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Urlaubszeit - Deutschlands Wirtschaft im Vorteil

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Moderator GM&P
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Anmeldungsdatum: 21.01.2006
Beiträge: 5917

BeitragVerfasst am: 28.Jul 2007 7:34    Titel: Urlaubszeit - Deutschlands Wirtschaft im Vorteil Antworten mit Zitat

Nirgendwo anders sind Schulferien so kompliziert geregelt wie in Deutschland. Und das ist gut für die Wirtschaft: In anderen Ländern, in denen nahezu die gesamte Bevölkerung auf einen Schlag Urlaub macht, herrscht über die Sommerferien hinweg wirtschaftlicher Stillstand.

Bei den Sommerferien macht es sich Deutschland schwer. Während sich etwa in Frankreich, Italien und Russland das ganze Land auf einen Schlag in die Sommerpause verabschiedet, starten die Deutschen immer schön der Reihe nach. Jedes Bundesland kriegt abwechselnd den unbeliebten Startplatz Mitte Juni. Nur Bayern und Baden Württemberg können sich dem entziehen. Die anderen Länder wechseln sich ab.

Für die Reiseveranstalter ist das eine feine Sache. Denn dank dieser Staffelung hat zwischen Juni und September immer irgendjemand in Deutschland frei. Und da Familien ihren Sommerurlaub normalerweise in die Ferienzeit der Kinder legen, leeren sich Klassenzimmer und Büros gleichermaßen. Auch die deutsche Wirtschaft kann sich darüber nicht beklagen. Denn selbst wenn die Arbeit im Sommer etwas langsamer läuft, steht sie immerhin nicht komplett still wie in den Ländern, wo alle gleichzeitig frei machen.

Meist umfasst der sogenannte Ferienkorridor 84 oder 85 Tage. Er reicht von dem Tag, an dem das erste Bundesland in die Ferien startet bis zum letzten Tag. Abgesegnet wird der Plan von der Kultusministerkonferenz (KMK), die derzeit schon die neue Ferienordnung für die Jahre 2011 bis 2017 austüftelt. Es ist gut möglich, dass die Spanne zwischen dem ersten und letzten Bundesland dann größer wird. "Die Vertreter der Wirtschaft wollen den Korridor entzerren und halten 90 Tage auch für zumutbar", sagt Regierungsschulrätin Regine Pfeil, die für das Bundesland Sachsen am Verhandlungstisch sitzt.
"Denn dann könnten noch mehr Urlaubstage genutzt werden, um Einnahmen für die Tourismusindustrie zu erzielen." Ein zusätzlicher Tag soll der Volkswirtschaft geschätzte zwei Millionen Euro Umsatz bringen. Für Autofahrer wäre das indes eine gute Nachricht. "Wir würden eine Verlängerung auf 90 Tage und mehr begrüßen, weil das die Staugefahr auf den Straßen verringert", sagt Katja Frisch vom Automobilclub ADAC.

Wie die Ferienordnung zusammengebastelt wird, ist eine Wissenschaft für sich. Denn zu viele Menschen haben eine eigene Meinung, was in ihren Augen zumutbar ist und was nicht. In jedem Bundesland gibt es einen Referenten für Ferienangelegenheiten, der zusammen mit seinen Kollegen einen Entwurf erarbeitet. Haben sich die Länder geeinigt, muss der Plan den Schulausschuss passieren und die Zustimmung des Amtschefs erhalten, bevor er schließlich dem Plenum der Kultusministerkonferenz vorgestellt wird.

Dabei könnte es auf den ersten Blick so einfach sein. Jedes Bundesland rutscht im folgenden Jahr einfach eine Woche nach hinten. Man müsste nur darauf achten, dass die bevölkerungsreichsten Länder Bayern, Baden-Württemberg und NRW mit ausreichend Abstand starten. Andernfalls droht eine Situation wie in Frankreich, wo sich die meisten Urlauber gleichzeitig ins Auto setzen, um in Richtung Strand oder Berge aufzubrechen und dadurch die Straßen verstopfen.

Seit Premierminister Léon Blum 1936 den bezahlten Urlaub für französische Arbeiter eingeführt hat, verabschiedet sich spätestens im August ganz Frankreich in die Ferien. Paris stirbt aus und wird den ausländischen Touristen überlassen. Viele Bäckereien, Restaurants und kleine Läden in der Hauptstadt schließen für ein paar Wochen. In Politik und Wirtschaft passiert ebenfalls nicht viel. "Das machen wir dann nach der Rentrée": Dieser Satz ist ständig zu hören. Denn die Rückkehr aus den Sommerferien, die so genannte "Rentrée" Anfang September, gilt für viele Franzosen als Zäsur, die wichtiger ist als Neujahr, Wohnungs- oder Jobwechsel. Die meisten Unternehmen bringen neue Produkte erst dann auf den Markt, genau wie Fernsehsender Programminnovationen.

In Deutschland dagegen wechseln sich alle Bundesländer mit Ausnahme von Bayern und Baden-Württemberg ab. Die beiden südlichen Länder sind jedes Jahr die letzten, bei denen die Ferien losgehen. Dafür haben sie gute Gründe. Früher hieß es, dass die Kinder bei der Ernte im August helfen sollten. Heute liegt es nur noch an den Pfingstferien. Da der christliche Feiertag genau 50 Tage nach dem Osterfest liegt, fallen diese freien Tage automatisch auf einen Zeitraum zwischen Mai und Juni. "Da dann die Prüfungen noch nicht abgeschlossen sind, können die großen Sommerferien mit ausreichend Abstand erst Ende Juli losgehen", sagt Susanne Schwarzenberg von der KMK.
Während die beiden Bundesländer also fein raus sind, müssen sich die anderen einigen. Denn keiner nimmt freiwillig die Startposition ein. Dieses Jahr haben Hessen und Rheinland-Pfalz seit dem 23. Juni frei. Dort geht die Schule bereits wieder los, bevor sich Bayern am 4. August überhaupt in die Ferien verabschiedet.

Für die Wirtschaft ist das kein Grund zur Aufregung, im Gegenteil. "Es ist besser für die Urlauber, wenn die Ferienzeiten entzerrt sind, da sonst Straßen, Flugzeuge und Hotels noch überfüllter wären", sagt Anja Braun vom Tourismusunternehmen TUI. Das mag zwar stimmen, beschert den Reiseveranstaltern aber auch eine lang andauernde Hochsaison. Für diesen Sommer sind die Aussichten übrigens ausgesprochen gut. Laut einer aktuellen Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) geht ein Drittel des Gastgewerbes von einer günstigen Geschäftslage aus, die Hälfte rechnet immerhin mit gleichbleibenden Geschäften.
Quelle: Welt
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