
30.04.2009
Geheime Geldströme der Somalia-Piraten
Unsere Schiffe durchfahren den Golf von Aden nur noch im Konvoi, zieht der Bremer Reeder Niels Stolberg, 47, von der Beluga Shipping GmbH (mehr als 50 Frachter) die Konsequenz aus der immer professioneller werdenden Piraterie vor der Küste Somalias am Horn von Afrika.
1,1 Millionen Dollar musste Stolberg aufbringen, um seinem Kapitän Jan Konecny (48, Vater zweier Kinder) und dessen 13-köpfiger Crew (Philippinen und Russen) im September vorigen Jahres das Leben zu retten. Neun mit Kalaschnikows und Panzerfäusten bewaffnete Somalier haben mit Schnellbooten die mit Industriegütern schwer beladene und nur 10 Knoten langsame "BBC Trinidad" (Wert: 23 Millionen Euro) 150 Kilometer vor der Küste geentert, geplündert und für 21 Tage auf offener See vor der Küstenstadt Eyl im autonomen Puntland als Geiseln genommen.

Reeder Niels
Stolberg©Beluga
GoMoPa: Wie geht es ihrem Schiff, der Mannschaft, der Fracht?
Niels Stolberg, Geschäftsführender Gesellschafter Beluga Shipping GmbH: Das Motorfrachtschiff ?BBC Trinidad?, welches zwischen dem 21. August und 10. September 2008 in der Hand somalischer Piraten war, ist nach der Freilassung in den Hafen von Muskat im Oman eingelaufen, wo die 13-köpfige Besatzung abgelöst wurde, um sich im Kreise ihrer Familien von den unvorstellbaren Drangsalen zu erholen. Die Fracht, es handelte sich um Metallrohrleitungssystemen für die Ölförderindustrie, Telefonmasten sowie General Cargo blieb unversehrt. Der Mehrzweck-Schwergutfrachter wurde gereinigt und wieder für weitere Einsätze vorbereitet. Das MS ?BBC Trinidad? ist seither im gängigen kommerziellen Betrieb und derzeit auf Projektfahrt von Houston (USA) nach Las Palmas (Spanien), danach sind Stationen in Esbjerg (Dänemark) und Riga (Lettland) bestätigt. Unter Fortzahlung der Löhne waren unsere betroffenen Kollegen bis vor kurzem vom Dienst freigestellt.

Gekapert und freigekauft:
"BBC Trinidad"©WDR
GoMoPa: Da wir ein Finanznachrichtendienst sind, sind die geldlichen Dinge sehr wichtig, auch wie weit die Versicherung hilft!
Stolberg: Nach langwierigen und komplizierten Verhandlungen hatten wir uns mit den Piraten schließlich auf eine Lösegeldsumme in Höhe von 1,1 Millionen US-Dollar geeinigt. ?JWA Marine for vessel's Hull and Machinery Insurance? haben in verhältnismäßig großem Umfang Unterstützung geleistet, ?Norwegian Hull Club for vessel's Loss of Hire Insurance? war eine Hilfe mittleren und ?Cargo Underwriters? auf unser ausdrückliches Bitten hin eine Hilfe geringen Ausmaßes.
GoMoPa: Wie beschreiben sie die Zusammenarbeit mit den Behörden, oder waren Sie auf sich allein gestellt?

Piraten mit angelegten
Maschinenpistolen©WDR
Die Zusammenarbeit war konstruktiv und von Anbeginn auf unser oberstes Ziel ausgerichtet: Unsere Kollegen an Bord unverletzt aus der Gewalt der aggressiven, unberechenbaren Piraten zu befreien. Um dieses Ziel zu erreichen, kam die ?Task Force? jeden Morgen in der Früh zur Beratung des aktuellen Sachstandes und des weiteren Vorgehens zusammen sowie um telefonische Verhandlungen mit den Piraten über die Lösegeldsumme sowie die Art der Geldübergabe zu verhandeln.
GoMoPa: Was sagen Sie Ihren Investoren und Anlegern der Schiffsfonds?
Stolberg: Die Investoren und Anleger wurden im Falle des MS ?BBC Trinidad? von der Deutschen Fonds Holding in einer Mitteilung über die Kaperung, die Einrichtung der ?Task Force?, die Freilassung und die Betreuung von Kapitän und Crew informiert. Überdies wurde mitgeteilt, dass der Mehrzweck-Schwergutfrachter MS ?BBC Trinidad? im Anschluss an die Entführung in den Entladehafen im Oman fuhr, die Ladung gelöscht und das seefahrende Personal von einem Team der Reederei in Empfang genommen wurde.

Pirat mit Gewehr am
Golf von Aden©WDR
Was geschieht mit dem Lösegeld? GoMoPa liegen Erkenntnisse vor, dass die Piraten mit Lösegeldern in großem Stil Immobilien erwerben würden. Können Sie das bestätigen oder haben Sie anderes erfahren?
Stolberg: Genaue Kenntnis darüber, wofür die Piraten das von uns erpresste Lösegeld verwendeten, haben wir nicht. Uns sind die Berichte bekannt, die aussagen, Piraten investierten die Lösegelder in Immobilien. Dass es in diesem Fall auch so war, können wir Ihnen nicht bestätigen. In unserem Fall haben die Piraten die erpressten 1,1 Millionen US-Dollar direkt nach der Geldübergabe in unterschiedlichen Summen auf 18 einzelne Pakete verteilt ? vermutlich je nach Hierarchie ein Paket für jeden an der Kaperung Beteiligten. Üblicherweise werden von einem Großteil der Lösegelder neue Waffen erworben, und es wird in die Verstärkung der infrastrukturellen Möglichkeiten der Piraten investiert, das heißt, eventuell neue Schnellboote, Ortungsgerät und dergleichen mehr gekauft.
GoMoPa: Somalia hat seit 1991 keine funktionierende Regierung mehr. Anfangs verteidigten somalische Fischer mit Gewehren ihre Fischgründe. Heute geht es nicht mehr um Fisch. Somalische Männer rotten sich in Gruppen zusammen, um mit Booten, die meist mit tragbaren Raketenwerfern und automatischen Waffen ausgerüstet sind, Jagd auf die 16.000 schwerfälligen und unbewaffneten Handelsriesen zu machen, die jährlich vor ihrer Haustür vorbeiziehen. Der Golf von Aden ist mittlerweile die gefährlichste Wasserstraße der Welt und die Piraterie ein Millionen-Geschäft. Allein 2008 kassierten die Banden für gekaperte Schiffe und Besatzungsmitglieder nach Schätzungen mehr als 150 Millionen US-Dollar.

Kapitän Jan Konecny aus
der Slowakei©Beluga
Die vielfach in Luxus lebenden Piraten gehören in dem bitterarmen Landstrich zu den Wenigen, die Handel sowie Handwerk florieren lassen und so Tausenden Menschen Arbeit bieten. Nach einem Bericht der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung kaufen die somalischen Piratenbosse einerseits Ländereien und Luxusvillen im benachbarten Kenia. Andererseits investieren sie das Geld in einen groß angelegten Schmuggel von Elektroartikeln, gefälschter Designerkleidung, Mais, Zucker und teuren Geländewagen von Somalia nach Kenia.
Immobilien und Ländereien für die Bosse

Piratenhochburg am Golf von Aden
"Die Bodenpreise hier im Nordosten sind geradezu explodiert", sagt der kenianische Provinz-Gouverneur Kimeu Maingi im Zeitungsinverview. "Wir haben allen unseren Behörden mitgeteilt, gezielt nach Piratenlösegeldern Ausschau zu halten."
Schmuggel zum Wohle der Shabaab-Miliz
Und die Gewinne, die die Schmuggler machen, werden sofort zurück nach Somalia überwiesen. Spuren hinterlassen sie nicht: Die meisten benutzen das traditionelle islamische Hawallah-System, bei dem ein Telefonanruf reicht, um Geld tausende Kilometer weit zu verschicken. Es ist das gleiche System, das angeblich zur Finanzierung von Terroranschlägen islamistischer Gruppen genutzt worden sein soll. ?Wir müssen Teile der Lösegelder an die Islamisten abgeben, ein anderer Teil geht an Gruppen, die der Übergangsregierung nahe stehen?, sagt ein Pirat, der sich Achmed Gel-Qonaf nennt. ?Es gibt eine riesige Zahl an Gruppen, die ihr Stück vom Kuchen abhaben wollen.? Und keine, sagt Gel-Qonaf, bekommt mehr als die Shabaab-Miliz, die derzeit mächtigste Islamistengruppe.
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