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Wie Afrika durch Geld gelähmt wird

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hdschulz
Insider


Anmeldungsdatum: 27.08.2004
Beiträge: 991

BeitragVerfasst am: 25.Jul 2005 20:12    Titel: Wie Afrika durch Geld gelähmt wird Antworten mit Zitat

Live 8 und Schuldenerlaß - wer wollte da abseits stehen und das Gutmenschentum "politically incorrect" in Frage stellen?

Fachleute tun es, z.B. in der NZZ:

Wie Afrika durch Geld gelähmt wird
Der Schwarze Kontinent braucht nicht mehr, sondern weniger Hilfe

Nach 40 Jahren Entwicklungshilfe geht es den meisten Afrikanern im Durchschnitt wirtschaftlich meist schlechter als zur Kolonialzeit. Dies ist ein beschämender Leistungsausweis nicht nur für die betroffenen Regierungen, sondern auch für die Entwicklungshelfer. Im Folgenden werden einige Fehlanreize exemplarisch dargestellt. (Red.)

Von unserem Afrika-Korrespondenten Kurt Pelda

Nairobi, im Juli

Seit mehr als 40 Jahren kämpfen Gutmenschen aus dem Norden in Schwarzafrika für ein hehres Ziel: Sie wollen den Afrikanern helfen, sich selbst zu helfen. Kein anderes Schlagwort der Entwicklungshelfer - und es gibt deren viele - geht jedoch so weit an der Realität vorbei wie die «Hilfe zur Selbsthilfe». Nach 40 Jahren Entwicklungshilfe muss man sich nämlich fragen, welche schwarzafrikanischen Länder sich denn wirklich selbst geholfen haben. Botswana? Südafrika? Oder vielleicht das winzige Mauritius? Wie auch immer die Antwort ausfällt, sie bleibt zutiefst deprimierend. Sicher kann Hilfe Menschenleben retten und ist daher manchmal notwendig: zum Beispiel in der westsudanesischen Krisenregion Darfur, wo die Menschen ohne eigenes Verschulden in Not geraten, wo sie der Vertreibungs- und Vernichtungspolitik eines menschenverachtenden Regimes zum Opfer fallen.

Verheerende «Bettler-Mentalität»
Es gibt jedoch viele Fälle, bei denen zu fragen wäre, ob der von den Helfern angerichtete Schaden nicht grösser als der Nutzen ist. Dass Hilfe auch Schattenseiten hat, ist spätestens seit den äthiopischen Hungerkatastrophen der siebziger und achtziger Jahre bekannt. Dort hatte man schon alles gesehen: wie Nahrungsmittelhilfe von der Armee missbraucht wird, wie Regierungen den Hunger als Waffe im Krieg einsetzen, wie gutgemeinte Hilfe wahnwitzige und blutrünstige Diktatoren stützt und Bürgerkriege verlängert. Diese und andere schädlichen Nebenwirkungen sind heute so aktuell wie damals. Leider werden sie in der gegenwärtigen Diskussion um Schuldenerlass und Aufstockung der Entwicklungshilfe zu oft ausgeblendet.

Wenn die Regierungen armer Länder die geleistete Hilfe produktiv einsetzen, ist gegen ausländische Unterstützung nichts einzuwenden. Doch ist dies in Afrika wirklich der Fall? Wo immer die Entwicklungshelfer ihren Fuss auf den Kontinent setzen, passiert meist das Gegenteil: Sie werden immer mehr als - häufig naive - Geber wahrgenommen, die es zu melken gilt. Sie zahlen, und die Empfänger legen ihre Hände in den Schoss. Dies geschieht derzeit zum Beispiel im Südsudan. Die lokalen Bauern haben sich dort derart an die kostenlose Verteilung von Nahrungsmitteln gewöhnt, dass es viele nicht mehr für nötig halten, ihre Felder zu bestellen. Das World Food Programme (WFP) der Uno wirft schon seit vielen Jahren Essen aus Flugzeugen ab. Es rettet damit zwar manchmal Menschenleben, zerstört zugleich aber die Märkte für lokal produziertes Getreide.

Die Hände in den Schoss zu legen und Hilfe zu fordern, die sogenannte Bettler-Mentalität, breitet sich nicht nur an der Basis aus. Sie ist auch in Behörden und Regierungen weit verbreitet. Im Südsudan wird ein rudimentärer Verwaltungsapparat von den ehemaligen Rebellen der Sudan People's Liberation Army (SPLA) gestellt. Nach mehr als 20 Jahren Bürgerkrieg wollen sich die Kommandanten der SPLA jetzt endlich zur Ruhe setzen. Dabei gehen sie selbstverständlich davon aus, dass Ausländer nicht nur ihren Ruhestand finanzieren, sondern auch den Wiederaufbau quasi im Alleingang in die Hand nehmen.

Mit Laptops im Zeltlager
So einfach geht das allerdings nicht, denn im Südsudan, wo es kaum eine Infrastruktur gibt, sind die Helfer zuerst einmal mit ihrem eigenen Wohl beschäftigt. Zum Beispiel in Rumbek, der provisorischen Hauptstadt der SPLA. Dort lassen es sich die Helfer, mehrheitlich Angestellte von Uno-Organisationen, in einem für sudanesische Verhältnisse luxuriösen Zeltlager gut gehen. Wenn sie nicht gerade in einem «Workshop» sind, sitzen sie an der Bar, trinken kühles kenyanisches Bier und surfen mit ihren Laptops drahtlos im Internet - moderne Satelliten-Technik macht's möglich.

Ein grosser Teil des nach Rumbek gepumpten Gelds fliesst sofort wieder zurück in die Nachbarländer Kenya und Uganda, denn praktisch alle Waren müssen von dort importiert werden. Kommt hinzu, dass die SPLA dafür bekannt ist, Hilfsgüter zu missbrauchen. Den Medien und Hilfswerken führen die Ex-Rebellen Notleidende vor, damit mehr Geld locker gemacht wird. Nachher taucht ein Teil der verteilten Hilfsgüter aber in Militärlagern auf. Nicht viel anders verhält es sich in Simbabwe. Dort lässt der Diktator Robert Mugabe seinen Anhängern Nahrungsmittelhilfe des WFP verteilen, während hungernde Oppositionelle leer ausgehen.

Teure Autos statt bessere Strassen
Die verheerende, weil jede Entwicklung lähmende «Bettler-Mentalität» trifft man praktisch überall in Schwarzafrika an. Besonders offensichtlich ist das Problem im Strassenbau. Es gibt mittlerweile zwischen der Sahara und Südafrika kaum eine neu errichtete Strasse, die nicht von der Entwicklungshilfe bezahlt wird. Meist sagen die Empfängerländer zwar zu, sich mit ein paar Prozent an den Kosten zu beteiligen. Wenn sie ihren Verpflichtungen aber nicht rechtzeitig nachkommen, wie in Sambia geschehen, dann springt einfach der ausländische Geber - in diesem Fall der deutsche Staat - in die Lücke. Wen erstaunt es da, wenn die Empfängerländer kaum etwas für den Strassenunterhalt tun? Es ist doch viel angenehmer, das beim Unterhalt gesparte Geld in Luxuslimousinen und Geländewagen zu investieren, die dann gut gefedert über die immer grösser werdenden Schlaglöcher brettern. Am besten wartet man dann einfach, bis sich ein Geberland erbarmt und die vernachlässigten Strassen wieder repariert oder neu baut.

Dabei verdienen korrupte Beamte nicht selten mit, indem sie bei der Auftragsvergabe Kommissionen einheimsen. In Nairobi ärgert sich ein europäischer Diplomat darüber, dass die kenyanischen Behörden untätig blieben, obwohl Geberländer die Mittel für die Rehabilitierung eines bestimmten Strassenabschnitts bereit gestellt hätten. Der Grund sei das Insistieren der Geber, bei der Auftragsvergabe mitreden zu dürfen, damit kein Geld abgezweigt werde. Die Behörden zögerten das Bauprojekt deshalb einfach auf unbestimmte Zeit hinaus, erklärt der Diplomat.

Armut zahlt sich für Afrikas Eliten aus
Zwischen 1995 und 2003 lag der Anteil der ausländischen Direktinvestitionen am Bruttoinlandprodukt (BIP) in Schwarzafrika (ohne die Spezialfälle Südafrika und Nigeria) laut Angaben der Weltbank im Mittel bei knapp 2,7%. Die gesamten öffentlichen Hilfsgelder machten dagegen 9,5% des BIP aus. Wenn Hilfe für afrikanische Regierungen aber so viel wichtiger ist als Direktinvestitionen, dann darf sich niemand wundern, wenn sich die Empfängerländer für die Entwicklungshelfer und nicht für ausländische Investoren attraktiv machen. Solange ein Land arm bleibt, kann es auf Hilfe zählen. Armut zahlt sich somit für Afrikas tonangebende Eliten aus.

Hilfsgelder vor Direktinvestitionen
Wie der kenyanische Ökonom James Shikwati betont, kann Hilfe nicht nur die Korruption fördern, sondern auch wichtige Reformen verhindern. Warum soll ein Staat ein effizientes Steuerwesen aufbauen und die Reichen und Mächtigen zur Erfüllung ihrer Pflicht gegenüber dem Fiskus zwingen, wenn doch Hilfsgelder in Hülle und Fülle ins Land strömen? So liegt der Anteil der Steuereinnahmen am BIP in Schwarzafrika (ohne Südafrika und Nigeria) durchschnittlich bei lächerlichen 5,5%. Wenn die Wirtschaft wächst, steigen gewöhnlich auch die Steuereinnahmen. Für die meisten afrikanischen Staaten haben Steuern jedoch einen derart geringen Stellenwert, dass die Regierungen verständlicherweise wenig Interesse an einem Wirtschaftswachstum haben. Die Entwicklungshilfe zementiert damit den Status quo.

Dagegen mag man einwenden, dass ein grosser Teil der Hilfe inzwischen an die Erfüllung gewisser Bedingungen geknüpft ist. Doch die sogenannte Konditionalität funktioniert nicht, und zwar aus drei Gründen: Erstens haben die Afrikaner längst Mittel und Wege gefunden, die Bedingungen zu umgehen. So brüstete sich ein hoher kenyanischer Beamter öffentlich schon einmal damit, IMF-Kredite mittels gefälschter Wirtschaftsstatistiken erschlichen zu haben. Zweitens haben Entwicklungshelfer wenig Interesse, ihre Zelte in einem Land abzubrechen, auch wenn es wichtige Bedingungen wie Achtung der Menschenrechte oder gute Regierungsführung nicht erfüllt. Schliesslich hängen die Arbeitsplätze der Helfer von der Fortsetzung der Hilfsprojekte ab. Eine erzwungene Rückkehr in das Heimatland hätte auch oft den Verlust von Privilegien zur Folge: Das Heer von Helfern, das zum Beispiel in Nairobi stationiert ist, führt nicht selten einen vergleichsweise luxuriösen Lebensstil mit grossen Häusern, Gärten und Hausangestellten.

Entwicklungshelfer geben im vertraulichen Gespräch gerne einmal zu, dass sie manche ihrer Projekte für sinnlos halten. Die Hilfe fliesse dann aber dennoch, weil ein Teil der Spenden oder staatlichen Zuschüsse die Verwaltung der Hilfswerke alimentiere. Dieser Anteil kann wenige Prozent betragen oder im Fall einiger amerikanischer Hilfswerke annähernd 30%. Im Vergleich dazu steht die schweizerische Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) mit 7,5% noch gut da. Ein dritter Grund, weshalb Konditionalität nicht die gewünschte Wirkung erzielt, ist der sogenannte Mittelabfluss-Druck: Einmal gesprochene Gelder müssen unbedingt ausgegeben werden. So beschwert sich der erwähnte europäische Diplomat in Nairobi darüber, dass die EU- Instanzen auf der Auszahlung von zugesagten Mitteln bestünden, obwohl Kenyas Regierung sich nicht wie versprochen bemühe, die Korruption zu bekämpfen.

Bezahlen, damit man helfen darf
Zu den bedenklichsten Entwicklungen in der sogenannten Entwicklungszusammenarbeit gehört die Tendenz zur «Per-Diem-Gesellschaft», wie sich ein deutscher Helfer mit Erfahrung am Horn von Afrika ausdrückt. Es geht um Taggelder und ähnliche Entschädigungen, die Hilfswerke Empfängern zahlen, damit diese an Kursen und «Workshops» teilnehmen. Treibende Kräfte bei diesem Unsinn sind Uno-Organisationen. Die Folge: Wer Bauern zum Beispiel über eine effizientere Anbaumethode aufklären will, muss den Teilnehmern am Lehrkurs ein «Per Diem» zahlen - sonst gehen die Leute zu einem grosszügigeren Hilfswerk. Hier treibt der Wettbewerb zwischen den Helfern seltsame Blüten. Selbst gut verdienende Behördenmitglieder müssen häufig mit happigen Taggeldern «geschmiert» werden, damit sie sich mit den Helfern an einen Tisch setzen. So hat die Deza auch schon einen mosambikanischen Vizepräsidenten für die Teilnahme an einer Sitzung bezahlt, an der ein schweizerisches Hilfsprojekt in Moçambique besprochen wurde.

Ein Schweizer, der als Berater einer Uno- Unterorganisation in Kenya arbeitet, gibt sich völlig desillusioniert, was die Hilfe an die lokale Bevölkerung betrifft. Als Beispiel erwähnt er eine Anzahl von Kleinprojekten, die von der Global Environment Facility finanziert werden und helfen sollen, ein wichtiges Gewässer-Ökosystem wiederherzustellen. Die beteiligten einheimischen Organisationen kümmerten sich einen Deut um die Bevölkerung, sondern seien nur an Zuschüssen für «Workshops», Ausbildung und dergleichen mehr interessiert. «Die lokalen Partner haben nichts anderes getan, als uns Helfer am Gängelband zu führen und zu melken», sagt der Berater, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung sehen will.

Dass Hilfswerke bezahlen müssen, damit sie überhaupt Hilfe leisten dürfen, ist durchaus keine Seltenheit. Von einem besonders traurigen Beispiel erzählt ein Schweizer, der sich in Somalia mit der Räumung von Minen und Blindgängern beschäftigt hat. Einheimische hätten die ausländischen Sprengstoffexperten gebeten, drei aus dem Zweiten Weltkrieg stammende Fliegerbomben zu zerstören. Als das Team bei den Blindgängern eingetroffen sei, hätten drei der Dorfältesten auf den Bomben gesessen und die hohle Hand gemacht. Die Begründung: Die Blindgänger seien Teil ihrer Verteidigungsstrategie. Deshalb seien sie nur zum Verzicht bereit, wenn sie dafür entschädigt würden. Die Helfer zahlten.

Afrika braucht nicht mehr Hilfe, sondern integre Regierungen. Integrität lässt sich aber nicht mit Entwicklungshilfe kaufen. Das in Afrika grassierende Problem von Korruption und Amtsmissbrauch können nur die Afrikaner selber lösen. Erst wenn in diese Richtung quasi als Vorleistung ernsthafte Anstrengungen gemacht werden, ist Entwicklungshilfe gerechtfertigt. Solange afrikanische Politiker Steuergelder aus dem Westen lieber in Mercedes-Limousinen und Präsidenten-Jets stecken, sollten die Helfer ihre Finger von der Sache lassen.
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DaMal
Insider


Anmeldungsdatum: 21.05.2004
Beiträge: 608

BeitragVerfasst am: 25.Jul 2005 20:21    Titel: Antworten mit Zitat

Da ist was dran. Der Unterschied zwischen arm und reich wird dort durch extrem hohe Finanzspritzen immer größer. Das Geld kommt einfach nicht dahin, wo es hin muss. Die dortigen Regierungen können ihre Macht und die Abhängigkeit der Bevölkerung immer weiter ausbauen. Mit Geld lässt sich wohl doch nicht alles erkaufen...
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