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Oriana Fallaci ist tot.

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hdschulz
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Anmeldungsdatum: 27.08.2004
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BeitragVerfasst am: 15.Sep 2006 10:18    Titel: Oriana Fallaci ist tot. Antworten mit Zitat

von Hannes Stein

Oriana Fallaci (29. Juni 1930 bis 15. September 2006)
Oriana Fallaci ist tot.

Als DIE WUT UND DER STOLZ erschien, schrieb Alan Posener in seiner großartigen Rezension in der "Literarischen Welt" vom 17.8. 2002:

"Keine Frage: Oriana Fallaci hat das wichtigste politische Buch dieses Jahres geschrieben. Denn es handelt sich bei diesem, gestehen wir es nur, intoleranten, ungeduldigen, ungerechten, einseitigen, zuweilen kleinlichen, frei assoziierenden und subjektiven, ausgesprochen kritisierenswerten Pamphlet um das Gründungsdokument eines europäischen Liberalismus, der diesen ehrenvollen Namen wieder verdienen könnte. Das werden die Einerseits-andererseits-Wischiwaschi-Liberalen nicht so sehen, von den Projekt-18-Populisten, die den Namen liberal nicht verdienen, ganz zu schweigen. Doch die Liberalen, denen es nicht um Parteien und Prozente, sondern um ein Prinzip geht, um die Libertas, werden das begreifen ..."

Und:

"Oriana Fallaci war immer unmöglich. Die Tochter eines von den Deutschen internierten und gefolterten italienischen Antifaschisten und Geliebte eines von den Obristen inhaftierten und später von Geheimbündlern ermordeten griechischen Antifaschisten verdarb es sich mit der europäischen Linken, als sie den Kommunisten und ihren Sympathisanten das Recht absprach, im Namen des Antifaschismus zu sprechen; die Feministin und Autorin des gefeierten `Briefs an ein nie geborenes Kind´ verdarb es sich mit den westlichen Feministinnen, als sie bekannte, der schlaffe Sofa-Chauvinismus der gezähmten Männer des Okzidents sei nicht so schlimm wie die mörderische Frauenfeindlichkeit der Islamisten; ihre Interviewpartner, von Wernher von Braun über Golda Meir bis hin zum Ayatollah Khomeini, konnte sie zu unvorsichtigen Bemerkungen provozieren, die sie ein Leben lang bereuten. `Manchmal sehe ich mich als Cowboy, der allein auf seinem Pferd die Wagenkolonne anführt´, sinnierte etwa Henry Kissinger: `Eine Wildwestgeschichte, wenn Sie so wollen.´ Und eine Unterhaltung, die der US-Außenminister für die "desaströseste" seiner Karriere hielt. Selbst geneigte Leser ihrer Interviews und Reportagen - und sie zählen nach Millionen - ärgert es, dass jedes Stück, wie sie freimütig gegenüber `Time´ bekannte, `ein Porträt von mir selbst ist´; dass sie, wie die `Washington Post´ bemerkte, `mehr sein will als eine brillante Reporterin, nämlich ein Racheengel´. Wer in ihrem neuen Buch nach selbstverliebten und gehässigen Stellen suchen, wer den übermächtigen Selbstdarstellungs- und Rache-Impuls der Fallaci wieder einmal am Werk sehen will, der muss nicht lange nach Zitaten suchen. Es wird den `Zikaden´ und "`Idioten´ (Fallaci über ihre Kritiker) also nicht schwer fallen, auch dieses Werk als unmöglich abzutun."

Und:

"Fallacis Ausfälle gegen die `Eindringlinge´ sind für Liberale gewiss schwer zu ertragen. Doch hinter ihrem Geschimpfe auf `Terroristen, Diebe, Vergewaltiger, ehemalige Sträflinge, Prostituierte, Bettler, Drogenhändler, Menschen mit übertragbaren Krankheiten´, das ihr Zustimmung aus Kreisen bescheren dürfte, mit denen sie sonst wenig gemeinsam hat, steht die Verzweiflung an einem Italien, an einem Europa, das sich als Ideal aufgegeben hat, sich nur noch als Standort und Kultur als Standortfaktor begreift; das kulturell, politisch und militärisch nichts mehr von sich verlangt und darum weder den Mumm noch die moralische Legitimation hat, etwas von seinen Gästen - gebeten wie ungebeten - zu verlangen. Das nicht zur Wut fähig, weil es nicht zum Stolz bereit ist und sich stattdessen in wohlfeiler Scham und bequemer Nachsicht ergeht."

Amen. Gesegnet sei ihr Andenken.
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