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hdschulz * Consulter *
Anmeldungsdatum: 27.08.2004 Beiträge: 1105
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Verfasst am: 5.Mai 2005 21:05 Titel: 19 Jahre Tschernobyl |
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In diesen Tagen jährte sich der Reaktorunfall von Tschernobyl. Er gilt als die bedeutsamste technische Katastrophe des 20. Jahrhunderts und wirkt bis heute als Menetekel für die Schattenseite des Fortschritts. Im kommenden Jahr ist das Unglück 20 Jahre her. Rückblicke dürften dann ähnlich Konjunktur haben, wie zur Zeit die Erinnerungen an das Ende des Zweiten Weltkrieges.
Will man die Ängste und Blockaden verstehen, die Deutschland derzeit zu schaffen machen, muss man sich an 1986 erinnern. Tschernobyl war der kraftvolle Gründungsmythos des öko-sozialen Projekts, dass zwölf Jahre später in Regierungspolitik umgesetzt wurde. Ohne die überdimensionale Atomangst wären die Osterunruhen von 1968 und die Gründung der Grünen historische Bagatellen geblieben, interessant für Diplomarbeiten über politische Randkulturen. Erst nach dem GAU in der Ukraine diffundierte die grüne Idee zum beherrschenden Lebensgefühl der deutschen Mittelschicht.
Die Ängste der Bevölkerung nahmen damals noch rasanter zu als die Auflage der taz. Der Sand der Spielplätze wurde abgetragen. Niemand kaufte mehr Milch. Man sah Mütter, die dicke Decken über Kinderwägen legten, um Babys vorm Fallout zu schützen. Andere ließen ihre Kinder gar nicht mehr aus dem Haus. In einer eigens dafür errichteten Anlage wurde für 70 Millionen Mark die sogenannte „Strahlenmolke“ dekontaminiert. Niemanden interessierte es, dass sie weniger radioaktiv war, als es manche Lebensmittel von Natur aus sind. Zuvor hatte man das Molkepulver in 242 Eisenbahnwaggons unter Bewachung der Bundeswehr kreuz und quer durchs Land verschoben. Die Regierung Kohl versuchte die Menschen zu beruhigen, ohne den Wahrheitsgehalt der kursierenden Horrorszenarien jemals infrage zu stellen.
Tschernobyl glimmt bis heute tief im Seelenhaushalt aller Deutschen über dreißig. Noch immer kann nicht sachlich über Atomenergie diskutiert werde, obwohl Technik seither erheblich weiterentwickelt wurde und eine neue Ausgangslage entstanden ist. Das wäre ja durchaus angemessen, wenn Tschernobyl tatsächlich die Megakatastrophe gewesen wäre, für die sie hierzulande immer noch gehalten wird. 19 Jahre später lautet die Bilanz jedoch: Sie war es nicht.
Beim GAU in der Ukraine starben weitaus weniger Menschen als bei anderen Desastern in Chemiefabriken, Düngemittelwerken und Kohlegruben, bei Zugunglücken und Flugzeugabstürzen des vergangnen Vierteljahrhunderts. Unfälle, an die sich kaum noch jemand erinnert. Die mit großem Abstand schlimmste Industriekatastrophe ereignete sich im indischen Bhopal, wo 1984 ein Chemiewerk explodierte. An die 3000 Menschen wurden dabei getötet, zehntausende gesundheitlich geschädigt. Aber fragen Sie mal im Freundeskreis nach Bhopal, mancher wird sich dunkel erinnern.
Nach einem Bericht von UNICEF und dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) starben durch die Explosion des Reaktors, nachfolgende Unfälle und Verstrahlung etwa 125 Menschen. Infolge der freigesetzten Radioaktivität stieg die Häufigkeit von Schilddrüsenkrebs bei Kindern an, auf insgesamt etwa 1800 Fälle an, die zu 95 Prozent geheilt werden konnten. Die UN-Organisationen fällten allerdings ein vernichtendes Urteil über die überstürzte Zwangsumsiedlung von 400 000 Menschen. Sie führte in vielen Familien zu sozialer Zerrüttung mit erheblichen gesundheitlichen Folgen.
Hierzulande zeigen die Statistiken weder einen Anstieg bei Krebserkrankungen noch bei Missbildungen von Neugeborenen. Aber starke Mythen brauche keine reale Grundlage mehr, wenn sie einmal ihre Wirkung entfaltet haben. Der Mythos von Tschernobyl wird weiterleben – wahrscheinlich länger als das rot-grüne Projekt.
Maxeiner & Miersch
Erschienen in DIE WELT vom 04.05.2005 |
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WC.Hofmann Pathfinder
Anmeldungsdatum: 09.12.2004 Beiträge: 363 Wohnort: in der Mitte Europas
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Verfasst am: 8.Mai 2005 23:44 Titel: Re: 19 Jahre Tschernobyl |
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@hdschulz
Die Erinnerung an diesen GAU und seine Folgen ist immer angebracht. Die von Maxeiner & Miersch [ www.maxeiner-miersch.de ] publizierten Meinungen sind immer sehr solide recherchiert. Welchen Schluss können wir nun aus dem gesamten Beitrag und insbesondere aus dem folgenden Abschnitt ziehen?
| Zitat: |
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Die Ängste der Bevölkerung nahmen damals noch rasanter zu als die Auflage der taz. Der Sand der Spielplätze wurde abgetragen. Niemand kaufte mehr Milch. Man sah Mütter, die dicke Decken über Kinderwägen legten, um Babys vorm Fallout zu schützen. Andere ließen ihre Kinder gar nicht mehr aus dem Haus. In einer eigens dafür errichteten Anlage wurde für 70 Millionen Mark die sogenannte „Strahlenmolke“ dekontaminiert. Niemanden interessierte es, dass sie weniger radioaktiv war, als es manche Lebensmittel von Natur aus sind. Zuvor hatte man das Molkepulver in 242 Eisenbahnwaggons unter Bewachung der Bundeswehr kreuz und quer durchs Land verschoben. Die Regierung Kohl versuchte die Menschen zu beruhigen, ohne den Wahrheitsgehalt der kursierenden Horrorszenarien jemals infrage zu stellen.
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Maxeiner & Miersch
Erschienen in DIE WELT vom 04.05.2005 |
Im Prinzip verdiente das damalige Krisenmanagement der Bundesregierung und auch einiger anderer europäischer Regierungen in der Bewertung ein "ungenügend". Die oben dargestellten Versäumnisse wurden erst im nachhinein erkannt und bewertet. - Hat unsere Regierung denn heute ein flexibles Konzept für die Bewältigung von möglichen Katastrophen?
Es wäre an der Zeit, dass mal einige Abgeordnete in einer sog. "Kleinen Anfrage" an die Bundesregierung einen Fragenkatalog bezüglich Krisenmanagement und Katastrophenschutzpläne für mögliche Grossgefahrenpotenziale stellen. Selbstverständlich sind hier auch die Länderzuständigkeiten, wie z.B. wegen der Feuerwehren etc., einzubeziehen.
Es ist unbestritten, dass unsere Feuerwehren, das Technische Hilfswerk und die Helfer vom Roten Kreuz, Johanniter sowie Malteser etc. hervorragend ausgebildet sind und bei vielen Unglücken hierzulande und im Ausland beispielhaft geholfen haben.
Aber wie steht es mit der allgemeinen Katastrophenschutzaufklärung für die breite Bevölkerung?
- Wer kann hier etwas "Beruhigendes" fachlich fundiert berichten? - |
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Ronald Insider
Anmeldungsdatum: 28.02.2005 Beiträge: 781
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Verfasst am: 10.Mai 2005 8:43 Titel: |
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Nach einem schweren Unfall ist eine der beiden britischen Wiederaufarbeitungsanlagen in Sellafield teilweise stillgelegt worden. 20 Tonnen Uran und 200 Kilogramm Plutonium, gelöst in konzentrierter Salpetersäure, sollen nach Berichten englischer Zeitungen vom Montag durch ein gerissenes Rohr ausgelaufen sein. Das hochgiftige und stark strahlende Plutonium ist einer der gefährlichsten Stoffe überhaupt. Eingeatmet kann bereits ein tausendstel Gramm Lungenkrebs auslösen. Drei bis vier Kilogramm Plutonium reichen zum Bau einer Atombombe aus.
Dem Guardian von gestern zufolge floß die »hochgiftige Mischung« in einen undurchlässigen Raum in der Atomfabrik. Dort könne sie zwar keinen Schaden anrichten, doch werde es ein kostspieliges und langwieriges Unterfangen sein, den Raum zu säubern, berichtete das Blatt. Möglicherweise müßten dafür erst noch Spezialroboter gebaut werden. Der Unfall ereignete sich bereits im April, offenbar wegen der britischen Parlamentswahlen wurde er aber erst jetzt bekannt. Denn in den nächsten Wochen wird die neue Regierung von Premierminister Anthony Blair über den Bau neuer Atomkraftwerke entscheiden. Die beiden Wiederaufarbeitungsanlagen in Sellafield sind seit vielen Jahren wegen zahlreicher Pannen und der radioaktiven Verseuchung der Umwelt in Verruf. Der Erdboden in der Umgebung und Bereiche der Irischen See sind stark verstrahlt, berichtet Greenpeace. In Fischen, Muscheln, Tauben und auch bei Anwohnern maßen Umweltschützer deutlich erhöhte Strahlung. Die Blutkrebsrate bei Kindern aus Sellafield soll höher als im übrigen Großbritannien sein. Auf dem rund zehn Quadratkilometer großen Gelände des Atomkomplexes im Nordwesten Englands lagern nach Angaben britischer Medien 75 Tonnen Plutonium und 3 336 Tonnen Uran.
In den bislang fast 50 Betriebsjahren ereigneten sich zahlreiche Unfälle. So konnte 1957 ein Brand in Sellafield erst nach drei Tagen gelöscht werden, eine radioaktive Wolke zog über halb Großbritannien. 1973 wurden bei Wartungsarbeiten zahlreiche Lecks in Pumpen und Pipelines entdeckt und 35 Arbeiter radioaktiv verstrahlt. Nachdem 1992 30 Liter Plutoniumlösung ausliefen, mußte die Anlage vorübergehend geschlossen werden. |
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WC.Hofmann Pathfinder
Anmeldungsdatum: 09.12.2004 Beiträge: 363 Wohnort: in der Mitte Europas
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Verfasst am: 10.Mai 2005 12:56 Titel: Unfall in Sellafield / GB |
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| Ronald hat folgendes geschrieben:: |
Nach einem schweren Unfall ist eine der beiden britischen Wiederaufarbeitungsanlagen in Sellafield teilweise stillgelegt worden. 20 Tonnen Uran und 200 Kilogramm Plutonium, gelöst in konzentrierter Salpetersäure, sollen nach Berichten englischer Zeitungen vom Montag durch ein gerissenes Rohr ausgelaufen sein. Das hochgiftige und stark strahlende Plutonium ist einer der gefährlichsten Stoffe überhaupt. Eingeatmet kann bereits ein tausendstel Gramm Lungenkrebs auslösen. Drei bis vier Kilogramm Plutonium reichen zum Bau einer Atombombe aus.
Dem Guardian von gestern zufolge ... . |
Wer die Originalquelle lesen möchte, schaue in www.guardian.co.uk. unter Special Reports nach oder wähle direkt die folgende Seite http://www.guardian.co.uk/Documentaries/0,2479,401485,00.html
Nuclear industry
A radioactive nuclear fuel leak closes Sellafield's reprocessing plant as government plans to kick-start a nuclear power station building programme is revealed.
Die Wichtigkeit von ständig aktualisierten Katastrophenschutzplänen auch für den Industriebereich steht wohl ausser Frage. |
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Ronald Insider
Anmeldungsdatum: 28.02.2005 Beiträge: 781
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Verfasst am: 10.Mai 2005 14:01 Titel: |
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| Zitat: |
| Die Wichtigkeit von ständig aktualisierten Katastrophenschutzplänen auch für den Industriebereich steht wohl ausser Frage. |
Genau deshalb habe ich den Beitrag eingestellt.
| Zitat: |
| Der Unfall ereignete sich bereits im April, offenbar wegen der britischen Parlamentswahlen wurde er aber erst jetzt bekannt. |
Muß immer so vertuscht, gelogen werden? Sind Menschen nur ein Stück Dreck?
Aber dies gehört nicht hierher. |
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Ronald Insider
Anmeldungsdatum: 28.02.2005 Beiträge: 781
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Verfasst am: 12.Mai 2005 9:48 Titel: |
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Im Ausland ist Atomstrom eine Zukunftstechnologie
Weltweit gibt es nach Abschaltung des Werkes Obrigheim 440 Atommeiler. Mit Ausnahme von Deutschland planen alle großen Industrienationen weitere Werke.
http://www.welt.de/data/2005/05/12/717325.html |
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Ronald Insider
Anmeldungsdatum: 28.02.2005 Beiträge: 781
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Verfasst am: 11.Jun 2005 17:53 Titel: Zeitbombe |
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Merkel wird die Atomwirtschaft vollends deregulieren
Mit der CDU/CSU könnte die Atomkraft in Deutschland ein Comeback feiern. Die Ankündigung der CDU-Chefin Angela Merkel, nach einem Wahlsieg im September den "Atomkompromiss" aufzukündigen und die unter Rot-Grün ausgehandelte Laufzeitbegrenzung der deutschen Atomkraftwerke (AKW) zu canceln, wurde von der Stromwirtschaft mit Wohlgefallen aufgenommen.
http://www.freitag.de/2005/23/05230502.php |
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WC.Hofmann Pathfinder
Anmeldungsdatum: 09.12.2004 Beiträge: 363 Wohnort: in der Mitte Europas
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Verfasst am: 9.Dez 2005 0:07 Titel: Re: Zeitbombe |
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Obige Annahme ist wohl eher nicht aktuell!
Aber: Kernenergie wird weltweit ausgebaut (Quelle: VGB)
Die Europäische Union ist mit 31 % die weltweit führende Region bei der Stromerzeugung aus Kernenergie. Verschiedene europäische Länder setzen den Ausbau der Kernenergie fort, um die wachsende Stromnachfrage auch zukünftig CO2-frei und nachhaltig zu decken. Weltweit werden Ausbauprogramme für die Kernenergie diskutiert bzw. sind in Planung. Fortentwicklungen der bewährten Leichtwasserreaktoren werden als Anlagen der Generation III+ dabei bevorzugt in den konkreten Planungen für rund 40 Kernkraftwerksblöcke berücksichtigt. Sie bieten ein höchstes Sicherheitsniveau bei optimierter Ressourcennutzung und Wirtschaftlichkeit.
Zur langfristigen Weiterentwicklung hat das US-amerikanische Energieministerium (US-DOE) 2002 das Programm Generation IV initiiert, an dem sich mit Argentinien, Brasilien, Kanada, Frankreich, Japan, Südkorea, Südafrika, der Schweiz, Grossbritannien und EURATOM weitere Partner beteiligen.
Es sieht die Entwicklung von sechs Reaktortypen mit weiter verbesserter Sicherheit, Zuverlässigkeit und Wirtschaftlichkeit vor. Weitere eigenständige Entwicklungen betreiben Russland, Indien, China und Südafrika. -vdi- |
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hdschulz * Consulter *
Anmeldungsdatum: 27.08.2004 Beiträge: 1105
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Verfasst am: 21.Apr 2006 14:18 Titel: Nun sind es schon 20 Jahre..... |
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Dazu ein neuer Beitrag von M + M:
Weniger Tote? Nein danke!
Kolumne von Maxeiner & Miersch, erschienen in DIE WELT am 21.04.2006:
Stellen Sie sich einmal vor, sie seien Sachbearbeiter beim TÜV und für die Genehmigung von technischen Anlagen zuständig. Eines Tages kommt ein Unternehmer mit einem neu entwickelten Kraftstoff zu Ihnen, der unsere Abhängigkeit vom Öl verringern kann. Die Substanz ist unsichtbar, geruchlos und hochexplosiv. Und sie soll direkt in Deutschlands private Haushalte geleitet werden, um dort die Energieversorgung sicherzustellen. Würden Sie die Erfindung genehmigen? Wie viele Unfalltote wären nach ihrer Meinung im Umgang damit tolerierbar? Zehn pro Jahr? Zwei? Gar keiner? Wir vermuten, dass niemand die Verantwortung für eine solche Technologie übernehmen wollte. Und doch gibt es sie längst: Es ist die Rede von Erdgas. Bei Unfällen damit kommen nicht zwei oder zehn Menschen pro Jahr ums Leben, sondern weltweit viele Hundert.
Die Idee zu dieser kleinen Übung stammt von dem ABC-Fernsehjournalist und Buchautor John Stossel. Er machte seinem Publikum damit klar, wie rätselhaft die Wahrnehmung von verschiedenen Risiken oft ist. Erdgas hatte das Glück, sich als Energieform durchzusetzen, bevor die Angst vor neuen Techniken zur gesellschaftlichen Obsession wurde. Ähnliches gilt für Flüssiggas. 1978 verbrannten nach einer Tankfahrzeugexplosion 216 Menschen auf einem spanischen Campingplatz, 1989 kostete die Explosion einer sibirischen Flüssiggas-Leitung 600 Menschen das Leben. Beides ist längst vergessen. Sicherheitsmaßnahmen wurden verbessert, aber die Forderung nach einem generellen Abschied von der Gaskraft gab es zu keinem Zeitpunkt. Das Misstrauen gegen Großtechnologien bündelt sich stattdessen in einem Wort: Tschernobyl.
Anlässlich des 20. Jahrestages des Reaktorunfalls am 26.April ist nun ein merkwürdiger Streit über die Zahl der Opfer ausgebrochen. Worum geht es und welche Absichten werden damit verfolgt? Da wäre zunächst der offizielle Bericht des Tschernobyl-Forums. Dies ist eine wissenschaftliche Vereinigung aus UN-Organisationen (darunter IAEO, WHO, UNDP, UNEP) und der Regierungen der Ukraine, Weißrusslands und Russlands. Sie berichten von 56 Menschen, die bislang in Folge der Strahlung gestorben sind und befürchten, dass in den nächsten siebzig Jahren weitere 4000 hinzukommen könnten. Schlimm genug. Wobei solche Schätzungen immer problematisch sind, aber immerhin bewegen sich die Hochrechnungen der über 100 Wissenschaftler des Tschernobyl-Forums auf der Basis der einzig verfügbaren Erfahrungen – nämlich der von Hiroshima und Nagasaki. Dennoch wird ihnen jetzt von Anti-Atomkraft-Aktivisten,Politikern und Medien Verharmlosung und Vertuschung vorgeworfen.
Man hat fast den Eindruck, es können gar nicht genug Opfer sein. Führende Köpfe von SPD und Grünen kolportierten Zahlen von 100 000 Toten, Greenpeace 93 000, die Aktivisten der Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) steigerten auf 264 000 Tote, der britische „Guardian“ raunte gar von 500 000 Toten. Die zum Jahrestag aus dem Hut gezauberten Gegenschätzungen variieren in einer Spannbreite, die alleine schon misstrauisch macht.
Es geht bei der Auseinandersetzung auch nicht um das Ausmaß des menschlichem Leids, sondern um die Definitionsmacht: War Tschernobyl wirklich eine Katastrophe von apokalyptischer Dimension, ein „Pompeji des Atomzeitalters“ (Der Spiegel)? Oder handelte es sich um eine schwere, aber keineswegs einmalige Industriekatastrophe – vergleichbar etwa dem Chemieunfall von Bhopal? Im ersteren Fall würde sich wohl jede weitere Diskussion über die Atomkraft erübrigen. Im zweiten Fall könnte man wieder rational Risiken verschiedener Energietechnologien abwägen. Denken wir nur an die über 6000 Kohlekumpel, die jährlich (!) alleine in chinesischen Gruben sterben – von den langfristigen gesundheitlichen Folgen der staubigen Arbeit einmal ganz abgesehen. Oder an jene 26 000 Opfer, die 1975 in der Provinz Henan bei zwei Staudammbrüchen umkamen. Ein Pompeji der Wasserkraft. |
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hdschulz * Consulter *
Anmeldungsdatum: 27.08.2004 Beiträge: 1105
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Verfasst am: 21.Apr 2006 14:43 Titel: Und noch 'ne kluge Ergänzung von Maxeiner allein: |
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Biblis, Friede, Freude, Eierkuchen
Wer wissen will, warum es in Deutschland keine Atomenergie mehr geben wird, der muss in diesen Tagen nur in die großen Tageszeitungen schauen.
Während Atomkraftgegner sich gegenseitig mit der Zahl von Tschernobyl-Opfern überbieten, (es können gar nicht genug sein) schalten die Betreiber von AKW’s (ENBW, EON, RWE und Vattenfall) hübsche Vierfarb-Anzeigen.
Darauf ist ein sympathischer junger Mann im gehobenen Ikea-Ambiente zu sehen. Und was hat er uns mitzuteilen?
„Ich möchte später Kinder haben“. „Gut dass es Magdalena gibt“. „Beim Kanufahren habe ich Spass.“ „Ich arbeite im Kernkraftwerk Biblis“. „Ich vertraue auf unsere Technik“.
So sieht sie also aus, die intellektuelle Auseinandersetzung der deutschen Energiekonzerne mit dem Thema Tschernobyl. Wer sich davon verarscht fühlt, tut dies vollkommen zu recht, egal ob er nun für oder gegen die weitere Nutzung der Atomenergie ist. Anstatt die Auseinandersetzung um Fakten zu suchen, wird rundum Kuschel-Atmosphäre verbreitet. „Wir wollen später Kinder haben!“ „Gut, dass es Magdalena gibt!“
Tschernobyl? Das Bähwort kommt in den Anzeigen nicht einmal vor. Und deshalb steht es riesengroß im Raum.
Man könnte über tatsächliche und erfundene Opferzahlen sprechen. Man könnte die Risiken der verschiedenen Energieträger gegeneinander abwägen. Man könnte über den Zusammenhang von sozialem und technischem Fortschritt sprechen - und darüber welche Rolle die Atomenergie dabei spielt. Man könnte die Auseinandersetzung suchen mit einer Bewegung, die ja nicht nur gegen die Atomenergie zu Felde zieht, sondern gegen Großtechnologien und wissenschaftlich-technischen Fortschritt ganz allgemein. Statt dessen geht man auf Tauchstation.
„Beim Kanufahren habe ich Spass“. So sieht es aus, wenn man die Debatte über die Zukunft der Industrienation Deutschland Public-Ralations-Agenturen überantwortet. Wegducken und Weichspülen heißt die Devise und man ist so sehr damit beschäftigt, dass man noch nicht einmal einen logischen Kurzschluss bemerkt.
Das Testimonial in den AKW-Anzeigen kommt nämlich von einem jungen Mann, der sicherer Arbeitslosigkeit entgegen sieht. „Ich arbeite gerne im Kernkraftwerk Biblis“, sagt er und man möchte ihm antworten: „Aber nicht mehr lange, weil Biblis nämlich aufgrund des Ausstiegsbeschlusses abgeschaltet wird.“ Auch dazu kein Wort.
Statt dessen: „Ich vertraue auf unsere Technik“. Das ist sehr beruhigend, allerdings wird er seinen Beruf demnächst im Ausland ausüben müssen. An deutschen Universitäten gehört die Strahlenphysik übrigens jetzt schon zu den aussterbenden Studienzweigen, in absehbarer Zeit reicht der Nachwuchs nicht einmal mehr für die medizinische Strahlenforschung. Es gibt also genug, worüber sie sich die deutschen Gesellschaft klar werden müsste.
Von den Energiekonzernen ist wohl kein Beitrag zu dieser Debatte zu erwarten. Das ist der eigentliche Erkenntnisgewinn von Tschernobyl-Anzeigen, die das Wort Tschernobyl nicht erwähnen.
http://www.sicher.kernenergie.de/detail_1.html
Aus der "Achse des Guten":
http://www.achgut.de/dadgd/view_article.php?aid=2295&ref=0
Sehr lesenswert auch das Magazin "Novo" - Kernenergie ist das Titelthema der Ausgabe 81
http://www.novo-magazin.de/81/novo8120.htm |
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