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Starskies2000
Insider


Anmeldungsdatum: 15.09.2003
Beiträge: 910
Wohnort: NRW

BeitragVerfasst am: 16.Jan 2004 13:25    Titel: aus dem MM Antworten mit Zitat

Von Martin Scheele

Zu hohe Steuern, zu hohe Abgaben: Mehr und mehr Deutsche liebäugeln mit dem Wegzug aus ihrer Heimat. Mit dem Steueroasen-Experten Hans-Lothar Merten sprach manager-magazin.de über Schwarzgeldströme, die beliebtesten Ausflaggungsziele und die geplante Steueramnestie.

mm.de: Immer mehr deutsche Unternehmen prüfen oder vollziehen den Schritt ins Ausland. In der Schweiz haben zum Beispiel schon seit langem der Kranhersteller Liebherr und die Logistikgruppe Kühne & Nagel ihren Sitz. Von den Dax-Konzernen hat allerdings bisher noch keiner seine Zentrale verlegt. Wie beurteilen Sie die Lage?
Merten: In den Medien werden immer die spektakulären Einzelfälle genannt. Tatsächlich ist es so, dass Schweizer Banken im Moment mit Anfragen zugeschüttet werden.

Immer mehr mittelständische Unternehmen und vermögende Freiberufler tragen sich mit dem Gedanken, sich der deutschen Steuerschraube zu entziehen. Sie sehen für sich und ihr Unternehmen hier zu Lande keine Perspektive auf Besserung.

Der Vorteil der Schweiz ist die gute Vernetzung von Privatwirtschaft und Kantonen, explizit von Banken und Kantonen. Die Auslands-Banker liefern ihnen ein Komplettpaket aus juristischem und ökonomischem Sachverstand. Deutsche Banken wie zum Beispiel Sal. Oppenheim dürfen das ja offiziell gar nicht leisten - sondern müssen Anwaltskanzleien zwischenschalten. Ein teures Unterfangen.

mm.de: Welches sind denn die beliebtesten Ausflaggungsziele - und warum?

Merten: Die für Emigranten unter steuerlichen Aspekten interessantesten europäischen Staaten und Territorien lassen sich in vier Ländergruppen einteilen:
· Länder, die auf die Erhebung von Einkommensteuer vollständig verzichten, beispielsweise Monaco und Andorra
· Niedrigsteuerländer: Zum Beispiel Isle of Man (Spitzensteuersatz von 20 Prozent), die Kanalinseln Alderney und Guernsey (pauschal 20 Prozent)
· Länder, die generelle steuerliche Vergünstigungen für bestimmte Einkünfte gewähren, dazu gehören Belgien, Großbritannien, Irland und Österreich
· Länder, die Zuzüglern aus fremden Staaten besondere Vorteile gewähren (Zuzugsbegünstigung oder Vorzugsbesteuerung, neben Belgien, Luxemburg, den Niederlanden sind das Malta, die Schweiz und Zypern
mm.de: In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Ausflaggung möglicherweise bald zum Nulltarif möglich ist? Wie kommt das?

Merten: Der EU-Generalstaatsanwalt ist der Auffassung, dass die so genannte Wegzugsbesteuerung (bis zu zehn Jahren nach dem Wegzug hat der deutsche Fiskus noch einen steuerlichen Zugriff) gegen das EU-Recht und gegen die EU-weite Niederlassungsfreiheit verstößt. Schließen sich die Richter des Europäischen Gerichtshofs dieser Meinung an, könnten nicht nur Privatpersonen vom deutschen Fiskus ungeschoren außer Landes ziehen, auch Unternehmen könnten ihren Sitz in jedes EU-Land verlegen, ohne dass der Fiskus hier zu Lande dann auch noch weiter abkassieren kann.


mm.de: Nehmen wir an, ich habe zehn Millionen Euro geerbt und möchte möglichst keine Steuern zahlen, was muss ich machen?

Merten: Kein Schwarzgeld?

mm.de: Genau!
Merten: Das wird schon schwierig. Sie können Beträge in beliebiger Höhe ins Ausland bringen, nur sind die ja hier offiziell erfasst. Sie haben dann nur die Möglichkeit, bestimmte Ertragsgutschriften nicht hier zu deklarieren. Der Fiskus kann allerdings nicht kontrollieren, wie viel Zinsen Sie bei einer Schweizer Bank tatsächlich bekommen haben. Bestimmte, nicht näher bezeichnete Banken sind in der Lage, Ihnen überarbeitete Depotauszüge zu geben. Nehmen wir an, Sie bekommen zehn Prozent, dann stellen die Ihnen Belege von fünf Prozent aus, dann haben Sie fünf Prozent drüben frei.

Ein anderer Weg wäre der über das Gold-Depot. Also, wenn Sie das Geld in Gold anlegen und im Depot sichern. Dann gibt es zwar keine Erträge, Sie können sich aber trotzdem auf das Gold einen Kredit geben lassen, das erfährt der deutsche Staat nicht. Natürlich können sie das Gold ja auch in kurzer Zeit wieder verkaufen - so kann man dem Fiskus ein Schnippchen schlagen.

mm.de: Und wenn wir von Schwarzgeld sprechen?

Merten: Verschiedene Faktoren haben dazu geführt, dass die ganze Sache mit Bargeldeinzahlungen bei Banken im Ausland komplizierter geworden ist. Zu nennen sind die Folgen des 11. September und die verschärften Geldwäschebestimmungen der OECD.

Selbst Liechtenstein ist ja auf der Hut. Vor kurzem konnten Sie da noch locker ein, zwei, drei Millionen einschleusen. Mittlerweile sind Treuhänder verpflichtet, den Namen ihres Mandanten der Bank offen zu legen - die Bank ist aber nicht verpflichtet den Namen weiter zu geben. Einzige Ausnahme: Der deutsche Staat weist Ihnen ein Steuervergehen nach.
mm.de: Das hört sich ja für Leute à la Dagobert Duck nicht so gut an.

Merten: Es ist nicht aller Tage Abend. Man muss nur eine gesellschaftliche Konstruktion wählen, also das Geld anonymisieren, damit es nicht unter die EU-Zinssteuerrichtline fällt.

mm.de: Die EU-Zinssteuerrichtlinie ist seit einigen Monaten in Kraft, und wird von den Finanzministern sehr gefeiert...

Merten: .. zu Unrecht, sie ist als harmlos anzusehen. Bis 2010 gelten für Österreich, Belgien und Luxemburg Ausnahmetatbestände. So lange funktioniert das Bankgeheimnis noch bei denen. Die Erhebung einer Quellensteuer (zunächst 15 Prozent, 2008: 20 Prozent) geschieht ja nur analog zu den anderen EU-Staaten. Und die Nicht-EU-Länder Schweiz und Liechtenstein sind derzeit ohnehin ausgenommen.

mm.de: Wer Schwarzgeld aber in den Ländern angelegt hat, die bei der Zinssteuerrichtlinie mitmachen, für den wird es eng.

Merten: Die Personen werden namentlich bekannt und können sich auf eine Anzeige gefasst machen.
mm.de: Wie wird sich der Steuerwettbewerb in der EU entwickeln?

Merten: Solange es in der EU selbst Steueroasen gibt, wird es immer eine Schere bei der Verteilung geben. Hier muss man die Koordinationscenter in Belgien oder die Dublin-Docks in Irland erwähnen. Selbst namhafte Unternehmen wie BMW oder Volkswagen lassen ihre internationale Finanzierung darüber laufen.
Volkswagen oder andere Konzerne beispielsweise finanzieren die Auslandstöchter darüber. Ein Beispiel: Die Konzernmutter braucht 100 Millionen Euro, bekommt das als Kredit von ihrer Finanzierungsgesellschaft in Belgien oder Irland. Das wird dann hier verzinst, die Zinsen können von der Steuer in Abzug gebracht werden.

Im Ausland aber können von den Zinseinnahmen, die dort nur mit zehn oder 12 Prozent versteuert werden, zunächst einmal alle anfallenden Kosten für Verwaltung und Mieten etc. in Abzug gebracht werden, so dass dort die Besteuerung letztendlich nur sieben oder acht Prozent beträgt - ganz legal.

mm.de: Wer sind die Gewinner und Verlierer unter den Steueroasen?

Merten: Beliebtester Anlageplatz ist ja nach wie vor die Schweiz, das wird auch so bleiben. Verlierer werden sicherlich die Steueroasen und Territorien innerhalb der EU sein. Da wird Brüssel schon für sorgen. Doch Geld ist flexibel. Neben der genannten Schweiz und Liechtenstein werden davon insbesondere Karibikstaaten und Steueroasen im asiatischen Raum profitieren. Die Cayman Islands (Platz zwei der beliebtesten Anlageziele), Hongkong (drei) und Singapur (fünf) sind hier zu nennen.
mm.de: Thema Steueramnestie. Danach kann Strafbefreiung der erlangen, der seine unversteuerten Einnahmen erklärt und davon 25 Prozent an den Fiskus abführt. Die Regelung soll für das Jahr 2004 gelten. Danach gilt eine zweite, bis Ende März 2005 befristete Stufe, in der die Strafbefreiung gegen Zahlung von 35 Prozent möglich ist. Wie sehen Sie das Projekt, das ja gerade im Bundesrat durch die Unions-Länder abgelehnt worden ist?

Merten: Als ich hörte, dass der Bundeskanzler mit einem Kapitalrückfluss von über 100 Milliarden Euro rechnet - und damit mindestens 25 Milliarden Euro Steuereinnahmen -, musste ich lachen. Wenn fünf zurückkommen, dann ist das viel. Wie ich von Schweizer Banken höre, gibt es kaum Bestrebungen der Kunden, Geld abzuziehen. Die Amnestie wird verpuffen - im Gegensatz zu dem italienischen Modell.

Das liegt an einem zusätzlichen psychologischen Effekt. Die Gefahr, dass eine Vermögensteuer noch mal eingeführt wird oder eine Erbschaftsteuer, ist nicht völlig von der Hand zu weisen. Davor fürchten sich die Leute.
Das Ganze ist aber noch aus einem anderen Grund fragwürdig. Es brauchen ja nur 1000 reiche Deutsche pro Jahr in die Schweiz übersiedeln - angenommen jeder von ihnen hat zehn Millionen Euro dabei - dann hauen Hans Eichel insgesamt zehn Milliarden Euro ab.

mm.de: Wie viel Schwarzgeld, schätzen Sie, liegt im Ausland?

Merten: Vor zwei Jahren hat das Bundesfinanzministerium von 960 Milliarden Euro Auslandseinkommen gesprochen. Etwa 300 bis 400 Milliarden Euro davon sind schwarz. Diesen Zahlen kann man sich schon annähern, wenn man sich die Geldbestände von Schweizer Banken anschaut. Allein bei der Credit Suisse lagern derzeit Kundenvermögen von rund 1,2 Billionen Schweizer Franken. Ein Großteil der Kunden sind Deutsche. Bei einzelnen Banken erreicht der Anteil Deutscher an den Einlagen bis zu sechzig Prozent.

Oder schauen Sie sich die Banken im österreichischen Jungholz oder Kleinwalsertal an, da erreicht der deutsche Anteil am verwalteten Kundenvermögen neunzig Prozent und mehr.

mm.de: Wann lohnt sich der Weg nach Übersee, etwa die Karibik?

Merten: Unter einer Million Euro ist der Kosten- und Zeitaufwand zu hoch. Anders sieht es da schon aus, wenn man eine Immobilie in Florida hat und diese beispielsweise über eine juristische Konstruktion auf den Cayman Islands hält. Dann macht eine Verbindung in der Karibik Sinn.
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