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A. Henneberg ** Consulter **
Anmeldungsdatum: 28.08.2002 Beiträge: 4926 Wohnort: Osten
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Verfasst am: 27.Jul 2004 13:18 Titel: Zertifikate - Buch mit sieben Siegeln´? |
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Kein Investmentprodukt verkauft sich besser als Zertifikate.
Meist zu Recht.
Trotzdem versteht kaum ein Anleger, was er da besitzt.
Ein Leitfaden:
Der Handel mit Zertifikaten erlebt einen nie gekannten Höhenflug. Allein am Euwax-Segment der Stuttgarter Börse explodierten die Umsätze im vergangenen Jahr um 80 Prozent, rund 11 000 Papiere werden in Deutschland gehandelt. Die Republik, so scheint es, hat nur darauf gewartet, von allen möglichen Investmenthäusern mit so kryptischen Produkten wie "Phoenix", "Touch-Down", "Kick-Start" und "Vario-Rendite" überschwemmt zu werden. Schon meinen manche Strategen, man müsse sich überhaupt nicht mehr mit Aktien oder Fonds herumschlagen. Alles ginge auch mit Zertifikaten. Sogar besser. Und billiger.
Das hat durchaus Gründe. Viele Zertifikate sind den altgedienten Börsen-Schlachtrössern in fast allen Belangen überlegen. Auf der anderen Seite allerdings sind die Produkte oft auch eines: schwerstkompliziert, ein Buch mit sieben Siegeln. Die allermeisten Anleger verstehen die Funktionsweise dessen, was da in ihren Depots liegt, wohl höchstens im Ansatz. Wer zum Beispiel kann sich auf Anhieb erklären, warum die von HSBC entwickelten "Phönix"-Papiere nur dann den doppelten Ertrag abwerfen, wenn die zu Grunde liegende Aktie erst einmal nach unten geht und den so genannten "Schwellenkurs" berührt - bevor sie wie gewünscht steigt?
"Viele Zertifikate machen durchaus Sinn", sagt Eberhard Weinberg, Vorstand beim unabhängigen Vermögensverwalter DJE in Passau. "Für passive Strategien zum Beispiel. Wenn Sie eine positive Meinung zu einem bestimmten Markt haben, und ohne große Reibungsverluste darauf setzen wollen, dann kaufen Sie sich ein Zertifikat auf den entsprechenden Index. Oder wenn Sie einen neuen Trend erkennen. Aber viele Papiere sind so abstoßend kompliziert, dass man sie nicht versteht. Und was man nicht versteht, sollte man nicht kaufen."
Genau dafür eignen sich Zertifikate hervorragend:
Passiv einem Markt zu folgen. Wer einen gemanagten Deutschlandfonds kauft, der sich meist nur wenige Prozent vom Vergleichsindex Dax entfernen darf, verschenkt oft Geld. Praktisch kein Fonds ist auf Dauer besser als der Markt. Im Gegenzug kosten Kauf und laufende Kosten eine ganze Menge. Ein Dax-Zertifikat dagegen gibt es fast umsonst, es folgt dem Index eins zu eins und kostet - wenn überhaupt - nur einen Bruchteil der Fondsgebühren. Einfach, billig, effizient. Ebenso bei "jungen" Trends: Als vor einigen Jahren der Goldpreis zu steigen begann, gab es außer ein paar Minenaktien-Fonds praktisch keine Möglichkeit, daran zu verdienen. Neue Fonds aufzulegen dauert lange und kostet viel Geld. Zertifikate sind schnell fertig.
Wer sich allerdings weiter in den Dschungel vorwagt, läuft Gefahr, sich zu verirren. Nicht nur gibt es zwischen amerikanischen Immobilienmärkten und chinesischen Renten so gut wie kein Anlagegebiet, für das es keine Zertifikate gibt. Auch steht der Begriff für grundverschiedene Ansätze: Neben dem Gros der Anlagezertifikate existieren fast 4000 extrem riskante Hebelzertifikate. "Knock-Outs" und "Turbos" entsprechen eher Optionsscheinen - und haben ähnliche Zockerqualitäten: Einmal zu mutig aufs falsche Pferd gesetzt, und das eingesetzte Geld ist futsch. "Der Begriff "Zertifikat" ist in letzter Zeit recht inflationär benutzt worden", sagt Thomas Spengler von der Stuttgarter Börse. "Anlage- und Hebelzertifikate muss man trennen, die haben wenig gemeinsam."
Aber auch die in den konservativeren Papieren eingebauten Strategien sind teilweise so speziell, dass sie nur bei einer ganz bestimmten Marktentwicklung aufgehen. Ein Discount-Zertifikat zum Beispiel, mit dem man eine Aktie quasi mit Abschlag erwerben kann, bringt nur in einem fallenden Markt echte Vorteile. Ob manche exotischen Ansätze langfristig Sinn machen, vermittelbar sind und dem Anleger Mehrwert bringen, ist strittig. Daneben erwecken Zertifikate oft einen falschen Eindruck von Einfachheit und leichter Handelbarkeit, der so nicht stimmt.
Dazu kommen die Kosten. Die Emittenten nutzen oft hochkomplexe Options- und Future-Konstruktionen, um die gewünschte Wirkung zu erreichen. So wird für ein Discount-Zertifikat in Wirklichkeit eine Aktie gekauft und ein Put-Optionsschein auf ebendiese Aktie verkauft - und das Ganze als Paket verpackt. Als Gegenleistung werden dann Dividenden der zu Grunde liegenden Aktien einbehalten, die Differenz zwischen Kauf- und Verkaufskursen großzügig gestaltet oder das Kapital während der Laufzeit nicht verzinst. "Wir schaffen quasi einen neuen Markt, zwischen dem Anleger und dem Markt für das unterliegende Produkt", sagt Stefan Gresse von ABN Amro. "Durch die Preisvorteile einer Bank und den besseren Zugang zu den Märkten läßt sich eine Marge realisieren" Es kann auch passieren, dass die Rechnung des Emittenten nicht aufgeht - wenn Dividenden ausfallen oder sich andere Schätzungen nicht erfüllen. "Aber bei Aktienzertifikaten peilen wir im Durchschnitt 0,5 Prozent Jahresprofit an", sagt Gresse. Schwierig wird es für die Emittenten meist erst, wenn es viele fast identische Konkurrenzprodukte gibt - ein Punkt, den Anleger bei jedem Kauf im Auge behalten sollten.
Schließlich sind auch die grundlegenden Aspekte wichtig: Zertifikate sind Schuldverschreibungen. Wer in sie investiert, erwirbt keinen Teil eines bestimmten Vermögens oder eines Aktienkorbs, sondern wird zum Gläubiger des Emittenten. Im Gegenzug nimmt er an der festgelegten Wertentwicklung der Zertifikatsbasis teil. Meist läuft fast der gesamte Handel direkt oder indirekt über die "Mutterbank" des Zertifikats, Angebot und Nachfrage, die den Aktienmarkt regieren, spielen praktisch keine Rolle. Außerdem garantiert dieser Mechanismus dem Anleger einen liquiden Markt, da die Bank als Käufer und Verkäufer auftritt - oft auch bis weit in die Abendstunden. Steuerlich werden die meisten Zertifikate wie Aktien behandelt, nach Ablauf der Spekulationsfrist sind Gewinne damit steuerfrei.
Der Haken daran:
Geht der Emittent Pleite, gucken die Zertifikatsinhaber erst einmal in die Röhre
von Ulrich Machold |
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