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Lutz Spilker * Consulter *

Anmeldungsdatum: 04.05.2004 Beiträge: 1432 Wohnort: Nürnberg
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Verfasst am: 22.März 2006 14:01 Titel: Lasst uns die Zeit totschlagen |
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Lasst uns die Zeit totschlagen
Unabhängig davon, dass die Zeit als solche nicht lebt und somit auch nicht totgeschlagen werden kann, widmen wir uns dennoch diesem Unterfangen in angemessener Weise, ohne diese Redewendung zu polemisieren.
Wer schon einmal einen Menschen an seinem Totenbett besuchte und ihn fragte, welcher sein letzter Wunsch wäre, hätte erfahren, dass dieser sich nichts sehnlichster wünschte, als noch ein paar Tage, Wochen oder Monate leben zu dürfen. Das Schicksal missgönnt ihm jedoch diese Zeit, welche andere wiederum totzuschlagen im Sinn führen.
Zeit ist demnach ein höchst anzustrebendes Gut, von dem niemand weiss, wie viel er davon wirklich besitzt. Erst wenn die Zeit knapp wird und uns dieses Defizit ins Bewusstsein tritt, beginnen wir mit ihr maßvoller umzugehen und vergeuden sie auf keinen Fall. Zeit zu haben oder sich für etwas Zeit zu nehmen kann nur der, der über diese Zeit verfügt. Wer käme jetzt immer noch auf den Gedanken, Zeit totschlagen zu wollen?! Viel zu viele...
Noch nie besaß der zivilisierte Mensch so viel Freizeit wie heutzutage, welche auf die mehr und mehr schrumpfende Arbeitszeit zurückzuführen ist. Noch nie besaß der zivilisierte Mensch ein solches Freizeitangebot, sich zu unterhalten oder unterhalten zu lassen, wie heutzutage. Was man allerdings nicht für möglich hält und die Konsequenz der beiden getroffenen Aussagen müsste demnach völlig anders lauten, doch noch nie hat sich der zivilisierte Mensch derart gelangweilt, wie heutzutage.
Allerorts erblickt man Menschen jeden Alters, welche mit ihrer Zeit scheinbar nichts mehr rechtes anzufangen wissen und diese im wahrsten Sinne des (geflügelten) Wortes totzuschlagen bereit sind. Gammeln wäre hier das treffendste Wort.
Freizeit-Centren warten mit Bowling, Billard, Tennis, Squash und anderen Aktivitäten auf, Spielotheken öffnen schon am frühen Morgen ihre Pforten und die Münzgräber sind gut besucht, Kinos und Heimkinos zaubern bunte Bilder an die Wand, Hobbykeller und Unterhaltungselektronik, von der Spielekonsole bis zum tragbaren Dudel-Archiv, in Form eines Mikroprozessor gesteuerten Walkman, stehen dem geneigten Zeittotschläger pausenlos zur Verfügung. Zufriedenheit ist dennoch kaum erkennbar.
Der Pizzabringdienst ersetzt den Koch und der Heimtrainer den Waldlauf. Das Internet bietet sich als Allroundquelle für sämtliche Medien an und ersetzt die Zeitung, den Plattenladen und die Videothek in einem Aufwasch. Drei Dutzend TV-Kanäle sind 24 Stunden erreichbar, doch auch hier scheint der Fernbedienungsjongleur nicht fündig zu werden.
In der Stammkneipe zeigen sich stets die selben Gesichter und auch dort fehlt es irgendwie an Action. Der Unterkiefer siedelt sich somit und aufgrund zunehmender Langeweile in Hüfthöhe an und dem Nebenmann geht es kaum besser. Was könnte man bloß anstellen, womit ließe sich die Zeit am Besten totschlagen?
Plan- und ziellos wird mit dem Auto in der Gegend herumkutschiert, als ob der Sprit nichts kostet. Völlig unmotiviert betrinkt man sich schon am Vormittag, fällt um wie ein nasser Sack und ist gegen Abend wieder munter, bereit die nächste Staffel an Zeit zu erlegen, zur Strecke zu bringen, aus dem Weg zu räumen
Zeit scheint so betrachtet ein Störfaktor innerhalb des allgemeinen Geschehens zu sein. Man ist stets bemüht, sie hinter sich zu bringen, wie einen Termin beim Zahnarzt. Auch das schier unüberschaubare Angebot an Freizeitaktivitäten füllt die Stunden nicht dauerhaft. Depotwirkung gleich Null. Eine Marktlücke? Vergaß man etwas revolutionäres zu erfinden? Fehlt tatsächlich was im Regal? Womit ließe sich diese Unausgefülltheit füllen?
Bewegt sich die Gesellschaft in Richtung Dekadenz des alten Roms, wo schon seinerzeit Gelangweilte auf der faulen Haut lagen und sich mit Kurzweil zwanghaft unterhalten ließen? Eine düstere Vision.
Streben wir weiterhin einer Reduktion der Arbeitszeit entgegen, vergrößert sich reziprok die freie Zeit, mit der wir - wie festzustellen ist - nichts Gescheites anzufangen wissen. Ein Widerspruch demnach? Es will fast so scheinen. Zeit lässt sich, im Gegensatz zu Geld, nicht sparen. Man kann im Bedarfsfall nicht darauf zurückgreifen. Zeit vergeht immer im selben Maße, in der selben Geschwindigkeit des selben Ortes und das fortwährend. Zeit läuft nicht neben uns her, sondern zwingt uns alle im Gleichtakt mit ihr zu gehen und jede vergangene Sekunde ist unwiederbringlich dahin.
Was kann der Mensch mit seiner Zeit sinnvolles anfangen? Er wird es erst wissen, wenn er keine mehr hat und sich wünschen, niemals welche totgeschlagen zu haben. |
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