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Die Strom-Schnüffler - Spione verkaufen Betriebsgeheimnisse

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Moderator GM&P
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Anmeldungsdatum: 21.01.2006
Beiträge: 6461

BeitragVerfasst am: 12.Dez 2006 9:36    Titel: Die Strom-Schnüffler - Spione verkaufen Betriebsgeheimnisse Antworten mit Zitat

Der Strommarkt ist groß und komplex. Nicht nur die Kunden verlieren schnell den Überblick. Zwei Unternehmer sorgen in diesem Dickicht mit dem Verkauf von Betriebsgeheimnissen der Energiekonzerne für mehr Durchblick am Strommarkt – und das ganz legal.
Wie die Feldversuche der Stromspione funktionieren.

Zitat:
Start-up-Unternehmer müssen fest zupacken können. Aber die 20-Kilo-LKW-Batterie ist fast zu viel für Christian Kunze. Ein Griffriemen ist gerissen, also wuchtet Kunze den grauen Klotz auf dem Unterarm die Böschung hinauf durchs kniehohe Gras. Kunze schwankt und schwitzt.

Geschafft. Er verbindet die Kontakte der Batterie mit Messgerät und Sender und stülpt zum Schutz eine grüne Regentonne über den Apparat. Fertig ist der Stromspion.
Kunze schaut nach oben, dorthin, wo es summt und knistert. Ja, alles in Ordnung, der grüne Schnüffler steht korrekt unter der Hochspannungsleitung. Die kommt direkt vom Kernkraftwerk Isar, dessen zwei Reaktoren gleich hinter dem Hügel und dem Dorf Niederaichbach liegen. Durch die Leitung fließen Hunderttausende Volt Strom – aber wie viel genau? Auf welcher Leistung fährt der Eon-Konzern sein Kraftwerk gerade?

Eigentlich ist das ein Betriebsgeheimnis von Eon, aber Kunze, 38, weiß es – dank seines batteriebetriebenen Spions.

Sterling Lapinski hat einst ähnlich begonnen. Heute muss der US-Amerikaner nicht mehr über matschige Wiesen stapfen. Er hat 70 Mitarbeiter. Mit den runden Brillengläsern und dem Poloshirt sieht der 37-Jährige aus wie ein College-Student. Doch er ist Weltmarktführer. Fast tausend Spione an Stromleitungen – meist grau, nicht grün – spähen für seine Firma Genscape in neun Ländern Kraftwerke aus.

Lapinski und Kunze – zwei Unternehmer mit der gleichen Aufsehen erregenden Idee: Sie verkaufen die Betriebsgeheimnisse der Stromversorger. Lapinskis Firma Genscape ist der Marktführer; Powermonitor-Gründer und Herausforderer Kunze hat seit wenigen Tagen die ersten zahlenden Kunden.

Der Wettkampf, den die beiden Strom-Schnüffler ausfechten, ist ein Hoffnungsschimmer für viele, die hier zu Lande die Macht der vier großen Stromerzeuger EnBW, Eon, RWE und Vattenfall begrenzen möchten, damit neue Anbieter eine Chance haben und die Strompreise sinken. Denn durch die Sonden der Strom-Schnüffler verlieren die Konzerne die Kontrolle über einen zentralen Faktor für den Handelspreis des Stroms: die Kraftwerksleistung.

Nicht der Staat sorgt für mehr Durchblick am Strommarkt, sondern die beiden Jungunternehmer. In kaum einem anderen Markt sind Informationen so asymmetrisch verteilt wie am Strommarkt. Es gibt nur wenige Produzenten und eine kleine Anzahl von Kraftwerken. In Deutschland erzeugen die großen vier mit etwa 100 Kraftwerken fast den gesamten Strom. Zudem lässt sich Strom nicht aufbewahren: Steigt der Verbrauch, muss sofort mehr produziert werden, sonst ginge das Licht aus.

Im Großhandel sind Strompreise deshalb ausgesprochen volatil. Gehen nur 500 Megawatt (MW) aus dem Markt – das Kraftwerk Isar schafft alleine 2 400 MW, Deutschlands Gesamtkapazität beträgt etwa 120 000 MW –, reagiert der Preis oft sofort. Für Stromhändler ist es deshalb entscheidend zu wissen, wann welches Kraftwerk welche Leistung bringt. Aber das wissen nur die Erzeuger, und die kaufen und verkaufen auch selber Strom.

Die Schnüffelei ärgert die Großen, aber sie ist legal. Als Christian Kunze 2005 seine Spähtonnen am Kraftwerk Neckarwestheim bei Heilbronn aufstellt, verklagt ihn dessen Betreiber EnBW – und verliert vor Gericht. Denn Kunze misst die elektromagnetische Strahlung der Hochspannungsleitungen mit handelsüblichen Geräten. Weil das jeder informierte Laie könnte, gilt das vor dem Gesetz nicht als Industriespionage. Aus den Daten errechnet er dann die Leistung des Kraftwerkes.

Christian Kunze kennt den Strommarkt und den Informationshunger der Händler, schließlich handelte er selbst lange für Konzerne wie Preussen-Elektra und Eon. Das brachte ihn auf die Idee. Der promovierte Ökonom investierte „ziemlich blauäugig und naiv“ eigenes Geld und Wochenende auf Wochenende, bis sein Testsystem Ende 2004 endlich funktionierte. Den Durchbruch brachte ein Test am RWE-Braunkohlekraftwerk Niederaußem bei Köln: „In bestimmten Stunden, wenn an der Strombörse EEX die Preis hoch waren, ließ sich genau ablesen, dass auch das Kraftwerk hochgefahren wurde.“

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