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Kistenweise Medikamente ohne deutsche Zulassung

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Moderator GM&P
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Anmeldungsdatum: 21.01.2006
Beiträge: 5917

BeitragVerfasst am: 19.Okt 2007 7:01    Titel: Kistenweise Medikamente ohne deutsche Zulassung Antworten mit Zitat

Das Handelsunternehmen Runge Pharma verschickt die Importe von Lörrach aus an Apotheken und Krankenhäuser im ganzen Bundesgebiet. Ihr Inhalt: Medikamente ohne deutsche Zulassung. Zweimal täglich fährt zudem ein Mitarbeiter des Unternehmens auf Einkaufstour ins nahe Frankreich und in die Schweiz. Auch er hat Ware im Visier, die in Deutschland nicht auf dem Markt ist. Dennoch macht sich Runge Pharma nicht strafbar.

Der Handel mit Arzneimitteln, die hierzulande keine Zulassung haben, ist zwar grundsätzlich verboten. Doch weit hinten im Arzneimittelgesetz und versteckt in Absatz drei nutzen Apotheker und findige Geschäftsleute eine Ausnahme, die ihnen Millionen in die Kasse spült: Der Tablettenimport ist legal, wenn auf dem deutschen Markt kein Medikament mit identischem Wirkstoff beziehungsweise vergleichbarer Wirkstärke zur Verfügung steht und eine deutsche Apotheke das Medikament nach Arztrezept bestellt hat.

Bundesweit teilen sich dieses Importgeschäft - so schätzt die Branche selbst - rund zehn große Unternehmen, die an Öffentlichkeit nicht interessiert sind. "Wir bewegen uns in einem heiklen Feld", sagt ein Hamburger Importeur, der nicht genannt werden will.

Runge Pharma spielt eher am Rande mit. "Wir unterhalten Geschäftsbeziehungen mit zehn Prozent aller rund 20.000 deutschen Apotheken", sagt Hans Heinrich Runge, Geschäftsführer des Im- und Exportunternehmens. Er führt auch noch eine Versand- und Bahnhofsapotheke. Das größte Handelsvolumen erwirtschaftet er aber mit dem Import. "Wenn es gut läuft, liegt der Umsatz im einstelligen Millionenbereich", sagt Runge.

Zum Einkaufspreis der Arzneien addiert Runge seine Importkosten. Für ein teures Krebsmittel aus den USA, das 2500 Euro kostet, berechnet er 76 Euro. Günstigere Mittel verkauft er mit einem Aufschlag, der rund fünf Prozent des Einkaufspreises beträgt. Damit orientiere er sich an der deutschen Arzneitaxe, sagt Runge, denn eine einheitliche Regelung für ausländische Medikamente existiere nicht.

Seine Wettbewerber schlügen 20 Prozent auf teure und sechs auf günstigere Mittel drauf, sagt er. In der Apotheke kommen dann noch die üblichen drei Prozent für die Lagerhaltungskosten und der einheitliche Betrag von 8,10 Euro darauf. "So entsteht nicht selten die Situation, dass ein Medikament, das importiert wurde, günstiger ist als ein auf dem deutschen Markt erhältliches mit vergleichbarer Wirkungsweise", sagt Runge.

Trotzdem weigern sich gesetzliche Kassen oft, den Preis zu erstatten. Inzwischen sei das Importgeschäft mit nicht zugelassenen Arzneimitteln ein Geschäft zugunsten der Privatversicherten, sagt der Hamburger Unternehmer. Selbst das neue Brustkrebsmittel Tykerb aus den USA werde zu 70 Prozent über Privatrezept bestellt. "Die Patienten wären tot, wenn sie die Kassenübernahme abwarten würden."

Die Kassen jedoch verweisen auf den gesetzlichen Ausnahmecharakter der Importe, weswegen die Apotheken für jedes ausländische Medikament einen kleinen Papierkrieg führen müssen. "Seit einigen Jahren ist der bürokratische Aufwand immens", sagt Ursula Andrae, Geschäftsführerin der Internationalen Apotheke in Hamburg, die schon lange Medikamente importiert.

Eine Statistik darüber, wie viele Medikamente wirklich mittels der gesetzlichen Ausnahme eingeführt werden, existiert nicht. Einziger Anhaltspunkt sind die Zahlen der gesetzlichen Krankenkassen: 2006 wurden Importarzneimittel im Wert von rund 30 Mio. Euro erstattet. Dazu addieren sich die Erstattungen der Privaten, die inzwischen weit darüber liegen dürften.

Denn seit der Novellierung des Arzneimittelgesetzes im Jahr 2005 und einem restriktiven Gerichtsurteil des Bundessozialgerichtes sind die Erstattungen der Gesetzlichen deutlich zurückgegangen - von 56 Mio. Euro 2003 auf beinahe die Hälfte im Jahr 2006. Die Kassen begründen den Schritt mit mangelnder Arzneimittelsicherheit. Einige Importeure vermuten jedoch, damit solle der deutsche Pharmamarkt geschützt werden.

Ein Hamburger Händler etwa beziffert seine Umsatzeinbußen gegenüber 2004 auf 50 Prozent, genannt werden möchte er nicht. Seine Zahlen aber gibt er preis: 4 Mio. Euro setzt er jährlich mit dem Medikamentenimport um. "Die Importeure sind eigentlich die Ausnahme einer ehernen Regel", sagt Karl-Bernd Walter, der als Pharmaziedirektor das Referat für ärztliche und pharmazeutische Angelegenheiten im Regierungspräsidium Freiburg leitet.

Ihn besorgt, dass der Ausnahmeartikel des Arzneimittelrechts als Vehikel benutzt wird, um neben wichtigen Arzneimitteln Lifestyle-Medikamente wie Nahrungsergänzungsmittel aus der ganzen Welt zu importieren. "Das ist eine delikate Angelegenheit", sagt Walter.

Denn ursprünglich sollte der Paragraf, auf dessen Ausnahmetatbestand sich inzwischen eine ganze Importindustrie gegründet hat, den unbürokratischen Zugang zu lebenswichtigen Medikamenten aus dem Ausland ermöglichen. "Versorgungslücken sollte er schließen", sagt der Pharmaziedirektor.

Niemand aber kann genau sagen, welche Medikamente diese Lücke schließen - und welche nicht. In den Paketen aus Übersee, die bei Runge Pharma in Lörrach ankommen, sind beispielsweise Zytostatika - Medikamente, die das Wachstum von Krebszellen verlangsamen.

Die neuesten Innovationen der Pharmahersteller wie Roche oder GlaxoSmithKline sind zwar auf dem amerikanischen Markt schon zugelassen, in der EU hingegen gibt es sie noch nicht zu kaufen. Auch Antidepressiva, Antiepileptika oder Parkinsonmittel und die Alternativmedizin gehören dazu, ebenso wie HIV-Medikamente.

Klafft aber auch auf dem deutschen Mittelchenmarkt eine Versorgungslücke? Viele Händler nutzen das Arzneimittelrecht, um mit Präparaten abseits medizinischer Notwendigkeit Geschäfte zu machen. So wurde einem Hamburger Importeur die Zulassung verschiedener Nahrungsergänzungsmittel zwar verweigert. Nicht alle Bundesländer agieren jedoch gleich restriktiv.

Der Import einiger Schlankheitsmittel ist nach Bayern oder Baden-Württemberg unproblematisch. Die Münchner Apothekerin Sabine Fuchsberger-Paukert fühlt sich deswegen in ihrer Heimatstadt "gut aufgehoben". Als Geschäftsführerin des Apothekengroßhändlers Ludwigs-Arzneimittel gehört sie nach eigenen Angaben zu den fünf größten Arzneimittelimporteuren in Deutschland.

Die Tatsache, dass sie Nahrungsergänzungsmittel über die Ausnahmeregelung des Arzneimittelgesetzes einführt, interpretiert sie als gesundheitspolitisch sinnvollen Schutzmechanismus. "Auf diese Weise bleiben die Nahrungsergänzungsmittel in der Apotheke und werden nicht per Internetversand illegal eingeführt", sagt sie.

Doch das Geschäft mit den Hormonen und Aminosäuren hat vor allem wirtschaftliches Gewicht: Met International, eine Tochtergesellschaft von Met Pharma, die unter anderen die drei Flughafenapotheken in München betreibt, erwirtschaftet nach Angaben des Geschäftsführers Walter Maria Verfürth 60 Prozent ihres Umsatzes mit solchen Nahrungsergänzungsmitteln.

In der Branche wird, wenn überhaupt, nur hinter vorgehaltener Hand über das Geschäft gesprochen. Man will, wie es die Geschäftsführerin eines Unternehmens in Baden-Württemberg formuliert, "keine schlafenden Hunde wecken".

Denn die Gesundheitsbehörden der Bundesländer haben hoch dosierte Vitamin-, Bachblüten-, oder Ayurveda-Produkte, das "Powerhormon für den Mann", den "Jungbrunnen" Melatonin oder auch Aminosäuren mit dopingähnlicher Wirkung im Visier.

Da Landesrecht jedoch die Medikamenteneinfuhr regelt, bleibt eine einheitliche Regelung utopisch: "Allein zu Glutamin gibt es zehn unterschiedliche Gerichtsentscheidungen in den Ländern", sagt Monika Paul, Amtsapothekerin der Stadt Köln.

Die resolute Pharmazeutin ist durch ihr Engagement gegen die Einfuhr besorgniserregender Substanzen und Mittelchen in der Branche bundesweit bekannt geworden. Gemeinsam mit der Deutschen Sporthochschule arbeitet sie an einem Einfuhr-Informationssystem, das landesweit in Nordrhein-Westfalen Aufschluss über die Art und Menge der importierten Arzneimittel geben soll.

In der Branche hat sich die Widerständigkeit der Apothekerin herumgesprochen. Viele Importfirmen vermeiden deswegen die Medikamenteneinfuhr über den Flughafen Köln-Bonn.
Quelle: Tim Braun
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