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Moderator GM&P .

Anmeldungsdatum: 21.01.2006 Beiträge: 6412
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Verfasst am: 22.Apr 2006 8:20 Titel: Delikate Sauerei: Innereien sind von unseren Speisekarten... |
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... fast verschwunden.
(...) Zum Wirtshaus Jell gehört eine eigene Fleischhauerei, was für erstklassiges Fleisch und schlachtfrische Weichteile bürgt. "Fleischhauerei" ist das archaischere, ehrlichere Wort für "Fleischerei". Ich schätze an den Österreichern, dass sie den Abgrund einer Sache nicht nur benennen, sondern auch genießen können und schaurig-schöne Worte dafür haben. Bei dem Wort "Fleischhauer" spürt man noch, wie Blut spritzt, Knochen splittern und das arme Tier in Stücke zerhauen wird.
(...) Als ich im Jell zu Mittag saß, wollte ich unbedingt die Spezialität des Hauses essen: geröstetes Schweinshirn mit Ei, ein Gericht, das es in Deutschland nirgends gibt, weil sich ja kaum noch jemand traut, Innereien in der Öffentlichkeit anzubieten.
Deshalb war ich ganz verrückt nach dem Hirn mit Ei, auch weil ich es noch nie gegessen hatte und das Jell dafür berühmt ist. Die Kinderportion kostet sieben Euro, neun die für Erwachsene.
Doch das Gericht war ausverkauft. Die Kellnerin im Dirndl sagte: "'tschuldigung, aber das Hirn muss immer ganz, ganz frisch sein, fast schlachtwarm, sonst ist es net richtig gut." Und weil sie nur immer kleine Mengen vorrätig hätten, aber "unsere lieben Gäste so närrisch danach sind", sei es für heute leider nicht mehr vorrätig. Ob der Herr morgen wiederkommen könne? Das konnte er leider nicht.
Zwei Jahre später, vor drei Wochen, war es so weit. Ich konnte meinen Rückflug nach Deutschland um drei Stunden verschieben, um 120 Kilometer Umweg zu fahren und endlich im Jell geröstetes Hirn mit Ei zu essen. Leicht gehetzt trat ich in die Gaststube. Es war früher Abend, die Diele knarrte, im Ofen knisterte ein Holzscheit, und mir wurde ganz warm ums Herz. Ich liebe die Österreicher dafür, dass sie es schaffen, einen den Kapitalismus vergessen zu machen mit ihrer Gemütlichkeit.
(...) Natürlich hatte ich zuvor schon unzählige Male unwissentlich Hirn gegessen. Ob in Frikadelle, Bratwurst, Weißwurst, Bierschinken oder im Leberkäse - nur Vegetarier können den Innereien entgehen. Überall, wo etwas zu einer feinen Wurstmasse oder Pastete verarbeitet ist, kann man so gut wie sicher sein, dass darin die ungeliebten Innereien versteckt sind. Und auch der Gammelfleischskandal hat noch einmal vergegenwärtigt, dass in der Fleisch- und Wurstindustrie nun wirklich nichts weggeworfen wird, und schon gar kein Hirn.
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