Niederlande - platzt die Immobilienblase?
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Niederlande - platzt die Immobilienblase?
Lange galten die Niederlande als Hort der Stabilität. Doch nun rutscht auch das Land der Tulpen und des Goudakäses immer tiefer in die Krise. Laut einer Schätzung droht ein Abschreibungsbedarf von 37 Mrd. Euro
In den Niederlanden jagt eine Hiobsbotschaft die andere: Das Zentralamt für Statistik CBS gab soeben bekannt, dass Holland in diesem Jahr auf einen Pleiterekord zusteuert. Im ersten Halbjahr 2012 mussten bereits 3764 Firmen Konkurs anmelden. Das sind 25 Prozent mehr als vor einem Jahr. Schwer getroffen sind vor allem der Bausektor und der Einzelhandel. Im Bausektor stiegen die Pleiten im vergangenen Semester um 44 Prozent auf 495. Im Einzelhandel legten die Konkurse um 22 Prozent auf 676 zu.
Hollands Wirtschaft befindet sich bereits in der Rezession. 2012 wird die Wirtschaftsleistung voraussichtlich um 0,7Prozent schrumpfen. Das ist mehr als in der Eurozone, wo mit einem Rückgang von 0,3Prozent gerechnet wird. Indes steht in den Niederlanden die erste Systembank am Rande des Abgrunds. Es ist der Finanzkonzern SNS Reaal. Die SNS-Gruppe musste bereits auf dem Höhepunkt der Finanzkrise 2008 vom holländischen Staat gerettet werden und erhielt damals 750 Mio. Euro Hilfszahlungen. Nun aber ist das Institut wieder auf dem Boden, kann das Geld nicht zurückbezahlen und braucht dringend 800 Mio. Euro neues Kapital.
Ist das Triple-A gefährdet?
An der Börse kann die SNS-Gruppe das Geld nicht mehr einsammeln. Die SNS-Aktien sind pro Stück gerade noch einen Euro wert. Seit dem Börsengang der SNS vor sechs Jahren, als die Titel zum Preis von 17 Euro in den Handel gestartet sind, haben sie 94 Prozent ihres Werts verloren. Bei diesem niedrigen Börsenkurs ist die SNS-Gruppe nur noch rund 300 Mio. Euro wert. Sie verwaltet aber Spargelder in Höhe von 35 Mrd. Euro. Sie ist daher eine Systembank, die nicht pleitegehen darf.
Der Grund für die Schieflage der SNS-Gruppe ist ihr Engagement in Immobilien, sowohl in den Niederlanden als auch in Spanien und in den USA. Nachdem dort die Immobilienblasen bereits geplatzt sind, droht nun auch in den Niederlanden ein Immobiliencrash. Er könnte fatale Folgen für das Land haben, das derzeit mit Deutschland, Finnland und Luxemburg in der Eurozone noch mit der besten Bonitätsnote Triple-A bewertet wird.
Bei den Büro- und Industrieimmobilien läuft die Luft schon langsam aus der Blase. Wer ein 1500 Quadratmeter großes Loft in Amsterdam mieten will, zahlt mit etwas Glück nur noch 250 Euro pro Monat. Vor fünf Jahren wären für eine ähnliche Fläche 10.000 Euro verlangt worden. Nach Berechnungen des Ingenieurs- und Projektentwicklungsunternehmens Arcadis wurden bisher erst neun Mrd. Euro in den Bilanzen der meisten in Immobilien engagierten Banken und Investmentgesellschaften abgeschrieben. Den noch ausstehenden Abschreibungsbedarf beziffert Arcadis auf 37 Mrd. Euro.
Insgesamt haben die niederländischen Banken und Versicherungen nach Angaben von Arcadis rund 80 Mrd. Euro an industriellen Immobilienforderungen ausstehen. Es ist zu befürchten, dass ein Großteil davon abgeschrieben werden muss.
Immer mehr Büros stehen leer
Denn durch die Pleitewelle stehen auch immer mehr Büro- und Industriegebäude leer. Das Angebot an Industrieimmobilien wird daher weiterwachsen, die Preise und die Mieten dafür werden sinken.
Bleibt zu hoffen, dass nicht auch noch der Wohnungssektor von der Krise erfasst wird. Er könnte aber möglicherweise gegen eine Ansteckung gefeit sein. Dann da die Bauwirtschaft darniederliegt, werden kaum mehr neue Wohnungen gebaut, sodass sich das Angebot auf dem Wohnungsmarkt kaum ausweiten dürfte.
* Die Presse
In den Niederlanden jagt eine Hiobsbotschaft die andere: Das Zentralamt für Statistik CBS gab soeben bekannt, dass Holland in diesem Jahr auf einen Pleiterekord zusteuert. Im ersten Halbjahr 2012 mussten bereits 3764 Firmen Konkurs anmelden. Das sind 25 Prozent mehr als vor einem Jahr. Schwer getroffen sind vor allem der Bausektor und der Einzelhandel. Im Bausektor stiegen die Pleiten im vergangenen Semester um 44 Prozent auf 495. Im Einzelhandel legten die Konkurse um 22 Prozent auf 676 zu.
Hollands Wirtschaft befindet sich bereits in der Rezession. 2012 wird die Wirtschaftsleistung voraussichtlich um 0,7Prozent schrumpfen. Das ist mehr als in der Eurozone, wo mit einem Rückgang von 0,3Prozent gerechnet wird. Indes steht in den Niederlanden die erste Systembank am Rande des Abgrunds. Es ist der Finanzkonzern SNS Reaal. Die SNS-Gruppe musste bereits auf dem Höhepunkt der Finanzkrise 2008 vom holländischen Staat gerettet werden und erhielt damals 750 Mio. Euro Hilfszahlungen. Nun aber ist das Institut wieder auf dem Boden, kann das Geld nicht zurückbezahlen und braucht dringend 800 Mio. Euro neues Kapital.
Ist das Triple-A gefährdet?
An der Börse kann die SNS-Gruppe das Geld nicht mehr einsammeln. Die SNS-Aktien sind pro Stück gerade noch einen Euro wert. Seit dem Börsengang der SNS vor sechs Jahren, als die Titel zum Preis von 17 Euro in den Handel gestartet sind, haben sie 94 Prozent ihres Werts verloren. Bei diesem niedrigen Börsenkurs ist die SNS-Gruppe nur noch rund 300 Mio. Euro wert. Sie verwaltet aber Spargelder in Höhe von 35 Mrd. Euro. Sie ist daher eine Systembank, die nicht pleitegehen darf.
Der Grund für die Schieflage der SNS-Gruppe ist ihr Engagement in Immobilien, sowohl in den Niederlanden als auch in Spanien und in den USA. Nachdem dort die Immobilienblasen bereits geplatzt sind, droht nun auch in den Niederlanden ein Immobiliencrash. Er könnte fatale Folgen für das Land haben, das derzeit mit Deutschland, Finnland und Luxemburg in der Eurozone noch mit der besten Bonitätsnote Triple-A bewertet wird.
Bei den Büro- und Industrieimmobilien läuft die Luft schon langsam aus der Blase. Wer ein 1500 Quadratmeter großes Loft in Amsterdam mieten will, zahlt mit etwas Glück nur noch 250 Euro pro Monat. Vor fünf Jahren wären für eine ähnliche Fläche 10.000 Euro verlangt worden. Nach Berechnungen des Ingenieurs- und Projektentwicklungsunternehmens Arcadis wurden bisher erst neun Mrd. Euro in den Bilanzen der meisten in Immobilien engagierten Banken und Investmentgesellschaften abgeschrieben. Den noch ausstehenden Abschreibungsbedarf beziffert Arcadis auf 37 Mrd. Euro.
Insgesamt haben die niederländischen Banken und Versicherungen nach Angaben von Arcadis rund 80 Mrd. Euro an industriellen Immobilienforderungen ausstehen. Es ist zu befürchten, dass ein Großteil davon abgeschrieben werden muss.
Immer mehr Büros stehen leer
Denn durch die Pleitewelle stehen auch immer mehr Büro- und Industriegebäude leer. Das Angebot an Industrieimmobilien wird daher weiterwachsen, die Preise und die Mieten dafür werden sinken.
Bleibt zu hoffen, dass nicht auch noch der Wohnungssektor von der Krise erfasst wird. Er könnte aber möglicherweise gegen eine Ansteckung gefeit sein. Dann da die Bauwirtschaft darniederliegt, werden kaum mehr neue Wohnungen gebaut, sodass sich das Angebot auf dem Wohnungsmarkt kaum ausweiten dürfte.
* Die Presse
Mehr Arbeitslose, höhere Kreditausfälle, sinkene Häuserpreise: Die Immobilienblase in den bisher so krisenresistenten Niederlanden droht zu platzen
Ob sie auf Hausbooten, in ehemaligen Windmühlen oder in reetgedeckten Häuschen gleich hinter dem Deich leben, ist den Niederländern wohl gleich: Hauptsache, sie wohnen in den eigenen vier Wänden. Lange bekam der Traum vom Eigenheim politischen Rückenwind. Seit 2001 können die Niederländer ihre Hypothekenzinsen von der Steuer absetzen – und sie nutzten diese Möglichkeit reichlich.
Was eigentlich als Finanzierungshilfe für Hausbauer gedacht war, entpuppte sich als Anreiz, immer neue Schulden aufzutürmen. Inzwischen borgen sich die Niederländer Geld nicht nur zum Erwerb von Immobilien, sondern beleihen ihre Häuser auch für den privaten Konsum, um von der staatlichen Kreditsubvention zu profitieren. Das Ergebnis zehn Jahre öffentlich geförderten Schuldenmachens: Nirgendwo in der Euro-Zone stehen private Haushalte – gemessen am Einkommen – tiefer in der Kreide als in den Niederlanden.
Die Hypothekenschulden sind relativ zur Wirtschaftsleistung sogar die höchsten der Welt. Jeder Einwohner schultert die enorme Summe von 38 010 Euro. Zum Vergleich: Die Deutschen leisteten sich pro Kopf Kredite von 14 090 Euro, im EU-Schnitt sind es sogar bloß 12 900.
Während die Schulden stiegen, überhitzte sich der niederländische Häusermarkt. Tobias Just, Professor für Immobilienwirtschaft an der Universität Regensburg: „Die steuerliche Abzugsfähigkeit hat die Preise in den Niederlanden verzerrt.“ Das ging lange Zeit gut. Nun aber gibt der Immobilienmarkt nach. Unter dem Eindruck von Rezessionsangst und Arbeitslosigkeit sackten die Immobilienpreise binnen Jahresfrist um acht Prozent ab. Die Zahl der erteilten Baugenehmigungen sank auf den niedrigsten Stand seit 1953. Und der größte niederländische Baukonzern BAM warnt vor einer Krise spanischen Ausmaßes. So sprang im ersten Halbjahr 2012 die Zahl der Firmenpleiten im Bausektor um satte 44 Prozent nach oben.
640 Mrd. Euro schulden Holländer ihren Hypothekenbanken (1995 waren es noch 140 Milliarden).
um 16 Prozent sanken die Immobilienpreise seit der Finanzkrise – und der Trend beschleunigt sich.
Heute steht das Verkaufsschild „Te koop“ vor 221 000 Immobilien, vor vier Jahren waren es noch weniger als 150 000. Im gleichen Zeitraum haben die Häuserpreise in manchen Regionen der Niederlande um 20 Prozent nachgegeben. Derzeit stehen doppelt so viele Immobilien zum Verkauf wie im Mega-Krisenmarkt USA – gemessen an der Zahl der Einwohner. Piet Moerland, Vorstandsvorsitzender von Hollands größter Hypothekarbank, Rabobank, zieht ein ernüchterndes Fazit: „Der Immobilienmarkt liegt faktisch brach.“ Sein Institut rechnet mit weiteren vier Prozent Preisverfall 2013 und rät Kunden vom Hauskauf ab.
Die wirtschaftliche Lage zwingt bislang nur wenige Hausbesitzer zu Notverkäufen. Das könnte sich ändern. Holland taumelt am Rande der Rezession, die Arbeitslosenquote ist mit etwas mehr als sechs Prozent im europäischen Vergleich zwar noch niedrig, sie ist in den vergangen Quartalen aber deutlich gestiegen und liegt bereits höher als während der Finanzkrise vor vier Jahren.
Schon heute lebt jeder fünfte Niederländer in einer Immobilie, die so stark an Wert verloren hat, dass er mit ihrem Verkauf seine Hypotheken nicht mehr ablösen könnte. Wenn die Preise um weitere zehn Prozent nachgeben, sei bereits jede dritte Immobilie überschuldet, warnt die Niederländische Zentralbank.
Das wird zum Problem für die Banken des Landes. Bei der Rabobank stiegen die Abschreibungen auf faule Kredite im ersten Halbjahr 2012 um mehr als 75 Prozent auf 1,1 Milliarden Euro. Auch die Bank ABN Amro meldet hohe Kreditausfälle im Immobiliensektor. Das Ingenieur- und Projektentwicklungsbüro Arcadis errechnet einen Abschreibungsbedarf von weiteren 37 Milliarden Euro.
Selbst diese Summe ist nur ein Bruchteil der insgesamt 640 Milliarden Euro, die sich die Niederländer für Immobilien geliehen haben. Dem stehen private Ersparnisse von mageren 332 Milliarden gegenüber. Das bedeutet: Niederländische Banken müssen diese Finanzierungslücke im Ausland ausgleichen – und sind damit besonders abhängig vom internationalen Kapitalmarkt.
Ewald Engelen, Finanzprofessor an der Universität Amsterdam, ist alarmiert: „Die Situation in Holland erinnert auf beunruhigende Weise an die in Irland und Spanien. Es gibt eine extrem hohe private Verschuldung, eine enorme Immobilienblase und gigantische Abschreibungen, die längst noch nicht vorgenommen wurden.“
Besonders gefährlich: Platzt die Immobilienblase, könnte sich das unmittelbar auf die – noch soliden – Staatsschulden auswirken. Vier von fünf Immobilienkrediten sind über ein weiteres staatliches Förderinstrument abgesichert – die „Nationale Hypotheek Garantie“. Können die Bürger ihre Raten nicht mehr bezahlen, muss der Staat für sie einspringen.
Immobilienfachmann Just von der Uni Regensburg: „Es gab die Erwartung in Holland, dass Immobilien quasi per Gesetz vor Wertverfall geschützt seien. Das war ein Trugschluss.“ Die staatliche Garantie sicherte Hollands Häuslebauern lange Zeit niedrige Hypothekenzinsen, jetzt gefährdet sie die Kreditwürdigkeit des gesamten Landes. Noch gehören die Niederlande mit der Bestnote AAA zu den Musterschülern in Europa. Die kürzlich gewählte sozialliberale Koalition will, dass das so bleibt – auch indem sie die Immobiliensubventionen kürzt
Jochen Möbert, Immobilienexperte der Deutschen Bank, warnt vor Risiken: „Kurzfristig könnte die Abschaffung der Subventionen die verunsicherten Immobilienmärkte zusätzlich unter Druck bringen.“ Noch ist Hollands Wirtschaft robust, sie wuchs im letzten Quartal sogar leicht um 0,3 Prozent. Das verhindert bislang, dass die schwelende Krise bei den privaten Schulden akut wird. Für Analyst Möbert lautet die entscheidende Frage: „Holt sich die sonst bärenstarke niederländische Wirtschaft bei weiter fallenden Immobilienpreisen nur einen Schnupfen, oder nimmt sie ernsthaft Schaden?“
Ob sie auf Hausbooten, in ehemaligen Windmühlen oder in reetgedeckten Häuschen gleich hinter dem Deich leben, ist den Niederländern wohl gleich: Hauptsache, sie wohnen in den eigenen vier Wänden. Lange bekam der Traum vom Eigenheim politischen Rückenwind. Seit 2001 können die Niederländer ihre Hypothekenzinsen von der Steuer absetzen – und sie nutzten diese Möglichkeit reichlich.
Was eigentlich als Finanzierungshilfe für Hausbauer gedacht war, entpuppte sich als Anreiz, immer neue Schulden aufzutürmen. Inzwischen borgen sich die Niederländer Geld nicht nur zum Erwerb von Immobilien, sondern beleihen ihre Häuser auch für den privaten Konsum, um von der staatlichen Kreditsubvention zu profitieren. Das Ergebnis zehn Jahre öffentlich geförderten Schuldenmachens: Nirgendwo in der Euro-Zone stehen private Haushalte – gemessen am Einkommen – tiefer in der Kreide als in den Niederlanden.
Die Hypothekenschulden sind relativ zur Wirtschaftsleistung sogar die höchsten der Welt. Jeder Einwohner schultert die enorme Summe von 38 010 Euro. Zum Vergleich: Die Deutschen leisteten sich pro Kopf Kredite von 14 090 Euro, im EU-Schnitt sind es sogar bloß 12 900.
Während die Schulden stiegen, überhitzte sich der niederländische Häusermarkt. Tobias Just, Professor für Immobilienwirtschaft an der Universität Regensburg: „Die steuerliche Abzugsfähigkeit hat die Preise in den Niederlanden verzerrt.“ Das ging lange Zeit gut. Nun aber gibt der Immobilienmarkt nach. Unter dem Eindruck von Rezessionsangst und Arbeitslosigkeit sackten die Immobilienpreise binnen Jahresfrist um acht Prozent ab. Die Zahl der erteilten Baugenehmigungen sank auf den niedrigsten Stand seit 1953. Und der größte niederländische Baukonzern BAM warnt vor einer Krise spanischen Ausmaßes. So sprang im ersten Halbjahr 2012 die Zahl der Firmenpleiten im Bausektor um satte 44 Prozent nach oben.
640 Mrd. Euro schulden Holländer ihren Hypothekenbanken (1995 waren es noch 140 Milliarden).
um 16 Prozent sanken die Immobilienpreise seit der Finanzkrise – und der Trend beschleunigt sich.
Heute steht das Verkaufsschild „Te koop“ vor 221 000 Immobilien, vor vier Jahren waren es noch weniger als 150 000. Im gleichen Zeitraum haben die Häuserpreise in manchen Regionen der Niederlande um 20 Prozent nachgegeben. Derzeit stehen doppelt so viele Immobilien zum Verkauf wie im Mega-Krisenmarkt USA – gemessen an der Zahl der Einwohner. Piet Moerland, Vorstandsvorsitzender von Hollands größter Hypothekarbank, Rabobank, zieht ein ernüchterndes Fazit: „Der Immobilienmarkt liegt faktisch brach.“ Sein Institut rechnet mit weiteren vier Prozent Preisverfall 2013 und rät Kunden vom Hauskauf ab.
Die wirtschaftliche Lage zwingt bislang nur wenige Hausbesitzer zu Notverkäufen. Das könnte sich ändern. Holland taumelt am Rande der Rezession, die Arbeitslosenquote ist mit etwas mehr als sechs Prozent im europäischen Vergleich zwar noch niedrig, sie ist in den vergangen Quartalen aber deutlich gestiegen und liegt bereits höher als während der Finanzkrise vor vier Jahren.
Schon heute lebt jeder fünfte Niederländer in einer Immobilie, die so stark an Wert verloren hat, dass er mit ihrem Verkauf seine Hypotheken nicht mehr ablösen könnte. Wenn die Preise um weitere zehn Prozent nachgeben, sei bereits jede dritte Immobilie überschuldet, warnt die Niederländische Zentralbank.
Das wird zum Problem für die Banken des Landes. Bei der Rabobank stiegen die Abschreibungen auf faule Kredite im ersten Halbjahr 2012 um mehr als 75 Prozent auf 1,1 Milliarden Euro. Auch die Bank ABN Amro meldet hohe Kreditausfälle im Immobiliensektor. Das Ingenieur- und Projektentwicklungsbüro Arcadis errechnet einen Abschreibungsbedarf von weiteren 37 Milliarden Euro.
Selbst diese Summe ist nur ein Bruchteil der insgesamt 640 Milliarden Euro, die sich die Niederländer für Immobilien geliehen haben. Dem stehen private Ersparnisse von mageren 332 Milliarden gegenüber. Das bedeutet: Niederländische Banken müssen diese Finanzierungslücke im Ausland ausgleichen – und sind damit besonders abhängig vom internationalen Kapitalmarkt.
Ewald Engelen, Finanzprofessor an der Universität Amsterdam, ist alarmiert: „Die Situation in Holland erinnert auf beunruhigende Weise an die in Irland und Spanien. Es gibt eine extrem hohe private Verschuldung, eine enorme Immobilienblase und gigantische Abschreibungen, die längst noch nicht vorgenommen wurden.“
Besonders gefährlich: Platzt die Immobilienblase, könnte sich das unmittelbar auf die – noch soliden – Staatsschulden auswirken. Vier von fünf Immobilienkrediten sind über ein weiteres staatliches Förderinstrument abgesichert – die „Nationale Hypotheek Garantie“. Können die Bürger ihre Raten nicht mehr bezahlen, muss der Staat für sie einspringen.
Immobilienfachmann Just von der Uni Regensburg: „Es gab die Erwartung in Holland, dass Immobilien quasi per Gesetz vor Wertverfall geschützt seien. Das war ein Trugschluss.“ Die staatliche Garantie sicherte Hollands Häuslebauern lange Zeit niedrige Hypothekenzinsen, jetzt gefährdet sie die Kreditwürdigkeit des gesamten Landes. Noch gehören die Niederlande mit der Bestnote AAA zu den Musterschülern in Europa. Die kürzlich gewählte sozialliberale Koalition will, dass das so bleibt – auch indem sie die Immobiliensubventionen kürzt
Jochen Möbert, Immobilienexperte der Deutschen Bank, warnt vor Risiken: „Kurzfristig könnte die Abschaffung der Subventionen die verunsicherten Immobilienmärkte zusätzlich unter Druck bringen.“ Noch ist Hollands Wirtschaft robust, sie wuchs im letzten Quartal sogar leicht um 0,3 Prozent. Das verhindert bislang, dass die schwelende Krise bei den privaten Schulden akut wird. Für Analyst Möbert lautet die entscheidende Frage: „Holt sich die sonst bärenstarke niederländische Wirtschaft bei weiter fallenden Immobilienpreisen nur einen Schnupfen, oder nimmt sie ernsthaft Schaden?“

