Die Szene der Finanzschwindler - meist Deutsche
In diesem Thema wurden schon 0 Auszeichnungen vergeben!
Dieses Thema wurde 3168 mal besucht und hat 2 Antworten.

Die Szene der Finanzschwindler - meist Deutsche
Anlagebetrüger haben Hochkonjunktur in der Schweiz,
.. und sie werden häufig mit Vornamen gerufen, die eher jenseits der Nordgrenze beliebt sind: Dietmar und Manfred, Achim und Jürgen.
Das Phänomen ist Staatsanwälten, Finanzaufsehern und Privatermittlern bekannt:
Die Szene der Finanzschwindler wird von Deutschen dominiert.
Freizügige Niederlassungsrechte und moderne Kommunikationstechnik machen es möglich: Der grösste Finanzgraumarkt Europas nimmt Domizil in der Schweiz. Mit dem Strom der neudeutschen Zuwanderung kommen Milieufiguren ins Land, die in ihrer Heimat oft schon einmal gescheitert sind: Pleitiers und Darlehensschwindler, Börsentrickser und Geldzauberer.
Zugewanderter Graumarkt. Kiener ist kein Einzelfall
«Wir beobachten vermehrt Fälle mit deutschen Angeschuldigten», sagt Peter Pellegrini, Leitender Staatsanwalt für Wirtschaftsdelikte in Zürich. «Und oft sind die Opfer auch Deutsche», fügt er hinzu. «Ja, das ist so», sagt auch Alain Bichsel. Der Mediensprecher der Finanzmarktaufsicht Finma bemüht sich, das Phänomen diplomatisch zu umschreiben: «Ein beachtlicher Teil kommt aus Deutschland.» In der Enforcement-Abteilung der Finma gehören die Deutschen längst zum Ermittleralltag. Dort vergeht kaum ein Monat ohne eine Aktion gegen deutsche Tatverdächtige: Schutzmassnahmen gegen Börsenschwindler, Zwangskonkurse gegen Scheinbanken, Fondsfantasten oder selbst ernannte Devisenhändler und Finanzzauberer, die ohne Bewilligung tätig wurden.
Die schlimmsten Fälle, bei denen die Finma schwere Verletzungen aufsichtsrechtlicher Bestimmungen erkannte, werden seit Inkrafttreten des neuen Finma-Gesetzes vor zwei Jahren laufend in einer schwarzen Liste veröffentlicht.
Eine Auswertung dieser Fälle ergibt ein klares Bild:
In 77 Prozent der Fälle waren deutsche Staatsbürger beteiligt. Nur eine kleine Fallzahl geht auf das Konto anderer Nationalitäten: Österreicher, Amerikaner, Australier zum Beispiel. Schweizer Täter sind ganz klar in der Minderheit. «Wie eine Hydra», sagt Bichsel, erlebten die Finma-Ermittler diese Szene. Kaum sei ein Büro geschlossen worden, träten mit neuer Schweizer Adresse wieder ehemalige Kompagnons, Vermittler oder Strohleute auf. Die Finma wolle daher die Marktaufsicht verstärken.
Rund 50 Untersuchungsbeauftragte sind bereits für die Finma im Einsatz, um die Schwindlerbüros von Amts wegen geregelt abzuwickeln, mit Kontosperren, Beschlagnahmungen und Zwangskonkursen. Sie sind meist spezialisierte Fachleute aus Anwaltskanzleien oder Prüfkonzernen. Wie der Zürcher Anwalt Daniel Hunkeler, der häufig für die Finma im Einsatz ist. Er nimmt dann in deren Auftrag Einsitz in den Verwaltungsräten der mutmasslichen Schwindlerfirmen und liquidiert die Gesellschaften. «Diese Zahlen habe ich in der Tendenz erwartet», sagt Hunkeler zur Auswertung der Tatverdächtigen nach ihrem Herkunftsland, «auch ich machte entsprechende Erfahrungen.» Und oft erlebt er eine perfekte Camouflage: «In Tat und Wahrheit steckt hinter dem vermeintlich soliden Schweizer Unternehmer kaum mehr als ein Briefkasten», sagt Hunkeler, «und wir erlebten wiederholt, dass das gesamte Geschäft aus Deutschland gemanagt wurde.»
Der Frankfurter Investorenanwalt Andreas Warkentin, der viele deutsche Geschädigte vertritt, bestätigt: «In der Tat haben fast alle Betrugsfälle, mit denen ich mich befasse, einen Schweiz-Bezug.» Und der Zürcher Anwalt Daniel Fischer, ein Fachmann für Gläubigerschutzprozesse, resümiert: «Viele werden nicht durch Profiterwartungen, sondern durch das Schweizerkreuz paralysiert».
In der Tat. Mit einer Schweizer Adresse lässt sich mitunter schlichter Blödsinn verkaufen. Im Zürcher Oberland mussten Staatsanwälte einen Goldkessel in die Asservatenkammer nehmen, den Hochstapler als den Heiligen Gral verkaufen wollten, den schon die Artus-Ritter fieberhaft gesucht hatten. Die Firma Morgan Stanwick in Jona SG bezifferte den Wert des Fundstücks, das im Chiemsee bei München geborgen worden sein soll, auf 450 Millionen Franken. Nach dem Konkurs wurde die Firma im Sommer aufgelöst. Ihr Domizilgeber, ein Deutscher, sieht sich einer Betreibung in Höhe von 29 Millionen Franken ausgesetzt.
Swissness ist das stärkste Zugpferd der Schwindelfirmen. Sie wissen: Darauf fahren die Deutschen ab. Wie zum Beispiel beim «Swiss Money Report», einem Börsenbrief, der als Fax-Massensendung verbreitet wird. Verantwortlich für den Inhalt ist der angebliche Geschäftsführer der Altanus Private Media in London, die bereits im September 2009 aufgelöst wurde, ohne je ihren Berichtspflichten gegenüber dem Handelsregister nachgekommen zu sein.
Die aktuelle Empfehlung des Reports ist eine britische Start-up-Firma, die sich angeblich der Business-Fliegerei verschrieben hat und kürzlich für zwölf Millionen Dollar eine Fluggesellschaft in Panama gekauft haben will.
GLOBAL AVIATION SYNDICATE LTD
2ND FLOOR
145-157 ST JOHN STREET
LONDON EC1V 4PY
MR DOMENIC MINICHIELLO
MR MARTIN KLAUS SCHULBE (*December 28, 1979)
Auf der Firmenwebsite können Kunden, die es nicht lassen wollen, mittels Internetbuchung mit einer Gulfstream in die Luft gehen, zumindest virtuell. Wer die Firma anruft, landet in einem Callcenter in Frankfurt am Main. Es gibt 7,9 Millionen Aktien, und der Börsenbrief verspricht «enorme Kurs-Chancen», möglicherweise stehe eine Kapitalerhöhung an. «Erfahrungsgemäss bedeutet dies einen starken Kursanstieg», bis zu 1500 Prozent Gewinn wird verkündet: «Strong Fly!»
Virtuelles Niemandsland. Selbst halbwegs gebildete Zeitungsleser würden den Kopf schütteln, doch das hinderte die Deutsche Börse nicht, am 1.??September die Aktie der Firma zum Handel am Open Market zuzulassen.
Die Schweizer Behörden sind in diesem Fall weitgehend machtlos:
Der Börsenbrief operiert im virtuellen Niemandsland, die angepriesene Firma in London. Auf dem Kurszettel des «Swiss Money Report» befindet sich auch die Aktie der jungen Filmfirma SixStar Films AG, die ebenfalls zum Handel in Frankfurt zugelassen ist.
Die Firma hatte ihr Domizil kürzlich noch bei der jungen Anwaltsfirma W’Law an bester Zürcher Lage. W’Law-Anwalt Horst Weber erklärt die Sache so: «Wir bieten der Gesellschaft Domizil und Postadresse und leiten die Post unbearbeitet weiter. Das ist weder unüblich noch für eine im Handelsregister eingetragene Gesellschaft grundsätzlich problematisch. Daran ist auch nichts Ehrenrühriges.»
Also alles in bester Ordnung? Die Zweifel kann auch der einzige Verwaltungsrat von SixStar, der junge Filmemacher Felix Kersting im westfälischen Lüdenscheid, nicht ausräumen, der gerade seinen neusten Streifen in die Kinos bringen will. Eine «Roadshow» stehe an. Aktien seiner Firma habe er nicht gekauft, sagt Kersting. Die Aktionäre fahren mit den Papieren der Filmfirma Achterbahn. Zum Börsenschluss am 15.??Oktober brachte sie es auf 1,15 Millionen Euro Marktwert. Für Jubelberichte und Warnmeldungen von Börsenbriefen sei er schliesslich nicht verantwortlich, testierte Finanzberichte will er nicht liefern.
Eine Merkwürdigkeit ist ihm tatsächlich erst durch eine Anfrage der BILANZ aufgefallen, wie er sagt: Die Website seiner Zürcher Firma hat offensichtlich den gleichen Designer wie die Londoner Firma für Businessflüge. Wohl nur ein Zufall. Allerdings reagierte der Domizilgeber Horst Weber auf die BILANZ -Recherchen: «Wir werden den Domizilvertrag am Montag kündigen und gleichentags das Handelsregister entsprechend informieren. Wir werden der SixStar AG keine weiteren Dienste anbieten und können uns deshalb auch nicht weiter zu ihr äussern.»
In Deutschland sind die Finanzmarktregeln so lasch wie noch nie.
Die Finanzaufsicht BaFin gilt in der Szene als Lachnummer,
die Strafverfolgungsbehörden sind heillos überlastet, die Geldwäschekontrolle funktioniert schlecht. Früher verkauften die Schwindler Warenterminkontrakte an der kanadischen Börse in Toronto, heute operieren sie mit eigener Aktiengesellschaft am offenen Marktsegment der Deutschen Börse in Frankfurt. Dort ist vieles möglich. Via E-Listing füllen die Täter ein elektronisches Formblatt aus, legen eine Eröffnungsbilanz vor, und schon sind sie in Frankfurt kotiert – ein Going public für Dummies.
Schein-Domizile
Das Massengeschäft mit den simplen Betrugsmustern hat in Deutschland eine lange Tradition. In den siebziger Jahren blühten die Geschäfte der «Bauherrenmodelle», dann kamen in den achtziger Jahren die selbst ernannten Börsenbroker, meist mit Domizil im rheinischen Raum. Wie Warenterminkönig Heinz Knöpfel alias Heinz Heinrich Hensley-Piroth, der «Altmeister der Telefonhaie», einst verkündete: «Gewinner geben nie auf.» Er zügelte nach Luzern. Oder Jürgen Amann, einst in Köln im Bauherrengeschäft. Er gründete in Zug Immobilienfirmen, an denen sich deutsche Anleger als Kommanditisten mit vermeintlichem AHV-Anspruch beteiligen durften. Gegen beide laufen die Strafuntersuchungen noch, es gilt die Unschuldsvermutung. In den Boomzeiten wurden in Deutschland Tausende Telefonverkäufer ausgebildet. Heute telefonieren sie mit einem Schweizer Natel.
Doch anders als Piroth und Amann nutzen viele den Firmeneintrag in der Schweiz nur für den soliden Schein. «In einem Fall haben wir bei der Durchsuchung in einem Büro nur einen gewaltigen Server entdeckt», erzählt ein Untersuchungsbeauftragter, «und ein paar Flaschen Champagner im Kühlschrank. Kein Besprechungstisch, nichts, was auf einen Bürobetrieb hindeutete.» So werden vielfach Telefonanrufe und Faxe geräuschlos weitergeleitet, E-Mails ohnehin. Manche treiben das Spiel noch weiter, nachdem sie aufgeflogen sind. So gelangte ein Frankfurter Anwalt im August mit einer Beschwerde an das Bundesstrafgericht, mit der er für seinen deutschen Klienten gegen einen abgelaufenen Fristtermin opponierte, weil die Gerichtspost an die Schweizer Firma offenbar nicht gelesen wurde. Der Anwalt ersuchte für seinen Klienten, gegen den wegen des Verdachts des gewerbs- und bandenmässigen Betruges ermittelt wird, um eine unentgeltliche Rechtspflege.
Der dreiste Auftritt ist Alltag.
Beim Katz-und-Maus-Spiel mit den Ermittlern liegen die Schwindler wieder vorne. Die Täter bewegen sich mühelos über die Grenze hinweg, die Justiz hingegen muss die Form wahren – und stets auf dem mühsamen Weg der gesetzlich geregelten Rechtshilfe verkehren. «Die Eintrittsschwelle wurde durch die neuen Normen zur Personenfreizügigkeit für die Täter niedriger», klagt Staatsanwalt Pellegrini, «aber die alten justiziellen Landesgrenzen bestehen weiterhin.»
So war auch der schöne Dieter, der sich an der mallorquinischen Felsklippe das Leben nahm, weder für Gläubiger noch für Ermittler greifbar. Er war zwar vertretungsberechtigter Direktor der Fonds, die ihren offiziellen Sitz in der Karibik hatten, er unterzeichnete die Provisionsverträge mit den Vermittlern, und er richtete die Internetadresse der Fonds ein. Ein Testanruf vor einem Jahr: «Bin ich richtig verbunden mit K1 in Road Town?» Eine deutsche Telefonistin meldete sich: «Nein, das ist ein virtuelles Büro.» Und der echte Herr Frerichs? «Herr Frerichs ist Resident von Gibraltar. Wir sind hier immer per E-Mail und Telefon mit ihm in Kontakt, da ist nichts Verwerfliches. Mehr muss ich Ihnen nicht erzählen, das geht Sie nichts an!»
Solche Fälle mit unauffindbaren Hintermännern landen bei der Finma in der sogenannten Negativliste. Diese umfasst mehrere eng beschriebene Seiten mit illustren Firmen wie Schweizerische Wertpapierabrechnungsgesellschaft, Swiss Audit oder Genfer Kreditanstalt.
Andere Firmen siedeln sich tatsächlich an, gründen eine Aktiengesellschaft und tragen sich als Verwaltungsrat ein oder operieren mit Personal in der Schweiz. Oder sie setzen in der Schweiz Vermittlerbüros ein, wie der flüchtige Millionenbetrüger Ulrich Engler, der bereits mit Hilfe der TV-Sendung «Aktenzeichen XY... ungelöst» gesucht wurde: 6000 Geschädigte, mehr als 200 Millionen Franken Schaden. Sein Finanzvermittlerbüro in Stein am Rhein wurde von der Finma aufgelöst. Auf seine simple Masche mit angeblichem Daytrading fielen sogar deutsche Banker herein, obwohl seine Korrespondenz ziemlich stümperhaft verfasst war.
Aber wie kommt es, dass Investoren immer wieder auf billigste Versprechungen hereinfallen? Ist es die grosse Gier? Auch, aber sicher nicht allein. Auf der Kundenseite zählen die Finanzkünstler einerseits auf treue Spielernaturen, die oft mehrfach auf die Betrügereien hereinfallen. Solche Kundenadressen werden im Milieu gehandelt. Neukunden werden aber mit flott vorgetragenem Finanzlatein und Pseudobörsenwissen geködert, und sie sind in Deutschland eine leichte Beute.
Finanzielle Analphabeten.
Die Täter müssen sich dabei nicht anstrengen. «Ganz viele kommen gar nicht aus der Finanzbranche, und sie haben auch nur rudimentäre Kenntnisse vom Finanzgeschäft», berichtet Anwalt Hunkeler, «aber ein paar moderne Fachbegriffe setzen sie alle ein, wenn auch oft falsch.» Ohne grosse Mühe finden sie rasch ihre Kundschaft, denn in Deutschland mangelt es an finanzieller Allgemeinbildung, auch unter wohlhabenden Bürgern. «Nichts wissen, alles verlieren», klagten die Hamburger Autoren Marc Brost und Marcus Rohwetter über das fehlende Finanzwissen. Bestätigt wurden sie mit einer Studie der Bertelsmann-Stiftung über den «finanziellen Analphabetismus in Deutschland». Die Forscher ermittelten eine «unzureichende Befähigung der Bürger, sich mit der Finanzmaterie auseinanderzusetzen».
Ihr Fazit: «In weiten Teilen der Bevölkerung ist das grundlegende finanzielle Wissen für angemessene Vorsorge- und Anlageentscheidungen nicht ausreichend.» Und der Münchner Sozialpsychologe Dieter Frey findet, dass in Deutschland «keine Bevölkerungsschicht über die finanzielle Allgemeinbildung verfügt, die man brauchen würde, um auch wenig Geld so zu investieren, dass es im Alter reicht». Gespräche über Geld seien in Schule, Elternhaus und Gesellschaft selten, Geld ein Tabuthema in Deutschland. Sogar unter Profis scheint Nichtwissen eine Tugend. Die Schwindlerprodukte finden sich auch in Verkaufsprogrammen renommierter Versicherungen und Banken.
Der kollektive Finanzanalphabetismus ist ein idealer Nährboden für die Offerten der Schurken. Viele Anleger sind überfordert und überschätzen ihre Fähigkeiten, wenn ein monetärer Heilsbringer anruft. Und besonders rasant laufen die Geschäfte der Geldzauberer, wenn sie als Aufklärer und Finanzfachleute auf die Bühne treten dürfen. Wie im Fall des deutschen Finanzkünstlers Florian Homm, der in Zürich sein Verkaufsbüro betrieb. Jahrelang durfte er den Deutschen in den quotenstärksten TV-Talkshows erklären, wie Wirtschaft funktioniert. Auf nahezu allen TV-Kanälen wurde er als prominenter Hedge-Fund-Manager befragt. Er war der Experte, der aufklärte, wie das internationale Finanzgeschäft funktioniert, wie man mit Geld umgeht, was von Private Equity und sozialer Marktwirtschaft zu halten ist. Homm wusste stets eine Antwort. Eine bizarre Situation: Tatsächlich betrieb Homm seine Börsengeschäfte im Börsenuntergrund mit amerikanischen Billigstpapieren, schwer bewertbarem Börsenramsch.
Der Homm-Spuk ist nun in Deutschland vorbei. Am 18. September 2007 wurde er noch einmal im Zürcher Kaufleuten gesehen. «Ich gehe schlafen, damit ich für morgen frisch bin», so hatte er sich verabschiedet. Seitdem steht Homm auf der Vermisstenliste der Finanzwelt. Er wurde nie wieder gesehen. Investoren reichten Schadensersatzklagen ein, mindestens 270 Millionen Franken sollen vernichtet sein: Die Verfahren laufen noch. Sogar deutsche Banken verkauften Zertifikate auf die Homm-Fonds, deren dubiose Zielinvestments in amerikanischen Penny Stocks leicht zu recherchieren waren.
* Bilanz
.. und sie werden häufig mit Vornamen gerufen, die eher jenseits der Nordgrenze beliebt sind: Dietmar und Manfred, Achim und Jürgen.
Das Phänomen ist Staatsanwälten, Finanzaufsehern und Privatermittlern bekannt:
Die Szene der Finanzschwindler wird von Deutschen dominiert.
Freizügige Niederlassungsrechte und moderne Kommunikationstechnik machen es möglich: Der grösste Finanzgraumarkt Europas nimmt Domizil in der Schweiz. Mit dem Strom der neudeutschen Zuwanderung kommen Milieufiguren ins Land, die in ihrer Heimat oft schon einmal gescheitert sind: Pleitiers und Darlehensschwindler, Börsentrickser und Geldzauberer.
Zugewanderter Graumarkt. Kiener ist kein Einzelfall
«Wir beobachten vermehrt Fälle mit deutschen Angeschuldigten», sagt Peter Pellegrini, Leitender Staatsanwalt für Wirtschaftsdelikte in Zürich. «Und oft sind die Opfer auch Deutsche», fügt er hinzu. «Ja, das ist so», sagt auch Alain Bichsel. Der Mediensprecher der Finanzmarktaufsicht Finma bemüht sich, das Phänomen diplomatisch zu umschreiben: «Ein beachtlicher Teil kommt aus Deutschland.» In der Enforcement-Abteilung der Finma gehören die Deutschen längst zum Ermittleralltag. Dort vergeht kaum ein Monat ohne eine Aktion gegen deutsche Tatverdächtige: Schutzmassnahmen gegen Börsenschwindler, Zwangskonkurse gegen Scheinbanken, Fondsfantasten oder selbst ernannte Devisenhändler und Finanzzauberer, die ohne Bewilligung tätig wurden.
Die schlimmsten Fälle, bei denen die Finma schwere Verletzungen aufsichtsrechtlicher Bestimmungen erkannte, werden seit Inkrafttreten des neuen Finma-Gesetzes vor zwei Jahren laufend in einer schwarzen Liste veröffentlicht.
Eine Auswertung dieser Fälle ergibt ein klares Bild:
In 77 Prozent der Fälle waren deutsche Staatsbürger beteiligt. Nur eine kleine Fallzahl geht auf das Konto anderer Nationalitäten: Österreicher, Amerikaner, Australier zum Beispiel. Schweizer Täter sind ganz klar in der Minderheit. «Wie eine Hydra», sagt Bichsel, erlebten die Finma-Ermittler diese Szene. Kaum sei ein Büro geschlossen worden, träten mit neuer Schweizer Adresse wieder ehemalige Kompagnons, Vermittler oder Strohleute auf. Die Finma wolle daher die Marktaufsicht verstärken.
Rund 50 Untersuchungsbeauftragte sind bereits für die Finma im Einsatz, um die Schwindlerbüros von Amts wegen geregelt abzuwickeln, mit Kontosperren, Beschlagnahmungen und Zwangskonkursen. Sie sind meist spezialisierte Fachleute aus Anwaltskanzleien oder Prüfkonzernen. Wie der Zürcher Anwalt Daniel Hunkeler, der häufig für die Finma im Einsatz ist. Er nimmt dann in deren Auftrag Einsitz in den Verwaltungsräten der mutmasslichen Schwindlerfirmen und liquidiert die Gesellschaften. «Diese Zahlen habe ich in der Tendenz erwartet», sagt Hunkeler zur Auswertung der Tatverdächtigen nach ihrem Herkunftsland, «auch ich machte entsprechende Erfahrungen.» Und oft erlebt er eine perfekte Camouflage: «In Tat und Wahrheit steckt hinter dem vermeintlich soliden Schweizer Unternehmer kaum mehr als ein Briefkasten», sagt Hunkeler, «und wir erlebten wiederholt, dass das gesamte Geschäft aus Deutschland gemanagt wurde.»
Der Frankfurter Investorenanwalt Andreas Warkentin, der viele deutsche Geschädigte vertritt, bestätigt: «In der Tat haben fast alle Betrugsfälle, mit denen ich mich befasse, einen Schweiz-Bezug.» Und der Zürcher Anwalt Daniel Fischer, ein Fachmann für Gläubigerschutzprozesse, resümiert: «Viele werden nicht durch Profiterwartungen, sondern durch das Schweizerkreuz paralysiert».
In der Tat. Mit einer Schweizer Adresse lässt sich mitunter schlichter Blödsinn verkaufen. Im Zürcher Oberland mussten Staatsanwälte einen Goldkessel in die Asservatenkammer nehmen, den Hochstapler als den Heiligen Gral verkaufen wollten, den schon die Artus-Ritter fieberhaft gesucht hatten. Die Firma Morgan Stanwick in Jona SG bezifferte den Wert des Fundstücks, das im Chiemsee bei München geborgen worden sein soll, auf 450 Millionen Franken. Nach dem Konkurs wurde die Firma im Sommer aufgelöst. Ihr Domizilgeber, ein Deutscher, sieht sich einer Betreibung in Höhe von 29 Millionen Franken ausgesetzt.
Zitat
Morgan Stanwick
MORGAN STANWICK AG in Liquidation
Rebhalde 40
8645 Jona
VERWALTUNGSRAT: Dr.oec. Marcel Wunderli -Müggler Marcel
Swissness ist das stärkste Zugpferd der Schwindelfirmen. Sie wissen: Darauf fahren die Deutschen ab. Wie zum Beispiel beim «Swiss Money Report», einem Börsenbrief, der als Fax-Massensendung verbreitet wird. Verantwortlich für den Inhalt ist der angebliche Geschäftsführer der Altanus Private Media in London, die bereits im September 2009 aufgelöst wurde, ohne je ihren Berichtspflichten gegenüber dem Handelsregister nachgekommen zu sein.
Zitat
Altanus Private Media
ALTANUS PRIVATE MEDIA SERVICES LTD
OMEGA 4 NO. 116
6 ROACH ROAD
LONDON
E3 2PA E3 2PA
DANIEL RITT PIETERSEN
BJAERDERUP 12, BALLERUP, KOPENHAGEN, 2750, DENMARK
BIRTH DATE: April 1, 1976
Die aktuelle Empfehlung des Reports ist eine britische Start-up-Firma, die sich angeblich der Business-Fliegerei verschrieben hat und kürzlich für zwölf Millionen Dollar eine Fluggesellschaft in Panama gekauft haben will.
GLOBAL AVIATION SYNDICATE LTD
2ND FLOOR
145-157 ST JOHN STREET
LONDON EC1V 4PY
MR DOMENIC MINICHIELLO
MR MARTIN KLAUS SCHULBE (*December 28, 1979)
Auf der Firmenwebsite können Kunden, die es nicht lassen wollen, mittels Internetbuchung mit einer Gulfstream in die Luft gehen, zumindest virtuell. Wer die Firma anruft, landet in einem Callcenter in Frankfurt am Main. Es gibt 7,9 Millionen Aktien, und der Börsenbrief verspricht «enorme Kurs-Chancen», möglicherweise stehe eine Kapitalerhöhung an. «Erfahrungsgemäss bedeutet dies einen starken Kursanstieg», bis zu 1500 Prozent Gewinn wird verkündet: «Strong Fly!»
Virtuelles Niemandsland. Selbst halbwegs gebildete Zeitungsleser würden den Kopf schütteln, doch das hinderte die Deutsche Börse nicht, am 1.??September die Aktie der Firma zum Handel am Open Market zuzulassen.
Die Schweizer Behörden sind in diesem Fall weitgehend machtlos:
Der Börsenbrief operiert im virtuellen Niemandsland, die angepriesene Firma in London. Auf dem Kurszettel des «Swiss Money Report» befindet sich auch die Aktie der jungen Filmfirma SixStar Films AG, die ebenfalls zum Handel in Frankfurt zugelassen ist.
Zitat
SixStar Films AG
Zürich 8000
Kersting, Felix, Mitglied des Verwaltungsrates
Die Gesellschaft hat ihr Domizil eingebüsst.
Die Firma hatte ihr Domizil kürzlich noch bei der jungen Anwaltsfirma W’Law an bester Zürcher Lage. W’Law-Anwalt Horst Weber erklärt die Sache so: «Wir bieten der Gesellschaft Domizil und Postadresse und leiten die Post unbearbeitet weiter. Das ist weder unüblich noch für eine im Handelsregister eingetragene Gesellschaft grundsätzlich problematisch. Daran ist auch nichts Ehrenrühriges.»
Also alles in bester Ordnung? Die Zweifel kann auch der einzige Verwaltungsrat von SixStar, der junge Filmemacher Felix Kersting im westfälischen Lüdenscheid, nicht ausräumen, der gerade seinen neusten Streifen in die Kinos bringen will. Eine «Roadshow» stehe an. Aktien seiner Firma habe er nicht gekauft, sagt Kersting. Die Aktionäre fahren mit den Papieren der Filmfirma Achterbahn. Zum Börsenschluss am 15.??Oktober brachte sie es auf 1,15 Millionen Euro Marktwert. Für Jubelberichte und Warnmeldungen von Börsenbriefen sei er schliesslich nicht verantwortlich, testierte Finanzberichte will er nicht liefern.
Eine Merkwürdigkeit ist ihm tatsächlich erst durch eine Anfrage der BILANZ aufgefallen, wie er sagt: Die Website seiner Zürcher Firma hat offensichtlich den gleichen Designer wie die Londoner Firma für Businessflüge. Wohl nur ein Zufall. Allerdings reagierte der Domizilgeber Horst Weber auf die BILANZ -Recherchen: «Wir werden den Domizilvertrag am Montag kündigen und gleichentags das Handelsregister entsprechend informieren. Wir werden der SixStar AG keine weiteren Dienste anbieten und können uns deshalb auch nicht weiter zu ihr äussern.»
In Deutschland sind die Finanzmarktregeln so lasch wie noch nie.
Die Finanzaufsicht BaFin gilt in der Szene als Lachnummer,
die Strafverfolgungsbehörden sind heillos überlastet, die Geldwäschekontrolle funktioniert schlecht. Früher verkauften die Schwindler Warenterminkontrakte an der kanadischen Börse in Toronto, heute operieren sie mit eigener Aktiengesellschaft am offenen Marktsegment der Deutschen Börse in Frankfurt. Dort ist vieles möglich. Via E-Listing füllen die Täter ein elektronisches Formblatt aus, legen eine Eröffnungsbilanz vor, und schon sind sie in Frankfurt kotiert – ein Going public für Dummies.
Schein-Domizile
Das Massengeschäft mit den simplen Betrugsmustern hat in Deutschland eine lange Tradition. In den siebziger Jahren blühten die Geschäfte der «Bauherrenmodelle», dann kamen in den achtziger Jahren die selbst ernannten Börsenbroker, meist mit Domizil im rheinischen Raum. Wie Warenterminkönig Heinz Knöpfel alias Heinz Heinrich Hensley-Piroth, der «Altmeister der Telefonhaie», einst verkündete: «Gewinner geben nie auf.» Er zügelte nach Luzern. Oder Jürgen Amann, einst in Köln im Bauherrengeschäft. Er gründete in Zug Immobilienfirmen, an denen sich deutsche Anleger als Kommanditisten mit vermeintlichem AHV-Anspruch beteiligen durften. Gegen beide laufen die Strafuntersuchungen noch, es gilt die Unschuldsvermutung. In den Boomzeiten wurden in Deutschland Tausende Telefonverkäufer ausgebildet. Heute telefonieren sie mit einem Schweizer Natel.
Doch anders als Piroth und Amann nutzen viele den Firmeneintrag in der Schweiz nur für den soliden Schein. «In einem Fall haben wir bei der Durchsuchung in einem Büro nur einen gewaltigen Server entdeckt», erzählt ein Untersuchungsbeauftragter, «und ein paar Flaschen Champagner im Kühlschrank. Kein Besprechungstisch, nichts, was auf einen Bürobetrieb hindeutete.» So werden vielfach Telefonanrufe und Faxe geräuschlos weitergeleitet, E-Mails ohnehin. Manche treiben das Spiel noch weiter, nachdem sie aufgeflogen sind. So gelangte ein Frankfurter Anwalt im August mit einer Beschwerde an das Bundesstrafgericht, mit der er für seinen deutschen Klienten gegen einen abgelaufenen Fristtermin opponierte, weil die Gerichtspost an die Schweizer Firma offenbar nicht gelesen wurde. Der Anwalt ersuchte für seinen Klienten, gegen den wegen des Verdachts des gewerbs- und bandenmässigen Betruges ermittelt wird, um eine unentgeltliche Rechtspflege.
Der dreiste Auftritt ist Alltag.
Beim Katz-und-Maus-Spiel mit den Ermittlern liegen die Schwindler wieder vorne. Die Täter bewegen sich mühelos über die Grenze hinweg, die Justiz hingegen muss die Form wahren – und stets auf dem mühsamen Weg der gesetzlich geregelten Rechtshilfe verkehren. «Die Eintrittsschwelle wurde durch die neuen Normen zur Personenfreizügigkeit für die Täter niedriger», klagt Staatsanwalt Pellegrini, «aber die alten justiziellen Landesgrenzen bestehen weiterhin.»
So war auch der schöne Dieter, der sich an der mallorquinischen Felsklippe das Leben nahm, weder für Gläubiger noch für Ermittler greifbar. Er war zwar vertretungsberechtigter Direktor der Fonds, die ihren offiziellen Sitz in der Karibik hatten, er unterzeichnete die Provisionsverträge mit den Vermittlern, und er richtete die Internetadresse der Fonds ein. Ein Testanruf vor einem Jahr: «Bin ich richtig verbunden mit K1 in Road Town?» Eine deutsche Telefonistin meldete sich: «Nein, das ist ein virtuelles Büro.» Und der echte Herr Frerichs? «Herr Frerichs ist Resident von Gibraltar. Wir sind hier immer per E-Mail und Telefon mit ihm in Kontakt, da ist nichts Verwerfliches. Mehr muss ich Ihnen nicht erzählen, das geht Sie nichts an!»
Solche Fälle mit unauffindbaren Hintermännern landen bei der Finma in der sogenannten Negativliste. Diese umfasst mehrere eng beschriebene Seiten mit illustren Firmen wie Schweizerische Wertpapierabrechnungsgesellschaft, Swiss Audit oder Genfer Kreditanstalt.
Andere Firmen siedeln sich tatsächlich an, gründen eine Aktiengesellschaft und tragen sich als Verwaltungsrat ein oder operieren mit Personal in der Schweiz. Oder sie setzen in der Schweiz Vermittlerbüros ein, wie der flüchtige Millionenbetrüger Ulrich Engler, der bereits mit Hilfe der TV-Sendung «Aktenzeichen XY... ungelöst» gesucht wurde: 6000 Geschädigte, mehr als 200 Millionen Franken Schaden. Sein Finanzvermittlerbüro in Stein am Rhein wurde von der Finma aufgelöst. Auf seine simple Masche mit angeblichem Daytrading fielen sogar deutsche Banker herein, obwohl seine Korrespondenz ziemlich stümperhaft verfasst war.
Aber wie kommt es, dass Investoren immer wieder auf billigste Versprechungen hereinfallen? Ist es die grosse Gier? Auch, aber sicher nicht allein. Auf der Kundenseite zählen die Finanzkünstler einerseits auf treue Spielernaturen, die oft mehrfach auf die Betrügereien hereinfallen. Solche Kundenadressen werden im Milieu gehandelt. Neukunden werden aber mit flott vorgetragenem Finanzlatein und Pseudobörsenwissen geködert, und sie sind in Deutschland eine leichte Beute.
Finanzielle Analphabeten.
Die Täter müssen sich dabei nicht anstrengen. «Ganz viele kommen gar nicht aus der Finanzbranche, und sie haben auch nur rudimentäre Kenntnisse vom Finanzgeschäft», berichtet Anwalt Hunkeler, «aber ein paar moderne Fachbegriffe setzen sie alle ein, wenn auch oft falsch.» Ohne grosse Mühe finden sie rasch ihre Kundschaft, denn in Deutschland mangelt es an finanzieller Allgemeinbildung, auch unter wohlhabenden Bürgern. «Nichts wissen, alles verlieren», klagten die Hamburger Autoren Marc Brost und Marcus Rohwetter über das fehlende Finanzwissen. Bestätigt wurden sie mit einer Studie der Bertelsmann-Stiftung über den «finanziellen Analphabetismus in Deutschland». Die Forscher ermittelten eine «unzureichende Befähigung der Bürger, sich mit der Finanzmaterie auseinanderzusetzen».
Ihr Fazit: «In weiten Teilen der Bevölkerung ist das grundlegende finanzielle Wissen für angemessene Vorsorge- und Anlageentscheidungen nicht ausreichend.» Und der Münchner Sozialpsychologe Dieter Frey findet, dass in Deutschland «keine Bevölkerungsschicht über die finanzielle Allgemeinbildung verfügt, die man brauchen würde, um auch wenig Geld so zu investieren, dass es im Alter reicht». Gespräche über Geld seien in Schule, Elternhaus und Gesellschaft selten, Geld ein Tabuthema in Deutschland. Sogar unter Profis scheint Nichtwissen eine Tugend. Die Schwindlerprodukte finden sich auch in Verkaufsprogrammen renommierter Versicherungen und Banken.
Der kollektive Finanzanalphabetismus ist ein idealer Nährboden für die Offerten der Schurken. Viele Anleger sind überfordert und überschätzen ihre Fähigkeiten, wenn ein monetärer Heilsbringer anruft. Und besonders rasant laufen die Geschäfte der Geldzauberer, wenn sie als Aufklärer und Finanzfachleute auf die Bühne treten dürfen. Wie im Fall des deutschen Finanzkünstlers Florian Homm, der in Zürich sein Verkaufsbüro betrieb. Jahrelang durfte er den Deutschen in den quotenstärksten TV-Talkshows erklären, wie Wirtschaft funktioniert. Auf nahezu allen TV-Kanälen wurde er als prominenter Hedge-Fund-Manager befragt. Er war der Experte, der aufklärte, wie das internationale Finanzgeschäft funktioniert, wie man mit Geld umgeht, was von Private Equity und sozialer Marktwirtschaft zu halten ist. Homm wusste stets eine Antwort. Eine bizarre Situation: Tatsächlich betrieb Homm seine Börsengeschäfte im Börsenuntergrund mit amerikanischen Billigstpapieren, schwer bewertbarem Börsenramsch.
Der Homm-Spuk ist nun in Deutschland vorbei. Am 18. September 2007 wurde er noch einmal im Zürcher Kaufleuten gesehen. «Ich gehe schlafen, damit ich für morgen frisch bin», so hatte er sich verabschiedet. Seitdem steht Homm auf der Vermisstenliste der Finanzwelt. Er wurde nie wieder gesehen. Investoren reichten Schadensersatzklagen ein, mindestens 270 Millionen Franken sollen vernichtet sein: Die Verfahren laufen noch. Sogar deutsche Banken verkauften Zertifikate auf die Homm-Fonds, deren dubiose Zielinvestments in amerikanischen Penny Stocks leicht zu recherchieren waren.
* Bilanz
Bis 2020, bei guter Führung
Zitat
Der flache Klinkerbau mit dem schilfgrünen Dach wirkt aus der Ferne wie eine Mittelschule. Erst beim Näherkommen nimmt man die hohen Zäune, die Stacheldrahtrollen, die Flutlichtanlagen und die Wachtürme wahr. Die Federal Correctional Institution Allenwood ist ein US-Bundesgefängnis in Pennsylvania, draußen auf dem platten Land, weitab von jeder Siedlung. Besucher müssen ihre Telefone abgeben, Geld darf nur abgezählt in einem Plastikbeutel mitgenommen werden.
Die meisten, die hier warten, sind schwarze Frauen und Latinas, die Haare frisch frisiert, mit zappeligen Kindern in Sonntagskleidern. In kleinen Gruppen werden sie von den Wärtern durch Sicherheitsschleusen geführt. Es ist Besuchszeit, der Höhepunkt der Woche in Allenwood. Hier hat Christoph Schlütz-Reineke die vergangenen zweieinhalb Jahre verbracht. Vorher saß er zwei Jahre lang unter Drogendealern und Mördern im Untersuchungsgefängnis. »Das war die Hölle«, sagt er, hier in Allenwood sei es besser. Der 44-Jährige sieht fit und gepflegt aus. Ein paar silberne Strähnen zeigen sich in seinem dunklen Haar.
Bei wässrigem Automatenkakao und klebrigem Tütenkuchen plaudert er über sein Leben. Über die Geschichte des Finanzanlagedrückers aus der deutschen Provinz, der an die Wall Street auszog, um das ganz große Geld zu machen.
Genauer gesagt sitzt Schlütz-Reineke jetzt da und redet, als wolle er einem immer noch etwas verkaufen. Ehrgeizige Pläne habe er gehabt. Ein eigenes Brokerhaus habe er damals gründen wollen, sagt er. Eine Finanz-Boutique, die so funktionieren sollte, dass deutsche Anleger ihr Geld an ihn schickten, und er würde ihnen im Gegenzug die New Yorker Finanzwelt zugänglich machen. Mit seinen Händen zeigt Schlütz-Reineke, wie sein Brokerhaus gewachsen wäre – Umsatz, Gewinne, Aktienwert, seine Finger beschreiben eine steile Kurve nach oben. Die hellbeige Gefängnisuniform schmeichelt ihm.
Amerikanische Strafverfolger kamen 2006 zu dem Schluss: alles Betrug. Zehntausende soll er im Laufe seiner Karriere geschädigt haben, bis zu einem dreistelligen Millionenbetrag könnten sie alle zusammen verloren haben, so haben es Verbraucheranwälte geschätzt. Genau wurde es nie ermittelt. Die US-Richter fanden, Schlütz-Reineke habe seinen Kunden das Geld abgenommen und ihnen im Gegenzug überhaupt nichts geboten. Schlütz-Reineke ist zu 15 Jahren verurteilt worden, bei guter Führung kommt er 2020 raus.
Die Geschichte des geplatzten Wall-Street-Traumes begann in den Neunzigern in Düsseldorf. Kaum fertig mit der Schule, heuerte Schlütz-Reineke dort bei einer Brokerfirma an. Im Fitnessstudio hatten ihn Leute angesprochen, die bei derselben Firma arbeiteten, sie suchten Leute. Der Laden gehörte zum Imperium von Heinz Knöpfel, einem Mann, der in den siebziger und achtziger Jahren zu einer der berüchtigsten Figuren am deutschen Finanzmarkt aufgestiegen war.
Knöpfel, der sich zeitweise auch Hensley oder Piroth nannte, hat sich selber einmal als »der erfolgreichste Jäger nach dem Geld naiver Spekulanten« angepriesen. Nach eigenen Angaben erleichterte er die Kundschaft jedes Jahr um 50 Millionen Mark, Prominente wie der Exfußballstar Paul Breitner fielen auf ihn herein. Bild ernannte Hensley/Piroth einst zum »drittbesten Gauner der Welt«. Als Knöpfel Ende der neunziger Jahre ins Gefängnis kam, zerbrach sein Imperium, doch viele »Mitarbeiter« suchten ihr Glück nun auf eigene Faust. Eine der talentiertesten Nachwuchskräfte: Schlütz-Reineke.
1991 gründet Schlütz-Reineke seinen eigenen Laden: Large Investments, Inc. Er mietet Geschäftsräume an der mondänen Düsseldorfer Königsallee. Rechtlich gesehen, ist der Firmensitz die Isle of Man vor der Küste Großbritanniens, die Heimat zahlreicher unseriöser Briefkastenfirmen. Der Geschäftszweck sind Options- und Termingeschäfte für Kleinanleger.
Es ist eine Zeit, in der solche Instrumente in Deutschland einen Boom erleben. Ein Paradies für Abzocker. Sie nutzen die laxe Aufsicht, löchrige Vorschriften und die Unwissenheit der Anleger. »Es war der Wilde Westen«, sagt Schlütz-Reineke heute selbst. Eines Tages stehen Ermittler bei Large vor der Tür. Anleger haben sich beschwert, die Drücker des Unternehmens hätten das wahre Verlustrisiko der von ihnen verkauften Papiere verschwiegen. 2003 wird Schlütz-Reineke vom Landgericht Düsseldorf wegen Betrugs zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt.
Die Zeit bis zur Verurteilung wartet Schlütz-Reineke allerdings nicht tatenlos ab. Damals plant er schon seinen ganz großen Sprung: Er will an der Wall Street mitspielen. Er will es zu etwas bringen im Mekka der Finanzbranche. Er will das ganz große Rad drehen. Bis heute beteuert er, dass seine Pläne alle ganz legal gewesen seien, ein Bruch mit seiner schäbigen Vergangenheit. »Ich wollte dem Sumpf des grauen Kapitalmarkts in Deutschland entgehen.«
Er gründet eine neue Firma in New York, Results Organisation, Inc. Kunden sind weiterhin deutsche Anleger, doch mit dem neuen Sitz ist er außer Reichweite der deutschen Behörden. Seine neue Geschäftsadresse macht Eindruck: Das Büro befindet sich im 43. Stock des World Financial Center, im gleichen Büroturm wie das Brokerhaus Merrill Lynch. Es ist die Zeit der Börseneuphorie, der Internetpioniere, die über Nacht zu Millionären werden. Es ist die Zeit, als deutsche Sparer zu Spekulanten mutieren und damit eine grandiose Gelegenheit für Leute wie Schlütz-Reineke werden. Er bietet jetzt keine Termingeschäfte mehr an wie damals in Düsseldorf, er verkauft Aktienanlagen. Von Adresshändlern kauft er die Anschriften von Selbstständigen und Kleinunternehmern in Deutschland und setzt seine Telefonverkäufer auf sie an. »Selbstständige haben meist Cash und sind es gewohnt, Risiken einzugehen«, sagt Schlütz-Reineke. Results beschäftigt bald ein gutes Dutzend Leute, fast ausnahmslos Deutsche.
Vor seinem Bürofenster aus kann Schlütz-Reineke auf die Türme des World Trade Center blicken, die vor ihm in schwindelerregende Höhen ragen. Er liebt den New Yorker Lebensstil. Er stellt fest, dass eine Million hier kein großes Geld ist. »Die Maßstäbe verschieben sich in dieser Stadt«, sagt er. Er gibt Geld mit vollen Händen aus. Aufwendig richtet er sein Büro ein, kümmert sich um die Details. Er verspricht satte Provisionen für seine Mitarbeiter, für die er auch Wohnungen organisiert. Er leistet sich ein Loft in Tribeca für 8000 Dollar im Monat. Er jettet nach Deutschland, wo sein Prozess weiterläuft, und nach Florida.
Im sonnigen Miami gibt es eine Außenstelle seines Unternehmens, um die er sich liebevoll kümmert. Damit er nicht immer einen Mietwagen braucht, schafft Results einen Fuhrpark an, darunter einen Lincoln Navigator, einen nagelneuen Mercedes ML350 und einen Roadster SL55K. »Das gehörte dazu«, verteidigt er sich. »Ich habe auch viel gearbeitet und von Chinese take out gelebt.« Seine damalige Sekretärin ist nach wie vor davon überzeugt, dass ihr ehemaliger Chef ein Opfer der Justiz ist. »Ein Betrüger würde doch sein Büro nicht in so einer prominenten Lage wählen!«, sagt sie. Im Büro sah sie ihn aber überhaupt nur selten. »Und wenn er da war, rief er die Leute in den Konferenzraum und machte die Tür zu.«
Mit dem 11. September 2001 ändert sich auch für Schlütz-Reineke viel. Den Terror erleben die Results-Leute hautnah. Schlütz-Reineke mietet Behelfsräume und macht weiter. Seine Firma überlebt. So sicher fühlt sich der Exdrücker, dass er ein Jahr danach sogar ein Sat.1-Kamerateam einlädt, einen Bericht über sein Comeback zu drehen. In dem Beitrag sieht man Results-Mitarbeiter, hemdsärmelig und föhnfrisiert, hektisch am Telefon. Eine Szene wie aus dem Hollywoodreißer Wall Street. Den Fernsehleuten erzählt Schlütz-Reineke von »mehrfach sechsstelligen Verlusten«, die er durch die Anschläge erlitten haben will. Doch er zeigt sich optimistisch. »Bald haben wir das wieder drin.«
Einer von den Kunden, die dazu beitrugen, ist Stefan Reichel (Name geändert). Reichel ist Ingenieur und entwickelt Instrumente und Software für medizinische Labors. Er hat ein eigenes Büro mit drei Mitarbeitern aufgebaut. Alles andere als der naive Typ. »Wer wird so dumm sein, Fremden am Telefon sein Geld anzuvertrauen?«, sagt der 49-Jährige beim Treffen in einem Café in Frankfurt. »Aber genau das habe ich gemacht.« In Finanzangelegenheiten glaubte er sich eigentlich firm.
Im Mai 2002 erhielt er einen Anruf von einem Telefonverkäufer von Results. Der warb für Anlagen in den USA. Er schwärmte von der Börsenstadt New York, dem Sitz des angeblichen Brokerhauses und der deutschsprachigen Mannschaft, die ihn beraten könne. Das traf bei Reichel einen Nerv. Amerika hatte auch für ihn einen goldenen Klang. »Ich hatte davor schon einiges gehört, dass man da viel mehr Möglichkeiten hat als bei den Banken in Deutschland.« Jetzt schien die Gelegenheit zum Einstieg gekommen. Er forderte weitere Informationen an. Was er las, überzeugte ihn. Schließlich glaubte er, Erfahrung zu haben: Sein Büro hatte schon Geschäfte in den USA abgewickelt. »Die Unterlagen waren professionell gemacht; sie sahen genauso aus wie bei legitimen US-Firmen, mit denen ich schon zu tun hatte«, sagt er.
Reichel überwies 9500 Dollar für einen Korb aus verschiedenen bekannten US-Aktien. Auch das nächste Angebot klang seriös. Er solle Aktien von Merrill Lynch kaufen, es gebe Übernahmegerüchte um das US-Investmenthaus. Reichel recherchierte auf eigene Faust und sah die Information bestätigt. Er schickte 36500 Dollar, später weitere 16600 Dollar. Dass er einem Betrüger aufsaß, konnte er damals nicht wissen. Aber die US-Staatsanwälte sind davon überzeugt, dass Results die Orders in Wirklichkeit nie ausführte.
Das Geld sei in die Taschen der Beteiligten geflossen, unter anderem, um deren aufwendigen Lebensstil zu finanzieren. So jedenfalls stellt es die Staatsanwaltschaft später in ihrer Anklage dar. Nach der Merrill-Transaktion wurde Reichel weitergereicht an Schlütz-Reineke. Der hatte ein besonders attraktives Angebot für den guten Kunden: Der Mann solle Aktien einer Firma namens us-funds.com kaufen. Da stünde eine Fusion an. Reichel macht das nicht. Er macht seine Hausaufgaben. Über diese angebliche heiße Internetfirma lässt sich überhaupt keine unabhängige Information finden. Doch obwohl Reichel keine Kauforder gibt, findet er plötzlich 8000 Aktien in seinem Depotauszug und sein restliches angebliches Engagement entsprechend reduziert. Wütend fordert er, die Transaktion rückgängig zu machen. Stattdessen erhöht Results seinen Bestand mit dem nächsten Kontoauszug noch. Reichel schickt Faxe, er ruft an. Vergeblich. »Bis heute habe ich von denen nie wieder was gehört«, sagt er. Er habe mehr als 60.000 Dollar verloren. Schlütz-Reineke bestätigt, unter dem Nachnamen Reichel in seinen Unterlagen zwei Beträge zu finden – insgesamt 62.593 Dollar.
So oder ähnlich wie Reichel beschreiben es andere Results-Anleger: Handwerksmeister, Ärzte, ja sogar Anlageberater. »Diejenigen, die es wirklich hart getroffen hat, melden sich meist nicht, weil sie sich zu sehr schämen«, sagt die Münchner Rechtsanwältin Sylvia Sfakianakis, die Geschädigte von Schlütz-Reineke vertritt. Sie machten sich Vorwürfe, weil sie sich auf die Gauner eingelassen und die Anzahlung für das Familienheim verloren haben. Ein Metzger, von dem Sfakianakis erzählt, soll von Abzockern um die Ersparnisse des Familienbetriebs gebracht worden sein.
In seiner eigenen Familie ahnte offenbar niemand, dass Schlütz-Reineke unter die Betrüger gegangen war. Von Anfang an hatten sie es nicht geglaubt. Der Vater war Versicherungsvertreter (er ist inzwischen verstorben), die Mutter arbeitete als Prokuristin im Bereich Personal. »Schon als kleiner Junge war er zielstrebig«, sagt seine Schwester Catrin. »Ich hab darauf gewartet, dass mir die Oma was in die Hand drückt, Christoph wollte sein eigenes Geld verdienen.« Er habe Zeitungen ausgetragen, die Autos von Nachbarn gewaschen, Tiere gehütet. »Er war geschäftstüchtig. Einmal strich er alte Fahrräder neu und verkaufte sie an Freunde.« Dass er in der Finanzbranche landete, hat sie dennoch überrascht. Denn Christoph besuchte in Aachen die Fachoberschule für Gestaltung. Nach Düsseldorf war er eigentlich gegangen, um ein Praktikum in der Modeindustrie zu finden. Um sich finanziell über Wasser zu halten, kellnerte er. Bis er im Fitness-Studio von den Graumarkthaien angesprochen wird. Ob er es nicht mal bei ihnen versuchen wolle? Da war er gerade 20 Jahre alt. Bald darauf brach er sein Designstudium ab und wurde Vollzeittelefondrücker.
»Ich habe meine Kinder zur Selbstständigkeit erzogen. Das waren Christophs Sachen, da habe ich mich grundsätzlich nicht eingemischt«, sagt seine Mutter. Sie habe keine Details der Geschäfte ihres Sohnes erfahren. »Er hat viel Geld verdient, aber auch viel gearbeitet.« Auf den sichtbaren Erfolg schicke Autos, eigene Firmen waren Mutter und Schwester stolz. Bis zum Schock 2006. Während des Anrufs, mit dem ihr Sohn ihr von seiner Verhaftung durch das FBI berichtete, sei sie »aus allen Wolken gefallen«. Bis spät in die Nacht sucht sie im Internet nach Möglichkeiten, ihrem Sohn zu helfen. Ihn irgendwie nach Deutschland zurückzuholen.
Dass es überhaupt so lange dauerte, bis Schlütz-Reineke in den USA aufflog, mag allerdings auch etwas mit der besonderen Anlagesituation vieler seiner Kunden zu tun haben. Gerne boten die Results-Berater damals an, Geld unterzubringen, von dem der Fiskus nichts wissen sollte. Eine geschickte Masche: Wer Schwarzgeld verliert, kann schlecht zur Polizei gehen. Und dann geschah immer das Gleiche. Die Anleger wurden geködert mit einer Anlage in einen bekannten US-Aktienwert oder einer renommierten Fondsgesellschaft. Manchmal wurden sogar Gewinne ausgeschüttet. Und dann kam die andere Masche zum Einsatz, die Sache mit den dubiosen Anteilen der dubiosen Internetfirma us-funds.com.
Schlütz-Reineke sagt, dass er diese Firma wirklich als ein ernsthaftes Unternehmen betreiben wollte. Angeblich sollte es eine elektronische Finanzvermittlung werden, über die deutsche Kunden via Internet amerikanische Aktienfonds erwerben können sollten. Das Start-up operierte aus den Geschäftsräumen von Results. Ab 1999 beginnen die Results-Mitarbeiter, den Anlegern aufwendig gedruckte Aktien von us-funds.com aufzuschwatzen. Notiert war das Unternehmen an keiner Börse. Wie die Kurse zustande kamen, blieb im Dunkeln. Trotz der massiven Anlegergelder, die in das Unternehmen fließen, macht das Projekt über Jahre keine Fortschritte. Laut Schlütz-Reineke war das aber kein Täuschungsmanöver, sondern bloß ein Managementfehler. »Ich hätte us-funds.com einstellen sollen, als es nicht richtig voranging.«
Auf die Spur gebracht hatte die US-Ermittler ein alter Bekannter Schlütz-Reinekes: Staatsanwalt Burkhard Korthauer. Er hatte die Fälle um Large in Düsseldorf verfolgt. Und so musste es ihn ärgern, dass Schlütz-Reineke scheinbar in New York unbehelligt aktiv sein konnte. Korthauer wandte sich an die amerikanischen Kollegen. Und die übernahmen prompt. Das ist ungewöhnlich, denn die amerikanischen Strafverfolger zeigen sonst selten Interesse, wenn es nicht um amerikanische Geschädigte geht. Seit Jahren klagen deutsche Strafverfolger und Anlegervertreter über die mangelnde Kooperationsbereitschaft jenseits des Atlantiks. »Die reagieren selbst bei großen Fällen in der Regel überhaupt nicht, manchmal mokieren die sich sogar über schlechtes Englisch«, sagt der Münchner Anwalt Peter Mattil, der sich auf Anlegerschutz spezialisiert hat. Doch Schlütz-Reineke hatte Pech: Korthauers Schreiben landete auf dem Schreibtisch von Michael Garcia, einem extrem ambitionierten Bundesstaatsanwalt in New York. Posten wie der Garcias gelten in den USA als ideale Startposition für eine spätere Karriere in der Politik. In Garcias Fall munkelte man gar von einer Kandidatur für das Gouverneursamt. Nach seiner Nominierung durch Präsident Bush 2005 hatte Garcia sich einen Namen als harter Top-Cop der Wall Street gemacht, Karikaturen zeigen ihn à la John Wayne mit zackigem Sheriffstern. »Der Fall eines Finanzbetrügers, serviert auf einem Silbertablett von den deutschen Behörden ? das war unwiderstehlich«, mutmaßt ein Jurist, der früher selbst bei der New Yorker Bundesstaatsanwaltschaft tätig war.
Die Chancen für Schlütz-Reineke standen schlecht. »Es war ein schwieriger Fall«, sagt sein Verteidiger Roland Riopelle. Deshalb habe er auch seinem Mandanten ans Herz gelegt, sich schuldig zu bekennen und ein Gerichtsverfahren zu vermeiden. Denn im Fall einer Verurteilung drohten ihm 25 Jahre oder gar lebenslänglich. »Und das heißt bei uns in Amerika, dass Sie nur in einer Holzkiste wieder rauskommen«, sagt Riopelle. Schlütz-Reineke unterschrieb ein Schuldeingeständnis. Er wurde zu 15 Jahren Haft und 27 Millionen Dollar Wiedergutmachung verurteilt. »Da muss ich sogar noch froh sein«, sagt er.
Heute lässt er sich von seinen Mithäftlingen Spanisch und Gitarre beibringen. Er treibt viel Sport. So gesund habe er in seinem Leben nicht gelebt, sagt er. Sogar Chef ist er wieder: Er leitet eine gefängnisinterne Abteilung, die mit Wartungsarbeiten beauftragt ist. »Ich schaue, ob alle ihren Job erledigen.« Und er belegt ein Fernstudium zum Innenarchitekten.
Die Opfer beschäftigt derweil eine Frage: Wo ist das Geld? Seit mehr als zwei Jahren warten sie auf ihre Entschädigung. Die Staatsanwaltschaft ordnete die Beschlagnahmung von Konten, Autos und Anwesen der Results-Betreiber im Gesamtwert von 21Millionen Dollar an. Doch tatsächlich sei so gut wie nichts übrig gewesen, behauptet Schlütz-Reineke. Entwicklungskosten und Provisionen hätten das Kapital aufgezehrt. »Eine Firma in New York zu unterhalten ist teuer«, sagt er. Seine Aussage deckt sich mit einem internen Schreiben der US-Staatsanwaltschaft vom Juli vergangenen Jahres, das der ZEIT vorliegt. Demnach fanden sich auf den Konten lediglich 443.301,89 Dollar, Schlütz-Reinekes Villa sei nach Ablöse der Hypothek und Zwangsverkauf praktisch wertlos gewesen. Lediglich im Ausland seien noch um die 850.000 Dollar vorhanden, wobei ungewiss sei, ob dieses Kapital sichergestellt werden könne.
Schlütz-Reineke bemüht sich weiter um eine Überstellung nach Deutschland. Und er bittet seine Opfer um Mithilfe. Sie sollten sich für ihn einsetzen. »Nur dann kann ich arbeiten und Wiedergutmachung zahlen.« Da muss man glauben, dass es Schlütz-Reineke einmal ehrlich meint. Denn rein rechtlich gesehen, so warnt Anwalt Mattil, dürften die Ansprüche gegen Schlütz-Reineke kaum noch durchsetzbar sein, sollte er in seine Heimat zurückkehren.
Betrug mit Aktien ist nach wie vor hoch im Kurs. Berührten Themen wie Insiderhandel und Marktmanipulation früher regelmäßig nur professionelle Investoren, so sind in den letzten Jahren zunehmend Verbraucher betroffen. Besonders perfide ist, dass es oftmals nicht bei einem Betrug bleibt, sondern der Anleger im Nachgang gleich noch mal um sein Geld gebracht wird. Dr. Louis Rönsberg, Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht, kennt die Tricks der Aktienbetrüger und rät zur Vorsicht:
Der Aktienbetrug
Das Vorgehen der Betrüger ist regelmäßig das gleiche: Das Telefon klingelt und es meldet sich ein angeblicher Mitarbeiter eines angeblichen Aktienhandelshauses, meist mit seriös klingendem angloamerikanischem Namen und Sitz im Ausland. Empfohlen wird eine Aktie, die gerade angeblich außergewöhnlich günstig steht (sog. Pennystock oder Billigaktie) und die angeblich innerhalb weniger Tage um ein Vielfaches steigen wird. Als Grund für den prognostizierten Anstieg wird z. B. eine bevorstehende Fusion, der Kauf eines Patentes oder der Erwerb von vielversprechenden Bohr- oder Schürfrechten genannt. Das Ganze klingt zumeist schlüssig und nach einem „Geheimtipp". In der Folge kaufen viele der angerufenen Anleger die empfohlene Aktie im Vertrauen auf die Richtigkeit der Aussagen des angeblichen Experten. In der Konsequenz steigt der Kurs der Aktie. Der Berater hatte anscheinend Recht. Tatsächlich ist der Kursanstieg jedoch nur auf die massive Telefonwerbung der Betrüger und nicht auf eine besondere Werthaltigkeit des betreffenden Unternehmens oder das angekündigte Ereignis zurückzuführen. Wenn die Anleger dies erkennen, fällt der Wert der Aktie innerhalb kürzester Zeit ins Bodenlose.
Der Betrug mit dem Nachkauf der Aktie
Hat der Anleger erkannt, dass die Prognose offensichtlich falsch war, so ist Eile geboten, weiß Dr. Rönsberg: „Es müssen so schnell wie möglich Beweise gesichert und nach Möglichkeit Gelder arrestiert werden. Vor allem aber sollte keinesfalls versucht werden, die Verluste durch Nachkäufe auszugleichen". Denn so lautet zumeist der Rat der Betrüger. Stagniert der Kurs im Fall für kurze Zeit (sog. „dead cat bounce"), so wird dem Anleger eingeredet, der Kursverfall sei nur eine vorübergehende „Korrektur" auf dem Weg nach oben. Durch einen Nachkauf könne der Verlust bei einem nur leichten Anstieg dann umso schneller ausgeglichen werden. Tatsächlich fällt der Aktienkurs nach kurzer Zeit weiter, bis er schließlich auf dem Bruchteil eines Cent verbleibt und der Wert irgendwann aus dem Handel genommen wird.
Der Betrug mit dem angeblichen Abkauf der Aktien
Ein weiterer beliebter Trick der Aktienbetrüger besteht darin, dass sie ihren Opfern nach einer Weile anbieten, die Aktien abzukaufen. Dies sei allerdings nur gegen eine „Transaktionsgebühr" von ein paar Tausend Euro oder Dollar möglich, die natürlich vom Anleger vorgeschossen werden müssten. Zahlt der Anleger den Betrag an die Betrüger, so hört er nie wieder etwas vom vermeintlichen Käufer seiner Aktien. In einer anderen Variante wird dem Anleger mitgeteilt, seine Aktien seien bereits von einem Investor gekauft worden, der Kaufpreis hänge jedoch bei einer amerikanischen Aufsichtsbehörde fest und müsse gegen Zahlung von ein paar tausend Dollar „ausgelöst" werden. Tatsächlich gibt es diese US-Behörde (etwa die „United States Regulators and Administration Commission") meist schon überhaupt nicht, oder der Betrag soll nicht auf das Konto der Behörde in den USA, sondern z. B. auf ein Konto in Ostasien überwiesen werden.
Der Betrug mit den angeblichen Helfern
In letzter Zeit werden Opfer von Aktienbetrug immer häufiger unaufgefordert von dubiosen Firmen angerufen, die versprechen, das verlorene Geld kurzfristig zurückzuholen. Auch diese Firmen haben zumeist klangvolle angloamerikanische Namen und präsentieren sich auf seriös gestalteten Webseiten. Für ihre angeblichen Dienste verlangen sie hohe Vorschüsse. Sind die einmal gezahlt, lassen sie nie wieder etwas von sich hören.
Dr. Rönsberg rät daher durch Aktienbetrug geschädigten Anlegern dringend, sich in jedem Fall zunächst von einem im Aktien- und Kapitalmarktrecht erfahrenen Rechtsanwalt beraten zu lassen. Dieser wird die verschiedenen Möglichkeiten des weiteren Vorgehens sowie die zu erwartenden Kosten und Risiken aufzeigen und gegebenenfalls die erforderlichen Schritte einleiten.
Rechtsanwalt Dr. Rönsberg, Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht
SLB Kloepper Rechtsanwälte
Der Aktienbetrug
Das Vorgehen der Betrüger ist regelmäßig das gleiche: Das Telefon klingelt und es meldet sich ein angeblicher Mitarbeiter eines angeblichen Aktienhandelshauses, meist mit seriös klingendem angloamerikanischem Namen und Sitz im Ausland. Empfohlen wird eine Aktie, die gerade angeblich außergewöhnlich günstig steht (sog. Pennystock oder Billigaktie) und die angeblich innerhalb weniger Tage um ein Vielfaches steigen wird. Als Grund für den prognostizierten Anstieg wird z. B. eine bevorstehende Fusion, der Kauf eines Patentes oder der Erwerb von vielversprechenden Bohr- oder Schürfrechten genannt. Das Ganze klingt zumeist schlüssig und nach einem „Geheimtipp". In der Folge kaufen viele der angerufenen Anleger die empfohlene Aktie im Vertrauen auf die Richtigkeit der Aussagen des angeblichen Experten. In der Konsequenz steigt der Kurs der Aktie. Der Berater hatte anscheinend Recht. Tatsächlich ist der Kursanstieg jedoch nur auf die massive Telefonwerbung der Betrüger und nicht auf eine besondere Werthaltigkeit des betreffenden Unternehmens oder das angekündigte Ereignis zurückzuführen. Wenn die Anleger dies erkennen, fällt der Wert der Aktie innerhalb kürzester Zeit ins Bodenlose.
Der Betrug mit dem Nachkauf der Aktie
Hat der Anleger erkannt, dass die Prognose offensichtlich falsch war, so ist Eile geboten, weiß Dr. Rönsberg: „Es müssen so schnell wie möglich Beweise gesichert und nach Möglichkeit Gelder arrestiert werden. Vor allem aber sollte keinesfalls versucht werden, die Verluste durch Nachkäufe auszugleichen". Denn so lautet zumeist der Rat der Betrüger. Stagniert der Kurs im Fall für kurze Zeit (sog. „dead cat bounce"), so wird dem Anleger eingeredet, der Kursverfall sei nur eine vorübergehende „Korrektur" auf dem Weg nach oben. Durch einen Nachkauf könne der Verlust bei einem nur leichten Anstieg dann umso schneller ausgeglichen werden. Tatsächlich fällt der Aktienkurs nach kurzer Zeit weiter, bis er schließlich auf dem Bruchteil eines Cent verbleibt und der Wert irgendwann aus dem Handel genommen wird.
Der Betrug mit dem angeblichen Abkauf der Aktien
Ein weiterer beliebter Trick der Aktienbetrüger besteht darin, dass sie ihren Opfern nach einer Weile anbieten, die Aktien abzukaufen. Dies sei allerdings nur gegen eine „Transaktionsgebühr" von ein paar Tausend Euro oder Dollar möglich, die natürlich vom Anleger vorgeschossen werden müssten. Zahlt der Anleger den Betrag an die Betrüger, so hört er nie wieder etwas vom vermeintlichen Käufer seiner Aktien. In einer anderen Variante wird dem Anleger mitgeteilt, seine Aktien seien bereits von einem Investor gekauft worden, der Kaufpreis hänge jedoch bei einer amerikanischen Aufsichtsbehörde fest und müsse gegen Zahlung von ein paar tausend Dollar „ausgelöst" werden. Tatsächlich gibt es diese US-Behörde (etwa die „United States Regulators and Administration Commission") meist schon überhaupt nicht, oder der Betrag soll nicht auf das Konto der Behörde in den USA, sondern z. B. auf ein Konto in Ostasien überwiesen werden.
Der Betrug mit den angeblichen Helfern
In letzter Zeit werden Opfer von Aktienbetrug immer häufiger unaufgefordert von dubiosen Firmen angerufen, die versprechen, das verlorene Geld kurzfristig zurückzuholen. Auch diese Firmen haben zumeist klangvolle angloamerikanische Namen und präsentieren sich auf seriös gestalteten Webseiten. Für ihre angeblichen Dienste verlangen sie hohe Vorschüsse. Sind die einmal gezahlt, lassen sie nie wieder etwas von sich hören.
Dr. Rönsberg rät daher durch Aktienbetrug geschädigten Anlegern dringend, sich in jedem Fall zunächst von einem im Aktien- und Kapitalmarktrecht erfahrenen Rechtsanwalt beraten zu lassen. Dieser wird die verschiedenen Möglichkeiten des weiteren Vorgehens sowie die zu erwartenden Kosten und Risiken aufzeigen und gegebenenfalls die erforderlichen Schritte einleiten.
Rechtsanwalt Dr. Rönsberg, Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht
SLB Kloepper Rechtsanwälte

