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Lutz Spilker * Consulter *

Anmeldungsdatum: 04.05.2004 Beiträge: 1432 Wohnort: Nürnberg
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Verfasst am: 23.März 2006 13:31 Titel: Fünf Minuten vor der Zeit... |
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Fünf Minuten vor der Zeit...
Es ist immer das selbe Schauspiel. Man trifft eine Verabredung und bekommt daraufhin Besuch. Da ich nicht in den Tag hinein lebe, schlage ich eine Uhrzeit vor, auf die man sich einigt. Ich habe im Laufe der Jahre feststellen dürfen, dass manche Leute nur zwei Uhrzeiten zu kennen scheinen: hell und dunkel.
Das ist mir ein wenig zu oberflächlich. Ich hätte es dann lieber doch etwas präziser und zwar pünktlich. “Sagen wir um elf...?“ “Elf ist ok, bis dann.“ Um elf also. Keineswegs „so gegen elf“ oder die Berücksichtigung sogenannter „akademischer Viertelstündchen“, wer immer auch sich diesen gestapelten Unsinn ausdachte.
Handelt es sich dabei um Termine, bei denen der Besucher aus Übersee kommt, drei Flieger hintereinander koordiniert und den Verkehr vom Airport quer durch die ganze Stadt bis zu mir, per U-Bahn und mehrfachem Umsteigen mit dem Bus über sich ergehen lassen muss, weil ihm ein Taxi zu kostspielig erscheint, lasse ich eine gewisse Toleranz erkennen, was die Pünktlichkeit angeht, zumal hier Komponenten auftreten und mitspielen, auf die der Besucher keinerlei Einfluss ausüben kann.
Dreht es sich allerdings um einen mehr oder minder lapidaren Besuch einer Person, die mehr oder minder gleich um die Ecke wohnt, sehe ich keine Veranlassung ein Zuspätkommen zu tolerieren, geschweige zu akzeptieren. Hier gilt der Glockenschlag der Turmuhr nebst Zeiger, als unabdingbare Meßlatte der Disziplin und Höflichkeit dem Wartenden gegenüber, und das ist der Kern der Sache; die Unpünktlichkeit.
Sich anzumaßen, Herr über den Tagesrhythmus des anderen zu sein und nach persönlichem Dafürhalten mit diesem umzuspringen, wie es einem gerade beliebt, stößt bei mir direkt auf den Reizleiter. Wird von mir etwa erwartet, dass ich in der Annahme es gleich klingeln zu hören, eine halbe Stunde vor der Türe verharre und die Klinke fixiere? Na also.
Was aber, fängt man in dieser Zeit noch an, wenn es doch jeden Augenblick klingeln kann und der verabredete Besuch kommt. Man bereitet sich auch in gewisser Weise vor, kocht je nach Vorliebe und Geschmack einen Tee oder Kaffee, passend zur Tageszeit, reicht frisches Gebäck oder anderes Naschwerk. Je nach Belieben und vorherigem Einkauf, je nach Sympathie und Bedeutung der Person.
Allein das Herumsitzen im Wartezimmer eines Arztes, trotz vorhergehender und exakter Terminabsprache, zwingt mich jedes Mal zu äußerster Disziplin. Unpünktlichkeit trifft bei mir in jeder Form auf Wiederstand, wie fast alle Worte, die mit der Silbe „Un“ beginnen. Unhöflichkeit, Unehrlichkeit, Unzuverlässigkeit, Unsauberkeit, Unwegsamkeit, usw. Das alles lässt nie etwas Gutes ahnen und die Unpünktlichkeit führt diesen Reigen an.
Die Uhr schlägt zehn Mal. Aha, in einer Stunde erwartet man Besuch. Ab nun rollt alles wie nach Drehbuch und mehrfacher Probe ab. Nichts wird dem Zufall überlassen, auch wenn es nachher den Anschein haben wird. Der Tisch erhält jedenfalls eine frisch aufgelegte Decke. Kerzen werden ihren angestammten Platz einnehmen und das gute Porzellan wird hervorgekramt. Daraus schmeckt der Kaffee immer noch am Besten.
Die Kekse kommen wie immer in die handgearbeitete Glasschale. Da munden sie alleine vom Anblick her schon. Ein sauberer Aschenbecher darf nicht fehlen, auch wenn Nichtraucher ständig dazu neigen, das Goldpapier gewisser Kekse dort zu deponieren. Jeder hat so seine Unarten. Grässlich.
Halb elf ist es mittlerweile. In exakt 30 Minuten wird die Türglocke tönen. Akribisch geht man den Ablauf noch einmal durch, als ob es sich um einen Schlachtplan zur Bezwingung der Bastille handelt. Aber der Besuch soll sich wohlfühlen, an nichts soll es ihm mangeln und gute Vorarbeit zahlt sich eben aus.
Wie oft erlebe ich es, dass die Gastgeberin oder der Gastgeber während meines Besuchs aufsteht, das Zimmer verlässt und irgend etwas herbeischleppt, was man im Vorfeld schon hätte besorgen könnten. Man sitzt in dieser Phase recht dumm und unbeholfen da, weiss nicht so recht was man anstellen könnte und langweilt sich. Schließlich habe ich als Gast Anspruch auf Unterhaltung. Noch so ein Wort das mit „Un“ beginnt.
Viertel vor elf. Der Countdown läuft. Jetzt geht man besser noch zum Klo. Wenn es gleich klingelt und man befindet sich dann im Bad, wäre es unhöflich den Besuch so lange vor der Türe stehen zu lassen und ihn womöglich noch mit zwar abfrottierten, aber einer gewissen Restfeuchtigkeit an den Händen begrüßen zu müssen. Man wüsste sofort, wo man eben noch war und das löst bei einigen Menschen Zwangsvorstellungen aus. Sie denken dann unentwegt ans Klo und was man dort wohl getrieben hat, womit man in Berührung kam und serviert dann Kaffee und Kuchen. Mir wäre dabei auch nicht wohl.
Fünf Minuten vor elf und ich vernehme kein Läuten. Das ist schon eine Bodenlosigkeit, heißt es doch ganz klar: fünf Minuten vor der Zeit, ist des deutschen Pünktlichkeit. Wer später kommt ist demnach unpünktlich und das allein zählt.
Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo ich mich komplett blockiert und in meinen eigenen vier Wänden eingeschränkt fühle. Legt es der Besucher wirklich darauf an, um Punkt elf, so wie ursprünglich verabredet, zu erscheinen? Unfassbar. Noch so ein Wort, dessen Vorsilbe „un“ ist. Nichts kann man mehr tun. Man wird zum Denkmal seiner selbst und das sogar zu Lebzeiten degradiert, steht steif im Flur, das Ohr gen Klingel und das Auge in Richtung Klinke gerichtet.
Die Turmuhr schlägt elf Mal, es ist soweit. Doch wo bleibt das Klingeln an der Türe? Sollte ich es beim Klang der Kirchturmglocken überhört haben? Ich öffne die Türe zum Treppenhaus und lausche. Nichts. Auch die Haustüre bewegt sich nicht. Man kommt sich bescheuert vor und schließt die Wohnungstüre. Waren da nicht gerade Schritte zu vernehmen? Türe wieder auf. Wieder lauschen. Die Nachbarin vom dritten Stock kommt gerade vom Einkauf zurück. Man grüßt gezwungenermaßen freundlich.
Türe wieder zu. Ach, was ist denn das? Durch den Spalt erkenne ich meinen Besuch, der soeben den ersten Stock, also meine Wohnebene erreicht. Völlig locker, kein Stress und keine Hetze, dabei ist es jetzt schon 2 Minuten nach elf. So eine Unverschämtheit, mich derart lange warten zu lassen. Noch so ein Wort, das mit „Un“ beginnt.
„Sag mal...“ werde ich nach den üblichen Begrüßungsfloskeln gefragt, „hast du etwa an der Türe gestanden und auf mich gewartet?“ „Nein...wie kommst du denn darauf...“ heuchele ich, „ich war gerade am Briefkasten und hatte sonst auch noch viel zu erledigen...kann ich dir was anbieten, ich bin gar nicht vorbereitet...is’ ja doch schon elf, Mann, wie die Zeit dahin geht...man schaut überhaupt nicht auf die Uhr und zack, ist es elf Uhr.“ |
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Ronald Insider
Anmeldungsdatum: 28.02.2005 Beiträge: 781
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Verfasst am: 25.März 2006 10:31 Titel: |
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So ist es Lutz, genau so!
Ein wunderbarer Text. |
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