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Semantische Entsorgung

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hdschulz
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Anmeldungsdatum: 27.08.2004
Beiträge: 1141

BeitragVerfasst am: 23.Okt 2006 16:12    Titel: Semantische Entsorgung Antworten mit Zitat

Semantische Entsorgung
Kolumne von Maxeiner & Miersch, erschienen in DIE WELT am 20.10.2006:

„Schade, dass Frankreich und die Türkei keine gemeinsame Grenze haben,“ schreibt der Münchner Blogger Martin Hagen. Dann müssten westwärts Reisende feierlich bekunden, dass sie den Völkermord an den Armeniern nicht leugnen, während ostwärts Reisende der türkischen Grenzpolizei erklären, dass dieser Genozid nicht stattgefunden hat, um nicht mit dem Gesetz wegen „Verunglimpfung des Türkentums“ in Konflikt zu geraten. „Eine groteske Vorstellung; Nicht grotesker als die Idee, Geschichtsbilder gesetzlich vorzuschreiben.“

Das französische Geschichts-Gesetz ist eine weitere Etappe auf dem Siegeszug des bürokratischen Illusionismus. Der greift nicht nur in Europa um sich: Das amerikanische Öko-Magazin „Grist“ verglich Zweifler an der Klimakatastrophe mit Holocaust-Leugnern und forderte Prozesse gegen sie „im Stil von Nürnberg“. Aber auch aus Deutschland kamen in diesen Tagen originelle Beiträge zur symbolischen und semantischen Mülltrennung. Das Stuttgarter Landgericht verurteile einen Händler von antifaschistischen Accessoires, weil auf seinen Produkten durchgestrichene Hakenkreuze abgebildet sind. Und die SPD wollte am liebsten das Wort „Unterschicht“ verbannen. Da werden sich die Prolls aber freuen.

Alles Unangenehme, jeder Konflikt, aber auch jeder Schwachsinn soll sprachlich und gedanklich zum Verschwinden gebracht werden. Nachdem die „political correctness“ sich im zwischenmenschlichen Alltag durchgesetzt hat und niemand mehr dick, alt oder klein genannt werden darf, wird nun ein politisches „Neusprech“ installiert, das so tut, als könne man Vernunft verordnen. Kann man aber nicht. Es wird immer Irrationalität, Fanatismus und blanken Irrsinn geben. Selbst wenn wir überall gelbe Blechschilder aufhängen, dass solche Geisteszustände gesetzlich verboten sind.

Das Verbannen unangenehmer Worte ist ein altes Marketinginstrument, mit dem sich früher vorwiegend die Industrie lächerlich machte. Wir erinnern uns noch heute gern an die Bauchlandung, die die PR-Berater der Stromkonzerne erlebten, als sie den hässlichen Terminus „Atommülldeponie“ in „Entsorgungspark“ umtauften. Die weichgespülte Wortschöpfung gilt bis heute als der Klassiker unter den Euphemismen. Dicht gefolgt von „Finaler Rettungsschuss,“ der behördlichen Bezeichnung einer gezielten Tötung von Geiselnehmern und anderen Schwerverbrechern.

Aber auch die sozialen Basisbewegungen waren nicht faul. Apostel der reinen Ökolehre ersetzten Raubtiere durch „Beutegreifer“ und Schlamm durch „Feuchtbiotope.“ Unvergessen – jedoch erfolglos - blieb der feministische Versuch, für die körperliche Vereinigung von Mann und Frau den Begriff „Penetration“ durchzusetzen. Wie singt Pipi Langstrumpf so schön: „Ich mach’ mir die Welt / Widdewidde wie sie mir gefällt.“ Dieser voluntaristische Imperativ ist inzwischen von Regierungen und Parlamentariern übernommen worden. Ob Astrid Lindgren das wollte?

Wie es weitergeht in Sachen Realitätsentsorgung kann in Österreich besichtigt werden. Dort gilt die Wiener Stadträtin Ulli Sima als aussichtsreiche Kandidatin für das Amt des Umweltministers in der sich bildenden großen Koalition. Frau Sima wurde bekannt mit der Kampagne „Für ein genfreies Österreich!“. Aber Sie denkt auch in viel größerem Maßstab. Als 1997 die mit einem kleinen Kernreaktor bestückte Raumsonde Cassini-Huygens zum Saturn geschickt wurde, protestierte Frau Sima ebenfalls vehement. Ihre damalige Parole: „Für einen atomfreien Weltraum!“ Dem möchten wir uns aus vollem Herzen anschließen: Eine genfreie Welt im atomfreien All - das wäre die Lösung für alles: Keine Unterschicht mehr, keine Geschichtsleugner und niemand der noch Türken beleidigen könnte. Der finale Entsorgungspark.
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