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tifinaa * Consulter *
Anmeldungsdatum: 19.11.2003 Beiträge: 1176
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Verfasst am: 13.Apr 2006 12:14 Titel: Wer wird der Gorbatschow des Westens? |
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KOMMENTAR*Deutschland in der Breschnew-Ära
Über die politischen Inhalte entscheiden Mehrheiten. Sinnvolle, gar unumgängliche Maßnahmen werden oft abgeschmettert mit dem Hinweis: leider nicht mehrheitsfähig!
So verkauft sich Politik an die Interessenverbände, an den Zeitgeist, an jeweilige Bedürftigkeiten.
Der Visionär kommt gar nicht mehr auch nur in die Nähe politischer Macht, notwendige Reformen versacken im Kleinkrieg der egoistischen Argumente.
So höhlt sich Demokratie selber aus, verliert politische Gestaltungskraft und damit die tragende Unterstützung durch das Volk.
Nach den jüngsten Landtagswahlen in drei Bundesländern kommt die Mehrheit nicht an die Macht. Das demokratische Kräftespiel stimmt nicht mehr.
Wir werden von Minderheiten regiert. Hinter der "siegreichen" CDU in Sachsen-Anhalt stehen gerade 15 Prozent der Bevölkerung.
Die "Partei der Nichtwähler" dagegen verbucht dort mit 55,6 Prozent die absolute Mehrheit. Und sie verwehrt der Demokratie ihren Respekt. Ist das berechtigt, verständlich, vielleicht sogar notwendig?
Solange eine demokratische Gesellschaft ein gemeinsames Ziel oder Gut zu verwalten und zu verteidigen hat, ist sie ganz sicher die beste aller bekannten Gesellschaftsformen.
Wirtschaftswachstum und Wohlstand für alle waren die äußere Verheißung, in der die Demokratien des Westens blühen konnten im Bemühen um halbwegs gerechte Verteilung und Teilhabe.
Diese Zeiten sind vorbei. Was könnte uns jetzt noch zusammenhalten?
Der Kampf gegen den Terrorismus? Die Verteidigung des amerikanischen Weltreiches gegen die wachsende chinesische Macht?
Erleben die Menschen überhaupt noch Sinn jenseits des Geldes und der augenblicklichen egoistischen Befriedigungen?
Wenn die demokratische Gesellschaft nichts mehr zu bieten hat, was eine Mehrheit interessiert, verliert sie ihren Sinn. Und wenn es keine wirklichen Alternativen mehr gibt, für die man sich entscheiden könnte, verliert sie ihren politischen Zweck.
Ich halte es für bedenklich, wie eine seit Jahren rückläufige Wahlbeteiligung bagatellisiert wird.
Verunsicherung, Ratlosigkeit und Scham werden von der politischen Klasse nicht eingestanden. Ihre Versprechen: Wachstum, Arbeitsplätze, soziale Sicherheit sind lächerlich geworden, aber ihre Unerfüllbarkeit ist kein Grund zum Lachen.
Die Regierenden können die weltweiten Veränderungen nicht wirklich ordnen, sie hecheln hilflos hinterher. Wenn jedoch alles Bemühen keine Richtung mehr findet und der Lebenssinn verloren geht, entsteht ein "Energiestau", der implodieren oder explodieren, also Krankheit oder Krieg verursachen kann.
Die Verweigerer des demokratischen Spiels tragen den Keim der künftigen Veränderungen - nicht die Wähler, die sich mit ihren Vertretern offenbar einig sind, bittere Erkenntnisse und schmerzliche Veränderungen zu verleugnen und weiter im Kleinkrieg der Interessenverbände nötige Entscheidungen zu verhindern.
Sollten sich die Politiker nicht im Besonderen der Nicht-Wähler annehmen? Sollten sie nicht deren Motive möglichst genau zu verstehen suchen und ihren Entschlüssen zugrunde legen?
Derzeit haben wir in Deutschland eine Herrschaft der Minderheit, die ihre Macht für das "Irgendwie-Weiter-So" einsetzt, während die Verweigerer Widerstand signalisieren - Widerstand zwischen Resignation, Angst und Wut.
Sie geben zu verstehen: Von der Politik wird nichts mehr erwartet. Denn alle wissen, dass die Kassen nicht nur leer sind, sondern die Schulden die Zukunft unlebbar machen.
Alle wissen, dass die Arbeitslosigkeit zunehmen wird, die Renten sinken, das Gesundheitssystem und die Sozialsysteme immer weniger leisten können.
- Welche Partei stellt sich diesen Wahrheiten wirklich? Welche Gewerkschaft riskiert den Ausstieg aus den sinnlos werdenden Kämpfen um Löhne und Arbeitsbedingungen?
Die Fragen der Gegenwart sind Fragen der Verteilung, der Grundsicherung für jeden, der sinnvollen Tätigkeit außerhalb von Erwerbsarbeit, der kreativen Freizeitgestaltung und Beziehungskultur.
Wie kann man mit weniger gut leben?
Warum wird Wachstum nur als materieller Zugewinn verstanden und nicht als psychische Bereicherung durch menschliche Beziehungen?
Die Nicht-Wähler fordern neue politische Inhalte! Geht das mit den gewählten Politikern?
Wer wird der Gorbatschow des Westens?
Die Arbeitslosen brauchen keine demütigenden Arbeitsagenturen, sondern Unterstützung und Angebote für sinnvolle Tätigkeiten in der von Erwerbsarbeit befreiten Zeit.
Und brauchen wir nicht alle eine Gewerkschaft für gerechte und würdige Lebensbedingungen?
Hans-Joachim Maaz, Psychoanalytiker |
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hdschulz * Consulter *
Anmeldungsdatum: 27.08.2004 Beiträge: 1058
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Verfasst am: 15.Apr 2006 13:49 Titel: |
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| Zitat: |
| Alle wissen, dass die Arbeitslosigkeit zunehmen wird |
Aha, der Psychoanalytiker kann also nicht nur allen hinter die Stirn schauen, er weiß auch, was die Zukunft bringen wird.
Nur das mit der Rolle Gorbatschows hat er wohl irgendwie nicht richtig mitbekommen - hat der etwa die Russen kreative Freizeitgestaltung und Beziehungskultur gelehrt?
Wie so häufig, wenn Soziologen und verwandte Geisteswissenschaftler ökonomische Fragen behanden, geht es in die Hose.
Man möchte ihm mit Bill Clinton antworten:
"It's the economy, stupid!" |
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lepus Newbie
Anmeldungsdatum: 19.01.2006 Beiträge: 13
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Verfasst am: 20.Apr 2006 9:25 Titel: |
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Stupid?
Die Analyse des gegenwärtigen Zustands unserer Demokratie und die daraus resultierenden Befürchtungen für deren Zukunft (auch aus psychoanytischer Sicht) sind alles andere als "stupid".
Ein neuer "Gorbatschow" als Synonym für radikale Veränderung wird dringend gebraucht! |
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hdschulz * Consulter *
Anmeldungsdatum: 27.08.2004 Beiträge: 1058
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Verfasst am: 20.Apr 2006 13:54 Titel: |
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| lepus hat folgendes geschrieben:: |
Die Analyse des gegenwärtigen Zustands unserer Demokratie und die daraus resultierenden Befürchtungen für deren Zukunft (auch aus psychoanytischer Sicht) sind alles andere als "stupid".
Ein neuer "Gorbatschow" als Synonym für radikale Veränderung wird dringend gebraucht! |
Einverstanden!
Die "Diagnose" durch den Psychoanalytiker kann weitgehend unbestritten bleiben - die Fakten liegen doch auf dem Tisch.
Was ihm jedoch als "Therapieempfehlung" insbesondere für die Behandlung des Problems "Arbeitslosigkeit" einfällt, ist lebensgefährlicher Blödsinn.
Das fängt schon bei seiner apodiktisch formulierten Prämisse von der zunehmenden Arbeitslosigkeit an.
Gibt es etwa keine Arbeit mehr in unserem Land?
Fehlen nicht schon heute viele Facharbeiter und Ingenieure? (aber auch Erntehelfer)
Keine Straßen und Gebäude zu sanieren und auszubauen?
Möchte niemand mehr seine Wohnung renovieren, seine Einrichtung modernisieren, sich ein neues Auto kaufen, den Garten verschönern oder neu anlegen, ausgehen und reisen, seine Hobbies pflegen und, und, und?
Kann es sein, daß die Erfüllung dieser Wünsche Arbeit erfordert, und zwar auch Erwerbsarbeit?
Warum floriert die Schwarzarbeit, obwohl sie erbittert bekämpft wird und die "Erwischten" mit harten Konsequenzen rechnen müssen?
Was wäre, wenn sie nicht bekämpft würde? Die Fantasie reicht kaum aus, sich den dann ausbrechenden Wirtschaftsboom vorzustellen!
Doch statt Deregulierung als einzig erfolgversprecher Maßnahme zur Lösung der Arbeitslosenproblematik empfiehlt der Herr Psychoanalytiker doch tatsächlich das genaue Gegenteil: Weil es ja angeblich keine Arbeit mehr gibt, (und in Zukunft auch nicht mehr geben wird) will er, dass die Verwaltungsbürokraten den Arbeitslosen "Angebote für sinnvolle Tätigkeiten in der von Erwerbsarbeit befreiten Zeit" machen, sprich, die Bürokraten sollen sich auch noch der Freizeit bemächtigen. Was in der Freizeit für den Einzelnen "sinnvoll" ist, entscheidet dann natürlich die Bürokratie.
Schöne neue Welt - George Orwell läßt grüßen!
Man möchte wissen, wie weit die Entmündigung des Individuums noch fortschreiten soll.
Hat der Herr Psychoanalytiker vielleicht noch Ideen zur Regulierung der Partnerwahl des Einzelnen?
Seine Andeutungen zum Angebot von "sinnvoller Tätigkeit außerhalb von Erwerbsarbeit, der kreativen Freizeitgestaltung und Beziehungskultur" lassen das befürchten. Die Suche nach dem geeigneten Lebenspartner könnte dann der Einzelne zukünftig getrost der "Gewerkschaft für gerechte und würdige Lebensbedingungen" überlassen.
Ist der Mann noch zu retten?
Muß denn alles noch mehr kollektiviert werden?
Reicht es nicht aus, dass Leviathan sich die Hälfte des erwirtschafteten Volkseinkommens unter den Nagel reißt, die Hälfte davon für seine beschissene Bürokratie verschwendet und für die andere Hälfte der Bevölkerung beschissene Lösungen für Probleme anbietet, die der Einzelne vielleicht viel besser, aber auf jeden Fall individuell gelöst hätte?
Auf die Idee, dass die Lösung sozioökonomischer Probleme statt im Abbau von Regulierungen in einer Ausweitung derselben zu finden sein könnte, kann wohl nur jemand kommen, der seine Sozialisation in der Blütezeit des Kollektivismus erlebt hat und daran glaubt, dass in der BRD Marktwirtschaft herrscht, welche die Probleme dann offensichtlich auch nicht lösen kann.
Wen das Thema interessiert, dem sei die gerade erschiene Biographie von Gerard Radnitzky empfohlen:
"Das verdammte 20. Jahrhundert"
Erinnerungen und Reflexionen eines politisch Inkorrekten.
Eine intelligente und unterhaltsame Abrechnung mit dem Kollektivismus brauner und roter Prägung sowie den Lebenslügen von Nachkriegsdeutschland. Sehr lesenswert! |
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