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hdschulz Insider
Anmeldungsdatum: 27.08.2004 Beiträge: 953
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Verfasst am: 16.Mai 2005 11:20 Titel: Es wird alles immer schlimmer - oder? |
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1972 prophezeite Paul Ehrlich, einer der prominentesten Alarmrufer und Warner aus den USA ("Die Bevölkerungsbombe"), wie die Zukunft aussehen wird, in der wir heute leben. Um es kurz zum machen: die Welt wäre bereits so gut wie untergegangen. Ehrlich sagte allen Ernstes voraus, dass die Hälfte der 3,5 Milliarden Menschen, die 1972 auf der Erde lebten, verhungern werden. Den biologischen Tod aller Meere datierte er auf 1979. Außerdem würden kaum noch Pflanzen wachsen, weil das Sonnenlicht nicht mehr durch die verschmutzte Luft dringen könnte. Die Lebenserwartung in USA werde 1980 auf 42 Jahre sinken. Ab 1974 muss das Wasser in Nordamerika rationiert werden und Seuchen breiten sich aus. Da fällt das gleichzeitige Aussterben fast aller Tierarten eigentlich kaum noch ins Gewicht.
Und Ehrlich war keine Ausnahme: "Global 2000", die von US-Präsident Carter in Auftrag gegebene Zukunftsstudie, prophezeite, die Preise für Nahrungsmittel werden bis zum Jahr 2000 weltweit zwischen 35 und 115 Prozent ansteigen. In Wirklichkeit sind sie um 50 Prozent gefallen. In seinem berühmten Report "Die Grenzen des Wachstums" verkündete Dennis Meadows im Auftrag des "Club of Rome" 1972, das Ende der globalen Erdölvorräte zur Jahrtausendwende. Jeder kann sich heute bei der Tankstelle seiner Wahl vom Gegenteil überzeugen.
Die Zeitungen gaben dem deutschen Wald Anfang der achtziger Jahre noch fünf bis zehn Jahre Lebenszeit. Heute ist klar: Als fast die gesamte Nation an den nahen Untergang des Waldes glaubte, nahm der Wald in Deutschland und Europa zu. Und zwar sowohl auf der Fläche (also mehr Wald), als auch im Volumen (also kräftigere Bäume). Die Schäden blieben auf bestimmte Gebirgslagen konzentriert.
Wer mit seinen Prognosen so meilenweit daneben lag wie Ehrlich, Meadows und Co., wird nicht mehr sonderlich ernst genommen - sollte man meinen. Weit gefehlt! Die meisten Apokalyptiker von gestern dominieren mitsamt ihrer Thesen bis heute in den Talk- und Expertenrunden. Sie zeigen keinen Hauch von Selbstkritik und schieben - wie die Zeugen Jehovas - den Weltuntergang immer um ein paar Jahre weiter nach vorne. Das Jahr 2050 ist derzeit ein ganz heißer Tipp. Schon Karl Valentin wusste: "Die Zukunft war früher auch besser".
Die Unberechenbarkeit der Zukunft und die Wandelbarkeit der menschlichen Gesellschaften kommen in Szenarien der Berufs-Pessimisten nicht vor. Erfindungsreichtum ersetzt Ressourcen und erweitert die Spielräume. Viele Umweltproblem wurden schneller gelöst, als die Ideologen es gebrauchen können. Ausgerechnet die westliche Ich-Gesellschaft heilte im Zeitraffertempo die ökologischen Verheerungen des sozialistischen Biotops namens DDR. Dabei hätte die nach Ansicht der Ideologen eigentlich ein ökologisches Paradies sein müssen: Keine Flüge nach Mallorca, keine Kiwis aus Neuseeland, eingeschränkter Individualverkehr, kein McDonalds, Konsumverzicht allenthalben. Doch heraus kam eine gigantische Sondermülldeponie.
Apokalyptiker und Kulturpessimisten betrachten den Menschen immer nur als Verbraucher und Verursacher und nie als Problemlöser und Erschaffer. Der Mensch wird nur noch als Krebsgeschwür und Belastung der Natur verachtet - wie will man mit diesem Denken Zukunft meistern? Der sich ökologisch gebende Zeitgeist pflegt die Geschichte der Wissenschaft und der Industrialisierung gerne als Verfallsgeschichte darzustellen. Welch merkwürdige Sichtweise. Man schaue sich doch nur die jüngste Vergangenheit an: Fortschritt ist eine messbare Tatsache. Er misst sich an Lebenserwartung, Kindersterblichkeit, Alphabetisierung, Nahrungskalorien pro Kopf, Durchschnittseinkommen und vielen anderen Indikatoren. Welchen davon man auch immer nimmt, alle sahen vor 25, 50 oder vor 100 Jahren schlechter aus als heute. Die Welt ist besser geworden, entgegen aller Prognosen von Endzeitpropheten und kulturpessimistischen Intellektuellen.
Die Luft ist reiner geworden in vielfacher Hinsicht, nicht nur, was Schadstoffe, sondern auch, was die Politik anbetrifft. So waren vor wenigen Jahrzehnten Osteuropa, Spanien und Portugal noch Diktaturen, Afrika und Ostasien größtenteils noch Kolonien. Sowohl in relativen wie in absoluten Zahlen sinkt die Zahl der unterernährten Menschen seit Jahren, die Lebenserwartung steigt auch in den armen Ländern steil an. Ausnahme sind einzig einige korrupte Diktaturen in Afrika und planwirtschaftliche Systeme wie Nordkorea. Amartya Sen, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften, weist in seinem Buch "Ökonomie für den Menschen" nach , dass es in einer Mehrparteien-Demokratie mit freier Presse noch nie eine Hungersnot gab.
In den letzten 200 Jahren hat sich die Lebenserwartung in Europa verdoppelt und diese Entwicklung wird in den weniger entwickelten Ländern mit einer Zeitverzögerung nachgeholt. Das Wachstum der Weltbevölkerung ist nicht darauf zurückzuführen, dass Frauen immer mehr Kinder bekommen, sondern darauf dass immer mehr Kinder überleben. Weltweit liegt heute die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau bei 2,7. Das ist der niedrigste Stand in der gesamten Menschheitsgeschichte. Bei einer Kinderzahl von zwei flacht der Bevölkerungszuwachs ab und pendelt sich schließlich auf einem gleich bleibenden Niveau ein. In Deutschland liegen wir etwas darunter, was prompt wieder zur Schreckensnachricht befördert wird: "Sterben die Deutschen aus?" oder: "Vergreist die Gesellschaft?".
Aus der Lösung alter Probleme werden immer neue entstehen, es wird kein Weltwochenende geben. Die Welt mag nicht so sein, wie sie idealerweise sein sollte, aber trotz aller Missstände ist sie global betrachtet auf einem guten Weg. "Wir sind entsetzt wie viel Menschen heute noch an Hunger sterben müssen", sagt Umberto Eco, "noch mehr sollte uns aber die Zahl der Verhungerten in vergangenen Jahrhunderten erschrecken. Insbesondere wenn man die Zahl der Weltbevölkerung von einst gegenüberstellt." Und was die Verantwortlichen für Kriege und Blutbäder des 20. Jahrhunderts angeht, so werden diese zumindest nicht mehr, wie ihren mittelalterlichen Vorgänger, mit Denkmälern geehrt oder in der Kunstgeschichte verherrlicht. "Alles in allem haben wir eine Vorstellung dessen gewonnen, was gut und was böse ist," zieht Eco eine positive moralische Bilanz, "dank dieser neuen Werte sind viele von uns noch am Leben, während in vergangenen Epochen ein Mächtiger sie einfach um die Ecke gebracht hätte."
Kurzfristig mögen die Pessimisten immer mal wieder recht bekommen, aber langfristig haben bislang immer noch die Optimisten besser gelegen. Deshalb ist es höchste Zeit mit dem "Fünf vor Zwölf"-Gedröhne aufzuhören. Die Menschheit schreitet stolpernd voran und wird auch weiterhin Fehler machen um (manchmal) klüger aus ihnen zu werden. Aber ist es deshalb beständig "Fünf vor Zwölf"? Viel wahrscheinlicher ist einfach nur zwölf vor fünf.
Dennoch zieht sich durch alle Großdebatten der letzten Zeit ein ängstlicher Zukunftspessimismus. Warum flackert kaum noch ein positives Zukunftsbild auf? Warum ist es allgemein üblich, so niedrige Erwartungen an die Zukunft zu stellen? Der Katastrophen-Konsens eint die Deutschen wie kein zweites Thema. In ihrer Rolle als schreckliche Optimisten saßen die Autoren dieser Zeilen schon prall gefüllten Bürgersälen gegenüber, in denen ihnen eine überwältigende Mehrheit aus ambitionierten Weißweintrinkern in gepflegter Abendgarderobe vorwarf, den desaströsen Zustand der Welt zu verharmlosen und dem so genannten "mainstream" nach dem Munde zu reden. Die offensichtliche Tatsache, dass es weder im Saal noch sonst wo auch nur den Hauch eines optimistischen "mainstream" gab, spielte dabei nicht die geringste Rolle. Die ganz große pessimistische Mehrheit hält sich erstaunlicherweise stets für eine einsame, aber tadellose Minderheit. "Das kritische Bewusstsein der kulturkritischen Bildungselite ist zum volkstümlichen Konsumgut geworden, nicht anders als der Weißwein in der Eckkneipe oder der Anspruch auf Authentizität in jeder anderen Hinsicht," schreibt Katharina Rutschky und fragt: "Traditionell war das kritische Bewusstsein immer negativ - vielleicht müssen wir nun, wo es zum Volksport geworden ist, eines ausdenken, das positiv ist?" Dem möchten wir aufs schärfste zustimmen: Nichts ist heute subversiver als Optimismus.
Zitiert nach Maxeiner und Miersch |
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