dubiosen Geschäfte der Banken auf. Eine andere Einlagenversicherung sah eigentlich vor, dass die Zentralbank schwarze Schafe unter den Banken erst ausmustert und die übrig gebliebenen an einer gemeinsam getragenen Versicherung teilnehmen lässt.
Um den Interbankenmarkt, wo zuletzt aberwitzig hohe Zinsen verlangt wurden, zu stützen, soll die Sberbank Geld zuschießen. Noch in diesem Jahr müssen alle russischen Kreditinstitute nach internationalen Buchführungsstandards bilanzieren. "Dann", so Ex-Zentralbanker Sergej Dubinin, "wäre endlich eine Schwachstellenanalyse jeder Bank möglich."
Während Zentralbankchef Ignatjew Präsident Putin versicherte, die Unruhe sei jetzt vorüber, sind da andere Experten deutlich skeptischer. Analyst Peter Westin von Aton Capital prophezeit die Schließung von weiteren Banken. "Die Privatbanken, die überleben wollen, werden nun bergauf rennen müssen, um das Kundenvertrauen zurückzugewinnen."
Artikel erschienen am 18. Juli 2004 - von Jens Hartmann |
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