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Staatsanwaltschaft weitet Ermittlungen bei Ancora aus

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Moderator GM&P
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Anmeldungsdatum: 21.01.2006
Beiträge: 5905

BeitragVerfasst am: 3.Sep 2006 15:12    Titel: Staatsanwaltschaft weitet Ermittlungen bei Ancora aus Antworten mit Zitat

Die Hamburger Staatsanwaltschaft hat die Untersuchungen im Fall des Zusammenbruchs der Hamburger Ancora Versicherung-AG ausgeweitet. Sie ermittelt jetzt auch gegen den ehemaligen Vertriebsvorstand Nicolas Hübener.

"Es gibt einen Anfangsverdacht. Wir stehen aber noch am Anfang unserer Ermittlungen", sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft dem Handelsblatt. Bislang ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen den Mehrheitsaktionär und früheren Ancora-Vorstand Klaus Weihtag.

Die Behörde geht nach Angaben der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) dem Verdacht der Untreue und Bilanzmanipulation nach.

Die BaFin hatte vor zwei Wochen über das Vermögen der Versicherung den Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens gestellt. Hübener betonte auf Anfrage, dass ihm von den Ermittlungen nichts bekannt sei. Er hatte Mitte November 2005 sein Amt als Vorstand bei der Ancora niedergelegt.

(Handelsblatt)
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Moderator GM&P
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Anmeldungsdatum: 21.01.2006
Beiträge: 5905

BeitragVerfasst am: 3.Sep 2006 19:34    Titel: Antworten mit Zitat

Die Geschichte des Unternehmens ist so schillernd wie ihre Kundschaft. Wie die Kleinfirma Kies mit dem Kiez machte und nun vor der Pleite steht.

Die Zeit ist stehen geblieben. Die alte Stechuhr im Eingang des vierstöckigen Patrizierhauses in der Nachbarschaft der Hamburger Börse tickt schon lange nicht mehr. Einige vergilbte Karteikarten stecken noch. Eine Galionsfigur am Treppenabsatz zeigt dem Besucher den Weg zu den Büros. Die Zentrale einer der kleinsten, wenn auch nicht feinsten Versicherungsgesellschaften hat schon wesentlich bessere Zeiten gesehen. Denn der Ancora-Versicherungs-AG droht das Aus durch Überschuldung.

Die Geschichte des Unternehmens ist so schillernd wie ihre Kundschaft, um die große Anbieter einen ebenso großen Bogen machen: Speditionen, Spielhallen, Diskotheken und Bordelle. Nur fünf Mitarbeiter betreuen die rund 17 000 Versicherten und einen Jahresumsatz von zuletzt rund 15 Millionen Euro.

Abseits des Milieus fristet der hanseatische Versicherer eher ein Schattendasein, bis die Finanzaufsicht eingreift und im Februar den Vorstand entmachtet, einen Sonderbeauftragten einsetzt und Mitte August schließlich die Insolvenz beantragt. Auch die Staatsanwaltschaft ermittelt, weil die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) Strafanzeige wegen Untreue und Bilanzmanipulation gegen die Ex-Vorstände Klaus Weihtag und Nicolas Hübener gestellt hat (Aktenzeichen 5603 – Js 198/06).

Vom Ziehsohn zum Verräter

Für den über 80-jährigen Haupteigner und kaltgestellten Firmenchef Weihtag bricht eine Welt zusammen. „Das ist ein Trauerspiel“, stöhnt der alte Herr verbittert. Für den Zusammenbruch seines Lebenswerks hat er gleich mehrere Schuldige ausgemacht: die BaFin sowie seinen abtrünnigen Kollegen Hübener, ein entfernter Spross der Maklerdynastie Jauch & Hübener.
Ihn hatte Weihtag ursprünglich als seinen Nachfolger auserkoren, ihm sogar 20 Prozent an der Ancora vermacht. Längst scheint er das zu bereuen.
Weihtag sieht in dem etwa halb so alten Hübener inzwischen einen Verräter, der mit der BaFin gemeinsame Sache mache.

Hübener bestreitet das gar nicht. Im Gegenteil, er habe die Unregelmäßigkeiten aufgedeckt, sagt er dem Handelsblatt, und „den Vorgang Mitte November 2005 der BaFin gemeldet sowie mein Amt als Vorstand niedergelegt“ und gekündigt“.

Was ist also passiert? Fest steht, es fehlt Geld. Die Kontrolleure vermuten, dass Weihtag über die Jahre mehr als acht Millionen Euro aus der Versicherung herausgezogen hat. Weihtag war bei Ancora alles: Eigentümer, Chef, Versicherungsvertreter und alleiniger Kontobevollmächtigter.
Und so hat er nach Gutdünken gehandelt. In schlechten Zeiten, so sagt er, habe er Geld von der Makleragentur, die er parallel zur Versicherung betreibt, in die Ancora gesteckt. Im Ruhestand habe er sich dann wieder Geld herausgenommen. Dass er mit den Abbuchungen gegen das Aktiengesetz verstoße, habe er erst später erfahren, beteuert er. Allerdings sei der Betrag vier geringer gewesen, als die genannte Zahl von acht Millionen Euro, sagt der Mann mit der gelben Krawatte, dem weißem Hemd und dem goldenen Monokel, das vor seinem Bauch baumelt und von seiner eingeschränkten Sehfähigkeit kündet. Außerdem habe er Sicherheiten, etwa Immobilien, gestellt.

An deren Werthaltigkeit hat die Aufsicht jedoch inzwischen erhebliche Zweifel, weil Weihtag weder die ausstehende Steuerschuld von 1,2 Millionen Euro beglichen noch ein Schuldanerkenntnis unterschrieben habe. Am Tag des Insolvenzantrags sei das letzte Ultimatum verstrichen. Weihtag hat sich seit dem Frühjahr in seine Versicherungsagentur zurückgezogen, die er im gleichen Haus zwei Etagen höher betreibt. Die Geschäfte der Ancora leitet seit Februar der von der Aufsicht eingesetzte Sonderbeauftragte und ehemalige Controlling-Vorstand der Axa, Ernst zur Linden.

Der stieß auf eine Fülle von Unregelmäßigkeiten. Weihtags Geschäft basierte unter anderem darauf, dass er sich hoch rückversicherte dafür hohe Provisionen kassierte – für Erst- und Rückversicherer ein lukrativer Deal. Denn die Kundschaft vom Kiez zahlte ein Vielfaches der üblichen Prämiensätze. Dem Sonderbeauftragten fiel auf, dass die Ancora ihre Forderungen gegen den Rückversicherer zu hoch und die Verbindlichkeiten zu niedrig buchte.

Das lässt jede Bilanz günstiger aussehen als sie ist. Der Revisor staunt nicht schlecht: „Die Bilanzen haben schon länger nicht gestimmt. Ich frage mich, weshalb der Wirtschaftsprüfer das nicht gemerkt hat“, sagt zur Linden dem Handelsblatt. Schließlich prüfte die Ancora nicht irgendwer, sondern Pricewaterhouse Coopers (PWC) – eine der größten Prüfungsgesellschaften der Welt.

Vom Insolvenzantrag will PWC aus der Presse erfahren haben. Ansonsten beruft sich eine Sprecherin auf ihre Verschwiegenheitspflicht „zu Transaktionen unserer Mandanten“. Auch Weihtag beruft sich auf das Testat der angesehenen Prüfer. Er sieht darin die Bestätigung, dass vom Vorwurf der Bilanzmanipulation keine Rede sein könne.

„Ihm fehlt offenbar jegliches Unrechtsbewusstsein,“ schimpfen dagegen die Ancora-Mitarbeiter. Sie sitzen im ersten Stock des Patrizierhauses in einem kleinen Raum, der muffig und verstaubt wirkt. Regale voller Aktenordner verbreiten Behörden-Atmosphäre. Die Mitarbeiter sind sauer auf ihren alten Chef. Jetzt wüssten sie, warum er Zahlungen erst so spät freigegeben habe. An der Pinnwand neben der Tür pappt eine Karikatur. Sie zeigt unzweifelhaft Weihtag, wie er mit einem Staubsauger Geld aus der Tasche eines Herrn saugt, der die Ancora symbolisieren soll.

Der Sonderbeauftragte zur Linden versucht derweil, die Ancora oder deren Versicherungsbestände zu verkaufen – bislang vergebens. Vielleicht liegt das auch daran, dass Weihtags ehemaliger Kompagnon inzwischen eine eigene Versicherung gegründet hat.

„Die rasche Zulassung der Hübener Versicherungs-AG hat mich überrascht“, sagt zur Linden. Immerhin müssen potenzielle Käufer nun befürchten, dass Hübener das lukrative Geschäft auf seine gleichnamige Versicherungsgesellschaft zieht. Der Sanierer hat aus der Not dann eine Tugend gemacht und Hübener für die übernommenen Verträge zumindest eine Provision abgerungen. Weihtag hatte sich den Ausstieg aus seinem Berufsleben anders vorgestellt. Für ihn bleibe nur noch eins, sagt er: „Den Rest meines Lebens werden ich wohl damit verbringen, Prozesse zu führen.“

(Handelsblatt)
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